Self Love Sunday #122 – Britta

Liebe Leute, wir hangeln uns hier mühsam von Folge zu Folge. Damit auch nächsten Sonntag eine neue Geschichte online geht, bin ich ganz dringend auf weitere Teilnehmer*innen angewiesen. Gerade in der Weihnachtszeit ist das Projekt wichtiger denn je!

Aber hier und heute geht mein großes DANKE erstmal an Britta, deren Geschichte mich tief berührt hat:

“Hallo liebe Leser,

mein Name ist Britta, ich bin 45 Jahre alt und erst vor kurzem über diese schöne Aktion gestolpert.

Ich kenne kein Leben als normalgewichtige Person und die Bewertungen anderer Menschen (und noch schlimmer meine eigenen) haben mich mein ganzes Leben begleitet. Schon im Kindergarten war ich „die Starke“ und wurde ganz selbstverständlich in die Mannschaft der Jungs gesteckt, wenn sprichwörtlich Not am Mann war.

Früh war mir klar, dass ich anders als die anderen war, bzw. ich mich so fühlte. Ob das ursprünglich auf meinen Körper zurückzuführen ist, vermag ich nicht zu sagen. War zuerst der Hunger da oder das Gefühl, kein süßes, prinzessinnenhaftes Mädchen zu sein? Jedenfalls schloss ich für mich aus, mit meinem Aussehen bei anderen Menschen punkten zu können.

Ich versuchte alles, um das fehlende attraktive Äußere zu kompensieren. Und ich tue es immer noch – ich versuche so unabhängig zu leben wie möglich. Es allen Vorurteilsbehafteten zu zeigen. Schwimmen gehen, auch wenn die Blicke schmerzen. Stark sein, auch wenn ich mich schwach fühle. Lachen, wenn ich schreien könnte. Die Maske aufrecht halten. Die „gute Dicke“ zu sein, wie es Magda Albrecht so schön in ihrem Buch „Fa(t)shionista“ beschreibt.

In meiner Pubertät konnte ich keine Jeans oder überhaupt Hosen tragen, weil es sie in meiner Größe einfach nicht gab. Ich liebte Schlittschuhlaufen und ich tat es mit einem Rock. Erstaunlicherweise hatte ich in meiner Klasse nie Probleme mit Mobbing oder Hänseleien, aber ich wurde eine kurze Zeit lang nach der Schule von ein paar mindersozialisierten Mädchen abgefangen und drangsaliert. Noch heute frage ich mich, wieso ich nicht einfach einen anderen Weg nach Hause gewählt hatte. Ich schiebe es auf meinen Trotz, mich nicht unterkriegen zu lassen und manchmal darauf, dass ich vielleicht tatsächlich dachte, es verdient zu haben.

Ich erinnere mich sehr eindrücklich daran, als ich mit Anfang 20 das erste Mal wieder eine Jeanshose anhatte, die über die Schenkel ging und in der ich atmen konnte. (Früher gab es kein Onlineshopping und Übergrößen gab es, wenn überhaupt, nur in Spezialgeschäften zu unerschwinglichen Preisen in der Großstadt.)

In der Umkleide des Hallenbades betrachtete mich vor ein paar Jahren ein kleines Mädchen eingehend, um dann ehrfürchtig zu ihrer Mutter zu sagen, dass ich einen Hintern habe, der aussehe wie der Vollmond.
Ich fand diesen Vergleich sehr poetisch und wertfrei, aber die Mutter hat mit dem Mädchen geschimpft und sich bei mir entschuldigt. Das macht mich wütend – kleine Kinder beschreiben oft einfach nur, was sie sehen, die Erwachsenen machen dann daraus eine Wertung: „So etwas sagt man doch nicht“. Was ist an einem Vollmondhintern denn bitteschön schlecht?

Ich habe mich immer geschämt – IMMER. Dafür, dass ich offensichtlich nicht so diszipliniert war wie die anderen, dass es mir anscheinend egal sei, dass ich so fett sei, dass meine Brustwarzen schon immer nach unten gezeigt haben, dass man mich nicht einfach auf dem Fahrrad mitnehmen konnte, dass für mich ein handelsüblicher Klappstuhl nicht ausreicht und vieles mehr.

Ich habe mich so sehr geschämt, dass ich mir Sexualität versagt hatte – wer kann denn auch so eine Figur schön und begehrenswert finden? Ich hatte mich selbst abgewertet. Meinen Wert an meinem so unförmigen Körper festgemacht. Ich war weit über 30, als ich das erste Mal Sex hatte. Es war sehr toll und mein unförmiger Körper war in diesem Moment absolut egal. Denn ich kann mit ihm Lust empfinden und Lust schenken. Welch Befreiung und welch Überraschung.

Lebe ich heute mit meinem Körper halbwegs in Frieden? Nein, nicht wirklich, aber ich glaube, dass ich dennoch glücklich sein darf. Dass ich mich nicht permanent wegen ihm verteidigen und rüsten muss. Wir haben quasi einen Waffenstillstand ausgehandelt.

Wie sehr ich mich selbst wegen meines unpassenden Körpers missachtet habe und es auch immer noch viel zu oft tue ist mir erst vor nicht allzu langer Zeit klar geworden. Ich stecke zurück, wenn es darum geht, meine Bedürfnisse durchzusetzen, meinen Platz in der Reihe zu verteidigen oder meine Ideen zu propagieren.

Es gibt Gründe, weshalb meine Figur die Figur hat, die sie hat und es gibt Muster, die sich in Kopf und Gefühlswelt eingebrannt haben. Ich versuche, das zu akzeptieren, ohne mich abzustrafen. Denn es geht darum, sich nicht rechtfertigen zu müssen oder einer anderen Instanz beweisen zu müssen, dass man ganz genau so viel Wert hat wie JEDER andere Mensch auch.

Also lasst uns essen, wenn wir essen wollen. Lasst uns uns selbst und unsere Körper mögen. Lasst uns Lust haben, die komplette Palette der Gefühle zu fühlen. Und wenn wir launisch sein wollen, dann lasst uns launisch sein.

Drei Dinge, die ich an meinem Körper liebe? Meine zarte Haut – sie fühlt sich toll an. Mein linkes Auge – ein brauner Fleck im Graublau von meiner Mutter vererbt. Meine Stimme – sie kann Herzen rühren.

Schöne Grüße,

Britta”

Ich habe Brittas Worte mehrfach gelesen und aus diesem Grund ist es mir ganz besonders wichtig, zum gefühlt drölfzigtausendsten Mal an alle, die das lesen zu appellieren: Die Welt wäre ein besserer Ort, wenn wir aufhören würden, andere Menschen und die Körper, in denen sie wohnen, unentwegt zu labeln und zu bewerten. Es käme nicht nur Britta, sondern uns allen zugute. Denn der Self Love Sunday hat gezeigt, dass wir alle mit dem gleichen Mindfuck zu kämpfen haben – ganz losgelöst von der Körperform und der Zahl auf der Waage.

Wollt auch ihr diese Welt zu einem besseren Ort machen und ein Zeichen setzen für Körperakzeptanz? Wollt ihr selbst mitmachen beim Self Love Sunday, Teil des Projekts werden und der Welt da draussen zeigen, wie echte Körper aussehen und wie facettenreich Schönheit ist? Ich bin ganz dringend auf weitere Freiwillige angewiesen, damit das Projekt weiterlaufen kann! Hier findet ihr alle Infos zur Teilnahme.

Und eine Facebook Gruppe gibts auch!

Let’s spread some Self Love!