#couplegoals – Was der Beziehungs- und Familienstatus im Netz mit uns macht

Den heutigen Artikel schiebe ich seit Jahren im Redaktionsplan vor mir her. Auf der einen Seite liegt dieses Thema mir wirklich sehr am Herzen – auf der anderen Seite dachte ich aber immer, dass der Bezug zu meinem Kernthema fehlt.

Da sich im vergangenen Jahr aber gefühlt das halbe Internet mit der Frage meines Beziehungsstatus zu beschäftigen scheint, nehme ich das heute mal zum Anlass, meine Meinung und Haltung zu dieser Thematik mit euch zu teilen.

“Disney gave me unrealistic expectations about love”

Kennt ihr dieses Zitat? Vielleicht so viel schon mal vorweg: Ich gehöre nicht zu den Frauen, die von “dem Richtigen” träumen, von dem “Märchenprinzen” und der ultimativen “Märchenhochzeit”. Ich präferiere echte Begegnungen und Verbindungen ohne Märchencharakter. Walt Disney hat mich schon als Kind nicht gekriegt mit seinen Prinzessinnen und daran hat sich bis zum heutigen Tag auch nichts geändert.

Ähnlich verhält es sich mit der Fortpflanzung. Das erschien mir nämlich auch noch nie sonderlich reizvoll. Weder mit 20, noch mit 30 oder jetzt mit 40. Dabei ist es keineswegs so, dass ich Kinder nicht mag. Es ging und geht mir dabei viel mehr um den Autonomieverlust, den eine Frau auch im Jahr 2020 in Deutschland hinnehmen muss, wenn sie ein Kind bekommt.

Die hetero-normative Kleinfamilie, bestehend aus Vater, Mutter und Kind(-ern), wurde uns ja von der Kirche aufgedrückt und obwohl es in meinem urbanen Berliner Umfeld kein einziges Paar gibt, das in diesem Stil gemeinsame Kinder großzieht, scheint genau dieses primär christlich geprägte Modell auf Instagram und Mami Blogs erstrebenswerter denn je. Die Zeit hat kürzlich einen sehr guten Artikel über “Instamoms”, “Mamiblogs” und dieses 50er Jahre Revival veröffentlicht. Den findet ihr hier.)

Glaub’ nicht alles, was Du siehst!

Aber genau wie bei allen anderen Themen, ist auch im Bereich “Beziehung & Partnerschaft” in den sozialen Medien äußerste Vorsicht geboten. Ich kenne selbst Paare, deren Online Identität in keinster Weise mit dem Offline Chaos matched. Und ganz losgelöst von der fehlenden Authentizität frage ich mich auch ganz oft, warum so viele Männer dieses Theater mitspielen. Von der perfekt inszenierten “Märchenhochzeit” wie auf dem Pinterest Wedding Board bis zu den immer gleichen Pärchenposen, mit denen sich viele Paare scheinbar Tag für Tag selbst beweisen müssen: Seht ihr nicht, wie glücklich wir sind? Schaut nur her, wir lieben uns!

Ich werde nie verstehen, warum es Männer gibt, die dieses Prinzessinnen Game mitspielen, dabei sogar ihren richtigen Namen verlieren und sich ihrer Online Identität als “Männe” oder “GöGa” einfach hingeben.

Ledig + kinderlos = Freak

Ich habe mit Ende 20 aufgehört, Hochzeiten zu besuchen. Zu oft habe ich mitleidige Blicke der Brautmutter kassiert und zu häufig wurde mir der Arm getätschelt und dabei tröstend versichert, dass auch für mich “der Richtige” noch kommen wird. Dass ich in den meisten dieser Fälle meinem Partner im Vorfeld sagte: “Du must nicht mitkommen, das wird sehr konventionell und spießig” habe ich dabei meistens für mich behalten. Und tief geatmet. Weil mein Wert als Frau auch in Deutschland augenscheinlich primär von der Existenz eines Mannes an meiner Seite abhängt.

Denn machen wir uns nichts vor: Als Frau, deren oberstes Life Goal nicht die Märchenhochzeit samt Traumprinz ist, bist Du der Freak. Männer hingegen, die genau so unterwegs sind, werden als ewige Abenteurer gefeiert.

“Der Richtige” / “Die Richtige”

Meine Toleranz für Fake Verbindungen, bei denen sich zwei Menschen fest aneinander klammern und aus Angst vor dem Alleinsein um keinen Preis wieder loslassen würden, hat sich über die Jahre dem Nullpunkt angenähert. Wenn jemand von “dem Richtigen” oder “der Richtigen” redet, steige ich aus. (Denn in meinem Leben waren alle meine Partner bisher goldrichtig. Sie hatten die wertvollsten Lektionen für mich im Gepäck, auch wenn es sich nicht immer gemütlich angefühlt hat.)

Vielleicht bin ich ein bisschen wie eine Fliege, die immer wieder von innen gegen das verschlossene Fenster fliegt. Denn ich finde es immer wieder super, mit einem Gegenüber in Beziehung zu treten. Irgendwie hält doch kein anderer Lebensbereich mehr Wachstumspotential bereit – auch wenn gleichzeitig wohl nichts heftigere Wachstumsschmerzen mit sich bringt, als sich wirklich tief auf jemand anderen einzulassen, der mit einer perfiden Präzision die eigenen Knöpfe drückt. (Daher bin ich auch kein Fan der polyamoren Gegenbewegung, die zwar gegen den Fake kaputter Langzeitbeziehungen rebelliert, bei der die Beteiligten aber nur in den seltensten Fällen bereit sind, sich wirklich tief aufeinander einzulassen.)

Denn ja, tiefes Einlassen und echte Intimität bereichern mein Leben ungemein, daher war ich noch nie Langzeit-Single und immer wieder wahnsinnig genug, mich kopfüber in neue Verbindungen zu stürzen. “No risk, no fun!” Gleichzeitig bin ich aber auch nie bereit gewesen, in toten Verbindungen auszuharren und habe sie verlassen, wenn ich sagen konnte “Okay, ich habe alles versucht. Das passt so für mich leider nicht mehr.”

In meinem Leben gab es langjährige Beziehungen und solche, die nur wenige Jahre gedauert haben. Es gab einige Beziehungsanläufe, die nie zu Beziehungen wurden und dazwischen gab es immer wieder Phasen, in denen ich einfach nur mit mir war. Jeder “Beziehungsstatus” hat seine Vorzüge und ich bin fest davon überzeugt, dass jeder Beziehungsstatus auch seine Gründe hat.

Wäre es nicht wunderbar, wenn wir aufhören würden, Singles mitleidig den Arm zu tätscheln und Paare in toten Verbindungen für ihre Ausdauer zu feiern? Auch im Jahr 2020 scheint es für die meisten Frauen noch das höchste Ziel im Leben zu sein, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Wäre es nicht begrüßenswert, wenn sich im Leben und auf Instagram nicht länger schwerpunktmäßig alles um die “Traumhochzeit” oder das “Lebensprojekt Kind” dreht? Wie großartig wäre es, wenn wir Frauen verstärkt dafür feiern würden, dass sie ihren Träumen folgen, ihre Berufung finden und lieben, was sie tun? Bei Männern klappt das doch auch!?

Last but not least: die Frage aller Fragen

Und um abschließend die Frage zu beantworten, die mir nie häufiger gestellt wurde als in den letzten Monaten: Ja, ich befinde mich derzeit in einer Beziehung, aber wen ich liebe und mit wem ich Petit Fours verspeise, hat keinerlei öffentliche Relevanz. Denn auch wenn ich Single wäre, würde das nichts an meiner Person, meinem Wert oder meiner Arbeit ändern.

Und so passt das Thema letzten Endes dann doch wieder hierher, denn es könnte nicht schaden, wenn wir uns auch in Sachen #couplegoals alle mal entspannen. Denn das ist ja im Prinzip nichts anderes als mit der Körperakzeptanz. Wir sind alle genug. Auch ohne Partner*in.

Jenny