Let’s talk about: Tantra Massage, Yonieier und Kuschelkreise

Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob es nur an meiner Wahrnehmung liegt oder ob sich wirklich ein Wandel im Außen vollzogen hat. Daher habe ich mich in den letzten Tagen ganz bewusst mit mehreren Menschen ausgetauscht, um hier und heute auch sicher behaupten zu können, dass ich mir die Sexualisierung der Yoga- und Spiriszene rund um Tantra Massage, Yonieier und Kuschelkreise nicht eingebildet habe.

Dass ich Einladungen zu Tantra Massagen bekomme, ist allerdings nicht wirklich was Neues. Das passiert mir seit 2012. Was sich allerdings geändert hat: Die Menschen, die mich einladen, kommen nicht mehr aus der Schmuddelecke, stehen offen zu ihrem Angebot und ihre Signatur linkt nicht selten sogar zu einem ansprechenden Webauftritt.

Aber was ist da los? Was hat sich verändert?

Für mein Gefühl gab es eine Zeit, in der außerordentlich viele junge Frauen aus ihren “9 to 5 Jobs” ausgestiegen sind, um Yogalehrerin zu werden. Das war wie so eine Welle. In der zweiten Welle wurden dann alle Coach und die dritte Welle, die ich nun seit 1-2 Jahren beobachte, spült balinesische Yonieier, Sexological Bodywork Sessions und Women Circles, bei denen gekuschelt wird, an den Strand beziehungsweise genau diese Themen in mein Email-Postfach.

Ich beobachte diese dritte Welle gleichermaßen interessiert, wie auch kritisch. Kritisch war ich aber auch schon, als plötzlich gefühlt alle “Coach” waren. Daher möchte ich diese Entwicklung einfach mal zum Anlass nehmen, meine persönliche Haltung hier und heute mit euch zu teilen und I LOVE SPA nochmal klar zu positionieren.

Denn ja, es gibt eine Happy Yoni Kategorie. Dort findet ihr Artikel rund um das Thema Bikini Waxing oder Bikini Sugaring, ich stelle euch eine Menstruationstasse vor, mit der ihr auch während der Menstruation ganz easy peasy saunieren und in Solebecken floaten könnt, es gibt einen Buchtipp zum Thema “Beckenboden” und last but not least auch noch Erfahrungsberichte in Sachen “V-Spa”.

Was alle diese Artikel gemeinsam haben? Sie sind nicht sexuell, auch wenn sie mit der Vagina zu tun haben. Es ist mir ganz wichtig, keine Scham zu schüren, wenn es um Bikini Waxing oder Menstruationstassen geht, denn beides ist nichts, wofür sich irgendwer schämen sollte.

Nacktheit vs. Sexualität

Und genau hier landen wir auch schon bei einem sehr großen Problem der Spa Branche, über das (außer mir) irgendwie niemand offen redet. Denn für viele Menschen sind Nacktheit oder eine Vagina ganz automatisch auch connected mit Sexualität.

Ich habe während meiner aktiven Zeit im Treatmentraum hunderte unbekleidete Menschen angefasst und war dabei immer sauber abgegrenzt in meiner Sexualität. Und aus genau diesem Grund ist für mich auch ein Bikini Waxing in etwa so sexuell wie ein Besuch beim Gynäkologen. (Nämlich Null Komma Null.) Die Tatsache, dass ein nackter Körper (und bei Spa Treatments wird ja meistens an nackten, wenn auch abgedeckten Körpern gearbeitet) für viele Menschen untrennbar mit Sexualität verknüpft zu sein scheint, führt im Spa Alltag jedoch häufig zu Problemen.

Sexuelle Grenzüberschreitungen im Spa

Denn wenn wir hier und heute über Tantra reden, kommen wir auch nicht umhin, dieses hässliche Thema an dieser Stelle nochmal auf den Tisch zu packen. Denn wenn ihr wüsstet, wie viel Traffic meine Subpage hat, die Betroffene auffängt, die nach “sexuelle Belästigung Massage” googeln, würdet ihr den Glauben an die Menschheit verlieren. Ehrlich.

Ich habe mir in der Vergangenheit schon häufiger anhören dürfen, dass das Thema (also sexuelle Grenzüberschreitungen im Spa) ja mein Steckenpferd sei und das macht mich jedes Mal ziemlich wütend. Denn nur, weil ich es nicht totschweige und auch branchenintern die Menschen immer mal wieder damit konfrontiere, ist das nicht meine USP.

Dadurch, dass ich als weibliche Behandlerin zehn Jahre lang in der 5 Sterne Hotellerie mit internationalen Gästen zu tun hatte, durfte ich viel über Grenzen lernen. Wo meine eigenen anfangen und aufhören, wo die von Kolleg*innen verschwimmen, an welcher Stelle männliche Gäste sie gelegentlich überschreiten und wie man mit dieser ganzen Scheisse am besten umgeht. Mein Learning: Je klarer ich in meiner eigenen Sexualität bin, umso besser komme ich zurecht. Und verschwimmende Grenzen (ganz egal, von wem sie auch ausgehen) haben immer mit Spielchen rund um Macht und Ohnmacht zu tun.

Sexueller Missbrauch als Thema beim Self Love Sunday

Durch den Self Love Sunday (und auch durch den Embrace You Kurs) habe ich außerdem gelernt, wie viele Menschen schon richtig heftige Erfahrungen mit sexuellem Missbrauch machen mussten. Dagegen sind sexuelle Grenzüberschreitungen im Treatmentraum oft ein Witz. Mein Learning hier: Sexualität ist oft der Ursprung, sozusagen die Wurzel für Verhaltensweisen, die sich im Außen dann letzten Endes ganz anders äußern. (Zum Beispiel im Erbrechen von Nahrungsmitteln.)

Wenn ich aus all’ diesen Dingen also eines gelernt habe, dann ist es, dass in so einem weiten und komplexen Feld wie der Sexualität nicht einfach so rumgestümpert werden sollte. Und genau das ist es, was meiner Meinung nach gerade vielerorts passiert. Ein Sexological Bodywork Kurs hier und ein Tantra-Seminar da und schon steht “Expertin für weibliche Sexualität” in der Instagram Bio.

Yonieier, Tantramassagen, Sexological Bodywork und Women Circles mit Körperkontakt waren nie stärker en vogue als derzeit. Aber kommen wir zu der Frage, die mich in letzter Zeit immer wieder erreicht: “Jenny, warum schreibst du da nicht auch mal drüber?”

Meine Sexualität ist Privatsache

Ich habe I LOVE SPA 2012 gestartet, weil ich eine gewisse Qualitätssicherung in einer Branche etablieren wollte, in der jede*r tut, was er oder sie will. Mein Ziel war und ist es bis heute, euch hier Empfehlungen an die Hand zu geben, die ihr mit einem guten Gefühl buchen könnt, ohne dass die Nummer am Ende schief geht und ihr “sexuelle Belästigung Massage” googeln müsst.

Dass sexuelle Themen hier keinen Platz haben, hat also nichts damit zu tun, dass ich verklemmt bin. Ihr glaubt mir ja nicht, wie oft ich mir genau das anhören darf und wie viele Männer mich über das Kontaktformular beschimpfen, weil sie nach Happy End Massagen gegoogelt und hier nicht gefunden haben, wonach sie suchten. Alleine die Tatsache, dass ich in solchen Emails als verklemmte Schlampe beschimpft werde, die einfach nur mal wieder so richtig durchgenommen werden muss, dürfte deutlich machen, wie wichtig es ist, hier eine klare Linie zu ziehen. I LOVE SPA steht also ganz klar für nicht sexuelle Treatments, bei denen die Grenzen nicht verschwimmen und bei denen ihr euch sicher und gut aufgehoben fühlt.

“Aber Tantra ist ja nicht gleich Sex!”

Auch das ist mir klar. Natürlich weiss ich, dass Tantra im ursprünglichen Sinn nicht gleichbedeutend mit einem Handjob und kein Synonym für eine Happy End Massage ist. Aber das ist ja immer so eine Sache mit der ursprünglichen Bedeutung eines Wortes und dem, was unsere Gesellschaft daraus gemacht hat.

Wenn ihr eine nicht sexuelle Massage anbietet und zu Promo-Zwecken das Attribut “sinnlich” verwendet, ist das, was die ursprüngliche Bedeutung des Wortes angeht, ebenfalls vollkommen korrekt. Wenn ihr aber mal die Google Bildersuche bemüht und das Adjektiv “sinnlich” eingebt, wisst ihr, was unsere Gesellschaft mit diesem Attribut primär verbindet. Und genau so verhält es sich eben auch mit “Tantra Massage”.

Wenn ihr eine Tantra Massage bucht, dürft ihr davon ausgehen, dass eure Genitalien mit einbezogen werden und dass der ganze SPAss nicht selten in einem Orgasmus gipfelt. Behandler*innen, die Tantramassagen anbieten, fallen nicht ohne Grund seit 2017 unter das Prostituiertenschutzgesetz. Wir haben es hierbei also ganz offiziell mit einer sexuellen Dienstleistung zu tun. (Ich weiss, dass diese Zeilen einen Shitstorm auslösen werden, aber ich bin dieses Rumgeeiere so leid, dass ich es einfach mal so klar und deutlich auf den Punkt bringen möchte.)

Und gerade weil so viele Menschen (und insbesondere Frauen) durch Missbrauch stark vorbelastet sind in ihrer Sexualität, halte ich es für grob fahrlässig, sich mit diesem Thema in die Hände eines Influencers zu begeben.

Was mir ebenfalls am Herzen liegt: Nur, weil ihr eure Sexualität nicht über die sozialen Medien öffentlich macht, indem ihr Teil dieser vermeintlichen Female Empowerment Bewegung werdet, seid ihr nicht verklemmt. Man muss nicht in den Instagram Stories dokumentieren, wie man die eigene Menstruationstasse leert oder Nacktbilder posten, um allen zu beweisen, wie fein man mit der eigenen Weiblichkeit ist.

Ich finde es wichtig, dass Themen wie Menstruation und Sexualität enttabuisiert werden, aber wie in allen anderen Bereichen lassen sich auch diese Themen super hernehmen, um sich selbst zu inszenieren. Denn wenn ihr mal genauer hinschaut, werdet ihr häufig feststellen, dass die eigentliche Intention hinter dieser Inszenierung keine feministische, sondern viel eher eine narzisstische ist. (Zweiter Shitstorm in 3, 2, 1…)

Aber wohin wende ich mich, wenn ich wirklich Probleme habe?

Ich bin einfach die falsche Ansprechpartnerin, um in Sachen Sexualität Empfehlungen zu verteilen. Eine gute Therapie ist bei schwerwiegenden Problemen vermutlich nie die schlechteste Idee. Ich habe sowas zum Glück nie gebraucht und aus diesem Grund auch keinerlei Erfahrungswerte, meine Freundin Tara dürfte aber eine super Ansprechpartnerin sein, falls ihr in Berlin oder Hamburg lebt. Sie wurde von David Schnarch persönlich ausgebildet und wird auch weiterhin von ihm supervidiert.

Dass die Yoga- und Spiriszene sich mit dem Thema “Sexualität” beschäftigt, ist ja nichts Neues. Hallo Osho und so. Dass sich “Sexual Healing” und “weibliche Sexualität” super über die sozialen Medien vermarkten lassen, hingegen schon. Passt also bitte auf, wenn ihr irgendwelche Kurse, Workshops oder Treatments bucht, bei denen es ans Eingemachte geht, euer Gegenüber aber nicht die notwendigen Kompetenzen mitbringt!

Hier auf I LOVE SPA wird es auch zukünftig keine sexuellen Inhalte geben. Denn ich glaube auch weiterhin ganz fest daran, dass man mit einer Berührung das Herz erreichen kann, ohne dabei die Genitalien zu streifen und dass es genau diese Berührungen sind, von denen wir alle mehr vertragen könnten. Diese Art der Berührung gehört in ein Spa Menü, sexuelle Dienstleistungen hingegen nicht. Und wer als Behandler*in oder Gast im Spa Kontext mit diesen Grenzen spielt, darf sich gerne mal mit der eigenen Sexualität auseinander setzen und sich fragen, warum er oder sie dieses Spielchen rund um Macht und Ohnmacht eröffnet und warum er oder sie da andere Menschen mit reinzieht.

Abschließend möchte ich mich noch für die platte Bebilderung dieses Artikels entschuldigen. Meine Kreativität war augenscheinlich im Wochenende…

Jenny