Self Love Sunday #121 – Sarah

Der Self Love Sunday ist nichts für schwache Nerven. Die heutige Geschichte flatterte mir gestern in die Inbox. Ich verneige mich heute also vor Sarah, und zwar nicht nur dafür, dass sie ihre Geschichte mit uns teilt, sondern auch dafür, dass das Projekt durch eine weitere Folge am Leben gehalten wird!

“Ich heiße Sarah und bin 49 Jahre alt, 174 cm groß und laut BMI meist leicht übergewichtig. Ich mache hier mit, weil es mir so gut tut, die Berichte zu lesen und zu wissen, dass es anderen ähnlich geht.

Geprägt haben mich, seit ich denken kann, die Models der 80er Jahre. Ich wollte immer so aussehen wie sie. Ich wollte zierlich sein und schlank. Meine erste Diät machte ich mit 14, weil meine Mutter der Meinung war, dass ich zu dick sei. Sie war immer schon ein wenig zu dünn und aß schlecht. Bei mir war es genau das Gegenteil. Ich war nicht dick, hatte aber schon immer einen Bauch und einen viel zu großen Busen, der mir sehr peinlich war.

Danach machte ich immer mal wieder eine Diät, getrieben durch die Medien und meine beste Freundin, die sich auch immer schon zu dick fand. Ich werde nie den Abend vergessen, als wir wie Junkies Schokolade und Gummibärchen vertilgten, weil am nächsten Tag ja die Diät startete. Ich nahm in dieser Zeit immer ganz gut ab, aber der Weg ging immer wieder nach oben und ich fühlte mich hässlich und nicht dazugehörig.

Verstärkt wurde dieses Gefühl durch die Designerläden unserer Stadt, die meist nur Kleidung bis
Größe 40 führten und ich dort so gut wie nie etwas fand. Damals war ich meist als Begleitung anderer in diesen Läden und hab mich sehr unwohl gefühlt. Heute betrete ich sie gar nicht mehr.

Kommentare kamen aus ganz unterschiedlichen Ecken, vor allem während der Schulzeit, jedoch
interessanterweise fast nur von Männern: Ein Sportlehrer, der vor allen Leuten im Kurs sagte, dass ich Sport auch wirklich nötig hätte, ein Onkel, der meinte, ich hätte einen so dicken Bauch als wäre ich schwanger, ein Freund der Familie, der fragte, warum ich so pummelig sei oder ein Nachbar, der, als ich mit 18 Jahren dank Weight Watchers recht schnell zehn Kilo abgenommen hatte, sagte, ich hätte mich ja halt auch echt gehen lassen.

In der Halbzeit der Weight Watchers Diät betrachtete ich mich im Spiegel. Ich war stolz und fand mich tatsächlich ganz schön, aber meine Mutter meinte, dass da bestimmt noch was geht. What?

Wenn ich heute so darüber nachdenke, kommt mir eine große Wut! Was habe ich mich manipulieren
lassen, habe den Leuten geglaubt. Und warum, verdammt nochmal, nahmen sie sich das Recht, über
mich zu urteilen?

Als ich dann weitere 5 Kilo weniger wog, eröffnete sich eine neue Welt. Ich war sehr selbstbewußt und fand mich wirklich schön. Im Nachhinein betrachtet, war ich auch mit 10 Kilo mehr bestimmt nicht hässlich, aber ich fühlte mich in diesem Bereich immer zu dick. Das wurde mir dann auch durch einen Verflossenen bestätigt, den ich nach längerer Zeit wieder sah.

Ich hatte fünf Kilo zugenommen und er meinte, ich hätte ganz schön zugelegt und zog mich damit auf. Das saß! Jedenfalls genoß ich mit meinem niedrigen Gewicht das Leben vor allem sinnlich und körperlich sehr, ich war lebendig. Aber klar, es hielt nicht ewig an und das Gewicht kletterte ganz langsam über die Jahre wieder nach oben. Also wieder abnehmen, bis ich mich über Jahre wieder im oberen Bereich einpendelte.

Ich fing an, den Sport als Hilfe zu entdecken. Leider ohne großen Spaß und ich wurde in dieser Hinsicht etwas zwanghaft. Konnte ich mal keinen Sport machen, fühlte ich mich richtig schlecht und hatte mega Angst, deswegen mein Gewicht nicht halten zu können. Das ging eine ganze Weile so, inzwischen habe ich hier ein recht entspanntes Verhalten zur Bewegung. Sie tut mir gut, das habe ich gelernt.

Was mein Essverhalten angeht, habe ich leider bis heute kein entspanntes, normales Verhalten. Ich ernähre mich inzwischen meist sehr “gesund”, könnte aber ständig essen und vor allem abends haufenweise ungesundes Zeug. Ich weiss, dass Essen für mich ein Ersatz ist, eine Belohnung, aber was hilft es mir, wenn nur der Kopf das weiss?

Zur Zeit wiege ich wieder etwas mehr und schaffe es nicht mehr so leicht wie früher,
abzunehmen. Im Gegenteil, ich hänge da seit zwei Jahren fest und finde mich unförmig und unattraktiv.

Einen Vorteil hat dieses Empfinden: Ich gebe so gut wie kein Geld für Kleidung aus, weil es mir keine Freude bereitet, diesen Körper verschönern zu wollen. Vielleicht bestrafe ich mich damit auch ein wenig, weil ich denke, ich habe es nicht verdient, so wie ich aussehe.

Fazit: Wahnsinn, wie sehr Zahlen stets über mein Wohl und Weh entscheiden. Ich ringe oft mit mir, das alles loszulassen, aber noch schaffe ich es nicht. Es ist so schade, denn es kostet mich Unmengen an negativer Energie und fühlt sich so falsch an. Da hilft mir die Weisheit und Gelassenheit des „Alters“ leider noch nicht, aber ich gebe die Hoffnung nicht auf.

3 schöne Dinge? Meine Beine ab den Knien, meine Haare und meine Zähne.”

Von Herzen Danke an Dich, liebe Sarah, für das Teilen Deiner Geschichte, mit der sich höchstwahrscheinlich sehr viele Frauen da draussen identifizieren können. Nur durch das Teilen dieser Geschichten haben wir die Möglichkeit, zu checken, dass wir mit diesem Mindfuck und den dazugehörigen Problemen nicht alleine sind.

Wollt auch ihr diese Welt zu einem besseren Ort machen und ein Zeichen setzen für Körperakzeptanz? Wollt ihr selbst mitmachen beim Self Love Sunday, Teil des Projekts werden und der Welt da draussen zeigen, wie echte Körper aussehen und wie facettenreich Schönheit ist? Ich bin ganz dringend auf weitere Freiwillige angewiesen, damit das Projekt weiterlaufen kann! Hier findet ihr alle Infos zur Teilnahme.

Und eine Facebook Gruppe gibts auch!

Let’s spread some Self Love!