Self Love Sunday #114 – Doro

Liebe Leute, mein Herz tanzt, denn auch heute geht eine weitere Folge Self Love Sunday online! Ohne all’ die wunderbaren Menschen, die hier Sonntag für Sonntag so mutig und radikal für Körperakzeptanz einstehen, wäre das alles nicht möglich. Daher möchte ich mich heute vor Doro und ihrer Geschichte verneigen, aber lest einfach selbst:

“Ich heiße Doro und bin 30 Jahre alt. Ich habe lange drüber nachgedacht, beim Self Love Sunday mitzumachen, und es dann meistens aufgeschoben, weil ich mich im Bikini nicht mag – bis mir dann klar wurde, dass das genau der Bullshit ist, um den es hier geht.

Ich weiß gar nicht mehr, wann das angefangen hat, dass ich meinen Körper nicht mag. Ich weiß nur, dass ich spätestens in der Grundschule mit der Mädchenrolle nicht klar kam. Sie erschien mir als Widerspruch zu dem, was ich gerne tat – Fußballspielen, klettern, mit Jungs rumhängen. Den Widerspruch löste ich auf, indem ich mir die Haare abschnitt, Skater Klamotten trug und nur noch Thorsten genannt werden wollte (mein Vater nennt mich heute noch Torte – als Kurzform). Zur Kommunion wollte ich eigentlich einen Anzug tragen, aber mir fehlte am Ende der Mut. Im weißen Kleid fühlte ich mich dann verkleidet.

Bis ich 12 oder 13 war, funktionierte das alles gut, aber dann veränderte sich mein Körper, wurde aus meiner Sicht unförmig. Aus dieser Zeit habe ich alles, wirklich alles, was an Urteil über meinen Körper abgegeben wurde, Wort für Wort abgespeichert: Die Kinderärztin, die mir sagte, ich solle mich gerade hinstellen, dann würde mein Bauch auch nicht so vorstehen. Mein Gewicht wäre so am oberen Rand des Normalgewichts. Und ich würde halt nicht größer als 1,70m werden – was ich bis dahin gar nicht als Problem empfunden hatte. Mein Urteil über mich stand: Klein und eben nicht so schlank.

Der Jeanskauf bestätigte mich. Alle Jeans, die vom Umfang passten, mussten gekürzt werden. Mein Bruder, damals selbst Teenager, machte alles nicht besser. Seit dem Satz „Deinen fetten Arsch will doch keiner sehen“ wollte ich eigentlich nicht mehr ins Schwimmbad. Irgendwann sagte dann noch jemand, ich hätte hässliche Zähne. Als Konsequenz aus all dem trug ich fast meine ganze Teenagerzeit über keine kurzen Hosen und keine Tops (egal, wie warm es draußen war), und lächelte nicht mit offenem Mund.

Vor dem Mädchensein kapitulierte ich irgendwie, aber rund lief es nicht. Kurz nachdem ich begann, die Pille zu nehmen, wurde eine Hormonstörung festgestellt. Ich musste Prolaktinhemmer mit starken Nebenwirkungen nehmen und regelmäßig ins MRT. Ich fühlte mich noch unweiblicher, denn scheinbar stimmten ja auch meine Hormone nicht mit dem Frau-Sein überein. Ich entwickelte starke Unsicherheiten, Ängste und schließlich eine Zwangsstörung.

Als ich Anfang 20 war und mit dem Studium begann, setzte ich den Prolaktinhemmer eigenmächtig ab. Ich machte eine Therapie gegen meine Zwangsstörung. Ich fing an, Sport zu treiben und entdeckte irgendwann Yoga für mich. Ich entwickelte mit den Jahren größere Achtung für meinen Körper und schaffte es, negative Gefühle in Bezug auf mein Äußeres mit größerer Distanz zu betrachten. Mit Mitte 20 setzte ich auch die Pille ab (noch heute begreife ich nicht, dass den Mädchen nicht nur in meiner Generation so unhinterfragt und ohne Risikoabwägung ins Hormonsystem eingegriffen wird).

Ich habe seitdem immer relativ viel Sport gemacht und ein bisschen abgenommen, was von allen Seiten offen positiv bewertet wurde. Das fühlte sich einerseits gut an, war aber auch irgendwie eine Bestätigung dafür, dass man den Körper bearbeiten muss, um als schön zu gelten. Trotzdem habe ich in dieser Zeit meinen Frieden mit meiner Form von Weiblichkeit gefunden, weil ich mich in dem Athletischen und Kraftvollen wiederfand. Ich hatte außerdem immer das Glück, tolle Partner und Freunde an meiner Seite zu haben. Und ich merkte auch, dass, egal, wie ich in den Jahren aussah, immer ungefragt Meinungen zu meinem Körper von außen kamen.

Noch vor 2 oder 3 Jahren hatte ich ein Body Shaming-Erlebnis, das mir in Erinnerung geblieben ist: Im Unterwäscheladen werde ich eigentlich gern in Ruhe gelassen. Die Verkäuferin wollte trotzdem nach dem Rechten sehen und ich bat sie, mir einen BH in Größe C zu bringen. Sie blickte auf meine Brüste und sagte: „Aus den Brüstchen kann ich beim besten Willen kein C-Körbchen machen.“ Damals war ich sprachlos – heute wäre das anders.

Solche Erfahrungen prallen auch heute nicht vollständig ab und ich bin immer noch nicht ganz cool mit meinem Körper. Aber ich glaube, es wird besser. Ich mag mein Gesicht, meine Hände, meine Haare und meine „Brüstchen“. Im Kleid werde ich mich wohl immer ein bisschen verkleidet fühlen und bei allem, was gesellschaftlich weiblich besetzt ist (tolle Frisuren, hohe Schuhe etc.) bin ich überfragt. Ich sehe darin aber keinen Widerspruch mehr. Ich bewundere Menschen, die Weiblichkeit mühelos ausleben, und finde in gleichem Maße androgyne Menschen wunderschön.

Was mir bei der Entwicklung geholfen hat und immer noch hilft, ist es, über Körpererfahrungen zu lesen und sich auszutauschen. Dazu gehören Jennys Texte (danke dafür – vor allem für den Vergleich mit Grashalmen. So einfach ist das) und alle Texte vom Self Love Sunday, das großartige Buch „Untenrum frei“ von Margarete Stokowski, die Comics von Liv Sundström und „Zu lieben“ von Lann Hornscheidt.

Manchmal braucht man den Blick von außen, um eine gewisse Systematik zu erkennen, Automatismen wahrzunehmen und schließlich zu durchbrechen. Ich wünsche mir, dass jeder, der nach anderen Perspektiven und Körpererfahrungen sucht (oder auch nicht sucht), etwas findet. Und ich merke immer stärker, dass die Liebe  zu sich selbst nicht nur eine persönliche Sache ist, sondern auch eine gesellschaftliche und tatsächlich politische Angelegenheit. Wenn sich alle selbst mit Liebe betrachten, können sie auch andere Menschen und Situationen mit Liebe angehen. Das wünsche ich mir nicht nur für jeden einzelnen Menschen, sondern für uns alle.”

BOOM, liebe Leute! Und von Herzen DANKE an Dich, liebe Doro. Kraftvoll as fuck! Daher möchte ich dieser unglaublich starken Message an dieser Stelle auch gar nichts mehr hinzufügen.

Mein Herz schlägt Purzelbäume für jede weitere Folge, die das Projekt am Leben hält. Wollt ihr selbst mitmachen beim Self Love Sunday, ein Zeichen für Körperakzeptanz setzen und der Welt da draussen zeigen, wie facettenreich Schönheit ist? Hier findet ihr alle Infos zur Teilnahme.

Und eine Facebook Gruppe zum Projekt gibts auch.

Let’s spread some Self Love!