Self Love Sunday #115 – Kathi

Der heutige Beitrag zum Self Love Sunday kommt von Kathi und hat mich gleich auf zweifache Weise sehr nachdenklich gemacht. Zum einen bin ich fassungslos, dass die Weight Watchers augenscheinlich jede*n aufnehmen und zum anderen macht es mich immer wieder wütend, zu lesen, dass jede Form des Gewichtsverlust gesellschaftlich gefeiert wird. Aber lest einfach selbst!

“Hallo liebe Self Love Sunday Crew!

Ich bin Kathi, 27 Jahre alt, komme aus dem tiefsten Ruhrgebiet, studiere evangelische Theologie in den letzten Zügen und bin Yogalehrerin. I LOVE SPA ist so ziemlich der einzige Blog, den ich regelmäßig lese, schon lange liebe und nach monatelangem Überlegen bin ich jetzt endlich mutig genug, um über meinen Körper und mich zu reden.

Als mein Mann das Bikinifoto von mir gemacht hat, habe ich zum ersten Mal realisiert, wie lange es schon her ist, dass ich mich im Bikini auf einem Foto gesehen habe. Und ich bin noch immer überrascht, dass ich mich echt gut fand auf diesem Foto, das mir da entgegen schaute. Das war – um einiges vorwegzunehmen – einer der Momente, in denen ich gemerkt habe, wie viel sich für mich in Bezug auf mein Körperbild und die Annahme meiner selbst in den letzten Jahren verändert hat.

Ich denke, dass ich niemals zu den Menschen gehört habe, die “offensichtlich” Probleme mit ihrem Körper hatten. Sofern das überhaupt offensichtlich sein kann. Mein Gewicht war immer im “Normalbereich”, ich habe Sport gemacht und gegessen, was ich wollte. Die Kämpfe mit meinem Körper gingen für mich erst nach meinem Abitur los, als ich das erste Mal nicht mehr zu Hause wohnte und mein Leben selbst in der Hand hatte. Ich habe viel gefeiert, unregelmäßig geschlafen, nicht sehr ausgewogen gegessen. Und darunter hat auch meine Gesundheit gelitten.

08/15-mäßig beschloss ich damals, mich im Fitnessstudio anzumelden und tatsächlich trotz völlig normalem Gewicht(!) zu Weight Watchers zu gehen, die mich auch ohne Rückfragen annahmen. Dass ich eigentlich gar nicht übergewichtig war, interessierte dort niemanden und so ging ich von Woche zu Woche zum Wiegen und zählte fleißig Punkte, obwohl ich eigentlich an ganz anderen Stellen in meinem Leben hätte arbeiten müssen. In den folgenden Monaten entwickelte ich eine eiserne Disziplin, fast jeden Tag Laufen zu gehen, danach noch zwei Fitnesskurse zu machen und wenn ich Hunger bekam, das Kalorienärmste zu essen, keine Saucen, keine Süßigkeiten, wenn der Magen zu sehr knurrte nur einen Tomatensaft zu trinken und mich mit Cola Light über Wasser zu halten.

Natürlich verlor ich so sehr schnell an Gewicht, das zum Glück immer im “Normalbereich” blieb, aber gleichzeitig wurden meine Haare kaputt, spröde, dünn und ich entwickelte eine regelrechte Obsession über mein Essen, meinen Sportplan und mein Gewicht. Niemals hätte man mir von außen eine Essstörung angesehen und ich konnte mir erst viel später selbst eingestehen, dass ich zu diesem Zeitpunkt ein ordentlich gestörtes Verhältnis zu meinem Körper hatte. Aus meinem Umfeld kamen lediglich Komplimente für meine Figur, was zur Folge hatte, dass ich mich in meinem Verhalten bestätigt sah.

Meine schärfste Kritikerin blieb immer ich selbst. Eine banale Grippe hat mich damals dann aus diesem Kreislauf befreit. (Hallo Körper!) Ich war gerade dabei, für einen Triathlon zu trainieren und war echt enttäuscht, dass ich nicht teilnehmen konnte. Danach kam ich nicht wieder ins Training rein, meldete mich bei Weight Watchers ab und es normalisierte sich vorerst einiges. Nie allerdings ohne schlechtes Gewissen und Unzufriedenheit, weil der Körper schwächer war als gewollt.

Im folgenden Jahr kam dann ein ganz neues Phänomen auf mich zugerollt (ja, so hat es sich echt angefühlt!) – aber so richtig. Ich konnte mein Essverhalten im Gegensatz zu der Zeit des obsessiven Sporttreibens gar nicht mehr kontrollieren und selbst wenn ich mir schon kein Nutella mehr kaufte, bekam ich von jetzt auf gleich eine Attacke und suchte nach irgendetwas Süßem, egal was. Mit Genuss hatte das nichts mehr zu tun. Es ging eher um einen inneren Zwang, etwas sofort zu brauchen. Ich erkannte mich selbst nicht wieder und nahm natürlich einiges an Gewicht zu, war damit unglücklich, dann versuchte ich mich zu Sport zu zwingen, hatte wieder eine Heißhungerattacke und war an Punkt 0.

Damals bin ich mehr zufällig als alles andere auf eine Psychotherapeutin gestoßen, die sich mit emotionalem Essen auskannte und die mir die Aufgabe gab, bei der nächsten Heißhungerattacke für einen Moment innezuhalten, mich hinzusetzen, die Augen zu schließen und abzuwarten, was hinter dem vordergründigen Heißhunger steckte. Überraschung: Ich fing an zu weinen. Und konnte so schnell nicht aufhören. Zum ersten Mal realisierte ich, wie viele Gefühle von Stress und Überforderung so lange schon in mir geschlummert hatten. Ich hatte alles daran gesetzt, mich zu kontrollieren, bis mein Körper Randale gegen mich machte.

Ich habe damals angefangen, über mich zu schreiben; über mein Leben, meine Gefühle und Gedanken. Und ich habe auch ganz konkret Dinge verändert, die damals zu meiner Überforderung geführt haben. Ich bin aus meiner WG in eine eigene Wohnung gezogen. Habe mir keine Waage gekauft – und besitze bis heute keine. Habe angefangen zu kochen und nicht mehr Kalorien zu zählen. Und ich habe wieder mit Yoga begonnen und einen neuen Zugang zu meinem Glauben bekommen. Yoga und mein Glaube – ich bin Christin – haben zusammen mit all diesen kleinen praktischen Veränderungen einen echten Unterschied gemacht und sind der Grund, warum ich heute entspannt essen kann und meinen Körper wertschätze.

Yoga gibt mir Raum für Entspannung, ganz frei von Leistung und Zielen. Das hat mir anderer Sport nie geben können; da ging es mir immer um Wettkampf und Auspowern. Das ist auch der Grund, warum ich Yoga so lange nur “ergänzend” gesehen habe und nie ernst nehmen konnte. Jetzt weiß ich, dass Yoga eine Technik ist, um mit meinem Körper Kontakt aufzunehmen und so auch mit mir, mit meiner Seele – Wie geht es mir? Was liegt gerade schwer auf mir? Und was fühlt sich heute gut an? Und mein Glaube oder vielmehr Gott ganz persönlich geht dann für mich diesen total zentralen Schritt, sodass ich weiß: “Kathi, es liegt nicht alles an dir und wie gut du das jetzt löst. Und wie positiv du bist. Das, was da gerade so schwer ist, das musst du nicht alleine loswerden, sondern kannst es an einen abgeben, der es mit Leichtigkeit nimmt.”

Beide Seiten – mein Yoga und meinen Glauben möchte ich nicht mehr missen und sie sind der Grund, warum ich mich heute auf einem Bikinifoto gut finde. Warum ich sagen kann, dass ich meine Arme, meine Schultern und meinen Bauch echt schön finde und gelernt habe, mich selbst zu lieben. Ich habe keine Angst mehr davor, zu viel oder das Falsche zu essen – weil ich gelernt habe, meinem Körper zuzuhören und ihm das zu geben, was er wirklich braucht. Das ist nicht immer Essen. Das ist echt häufig Schlaf. Oder Bewegung. Oder alleine sein. Nachdenken. Musik hören. Schreiben.

Aber wenn ich dir eine Aufgabe mitgeben darf, die ich über Jahre lernen musste und die mich wahrscheinlich mein Leben lang weiterhin begleiten wird, dann ist es diese: Verdränge nicht die Zeichen, die dir dein Körper gibt. Hunger ist Hunger. Müdigkeit ist Müdigkeit. Trauer, Wut, Enttäuschung – auch Emotionen sind in deinem Körper gespeichert. Hör’ hin & nimm’ sie wahr. Schluck’ sie nicht runter oder rede sie klein. Gib’ dir Zeit hinter deine Verhaltensmuster zu schauen und mit offenen Ohren zu hören. Es kann sein, dass deine innersten Bedürfnisse ganz schön vergraben sind unter Druck, Leistung, der inneren kritischen Stimme, Zwängen und Gewohnheiten. Aber es lohnt sich, nicht an diesen Mauern stehen zu bleiben. Dahinter zu schauen, ganz langsam. Dein Körper ist ein Schatz an Intelligenz und ein wahres Wunderwerk!”

Von Herzen Danke an Dich, liebe Kathi für diesen unglaublich wertvollen Beitrag zum Projekt! Ich hab’ Deinen letzten Absatz fett markiert und würde es begrüßen, wenn wir den jetzt alle nochmal lesen. Und verinnerlichen.

Wollt auch ihr diese Welt zu einem besseren Ort machen und ein Zeichen setzen für Körperakzeptanz? Wollt ihr selbst mitmachen beim Self Love Sunday, Teil des Projekts werden und der Welt da draussen zeigen, wie echte Körper aussehen und wie facettenreich Schönheit ist? Hier findet ihr alle Infos zur Teilnahme.

Und eine Facebook Gruppe zum Projekt gibts auch.

Let’s spread some Self Love!