Self Love Sunday #101 – Bertram

Liebe Leute, es geht weiter! Ich weiss zwar noch nicht, wie lange (es gibt keine weiteren Teilnehmer*innen mehr), aber wir hangeln uns einfach von Folge zu Folge und ich freue mich riesig, dass Bertram heute seine Geschichte mit uns teilt!

„Mein Name ist Bertram. Ich denke schon lange daran, hier mitzumachen, weil ich die Reihe von Anfang an so gut, wie wichtig finde. Und dann habe ich mich doch nie getraut, meinen Beitrag zu leisten. Nicht aus Furcht. Nein, ich hatte große Bedenken, hier mit einem Statement, keine großen Probleme mit meinem Körper zu haben, nie gehabt zu haben, ein falsches Zeichen zu setzen, im Sinne von: „Ich weiß gar nicht, was ihr alle habt“.

Ich weiß sehr wohl, was ihr alle habt!

Ich weiß, wie wichtig es ist, Schwierigkeiten mit dem eigenen Körper zu thematisieren, um zu zeigen, dass es vielen so geht. Ich bin eher die Ausnahme, glaube ich. Wenn ich die Geschichten meiner Vorgänger*Innen lese, bin ich doppelt froh, unterschiedlichste Körperformen immer schon als gegeben sehen zu können. Um bei der Formulierung zu bleiben, ich weiß, was ich habe. Jennifer hat mir nun meine Bedenken genommen und mich ermutigt, „trotzdem“ dabei zu sein. Also „Hallo“ in die tolle Runde.

Ich war, wie gesagt, nie wirklich unzufrieden mit meinem Körper. Trotz „guter“ Voraussetzungen, denn ich war lange Jahre der Kleinste, Schwächste, Spätentwickelteste, Sommersprossigste, Rothaarigste und später noch Brillenschlangigste. Und dann noch dieser Name…

Klar, in der Pubertät, z.B. in der Jungs-Schwimmumkleide zwischen Muskeln und Schamhaaren (nicht meine!) war es schon eine Herausforderung, aber es war eben so, ich konnte es ja nicht beeinflussen. Es war ok für mich, anders zu sein. Ich hatte kinnlanges, rotes Haar und wurde selbst bei den Sängerknaben immer für ein Mädchen gehalten. Ich kann nicht soweit gehen, zu sagen, dass ich darauf stolz gewesen wäre, aber ich war eben ich. Und große Anfeindungen oder gar Übergriffe sind mir zum Glück erspart geblieben.

Meine große Klappe half (meistens) und auch Mut – manchmal der der Verzweiflung (zum Beispiel, beim
Fussball trotz der rücksichtslos den Ball dreschenden Riesentypen so klein und mit Brille ins Tor
zu gehen – aber wenn Fussball schon sein musste, Torwart konnte ich wenigstens ein
bisschen).

Mir fiel es relativ leicht, meine Fähigkeiten einzuschätzen. Ich weiß nicht genau, woher dieses Selbstbewusstsein kommt oder kam. Familie und Freunde haben mir immer das Gefühl gegeben, etwas wert zu sein. Wir haben zweimal längere Zeit im Ausland gelebt, auch das zeigte mir, dass nicht überall nur eine Norm besteht. Ehrgeiz hatte einen geringeren Stellenwert als eigenes Glück. Die Freiheit der anderen war wichtig. Und mein Opa sagte immer, es menschelt überall…Das alles half bestimmt.

Unsicherheiten empfand ich so von früh an als dazugehörig, sie verwirrten mich nicht nachhaltig. Übertriebene Egos schienen mir eher suspekt als Charaktere mit Brüchen. Vielleicht hat auch mein großer Bruder als quasi gegenteiliges Vorbild geholfen? Er war lange sehr komplexbeladen, hat wahnsinnig viel muskelaufbauenden Sport gemacht, viel Zeit kritisch vor Spiegeln verbracht und nicht verstanden, wie ich Hungerhaken bleiben wollte und zufrieden sein konnte.

Bei meiner ersten Freundin ist ihm dann die Kinnlade heruntergefallen, weil sie so gut aussah. Nach der Trennung von ihr war ich lange „nur“ everybody’s Darling und blieb gefühlt ewig Single. Will damit sagen, ein Sunnyboy, dem alles zufliegt, war ich trotzdem nicht. Selbstzweifel sind mir näher geblieben als Selbstzufriedenheit. Und nix gegen meinen Bruder, ich mag ihn total gern…

Das dritte von vier Kindern zu sein, hat bestimmt auch geholfen. Mit zunehmenden (sic!) Alter, jetzt kurz vor 50, kommt noch hinzu, dass ich mich überglücklich schätzen darf, seit über 30 Jahren gleich viel zu wiegen. Dabei kann ich essen, was das Zeug hergibt. Meine Kinder nennen mich schonmal scherzhaft „Mülleimer“. Wenn sie mir kurz was Essbares zu halten geben, kann es durchaus passieren, dass es -schwupps – weg ist.

In diesem Alter nicht zuzunehmen, keinen Gedanken daran zu verschwenden und gleichzeitig kaum Sport zu machen – noch so ein Grund, warum ich mich hier nicht so gerne „outen“ wollte. Weil es das ist, was all die Model-Figuren da draußen dann „die guten Gene“ nennen. Bei mir stimmt es, äh, „leider“. Das hilft einem aber nur, wenn man sie bekommen hat. Normal ist das nicht. In meinem recht großen Freundeskreis kenne ich sonst nur noch eine Person, bei der es sich ähnlich verhält. Zusammen sind wir immer das (beneidete) „Gespött“ der Grillabende – mit vollen Backen…

Klar, auch an mir wird nun einiges weicher, faltiger und nicht jedes Foto hält der Eitelkeit noch stand (die Fotos des letzten Klassentreffen haben mich regelrecht schockiert!), aber als meine Partnerin mich fragte, ob ich graue Haaren färben würde, habe ich sie entgeistert angesehen: Nein, das habe ich nicht vor. Jedenfalls nicht, um etwas zu kaschieren.

Klar, im Alter wird nichts wirklich hübscher im klassischen Sinne (was immer das ist), eher im Gegenteil und ich hoffe, dass die Halbglatze an mir vorüber geht. Aber hey, Kahlköpfe haben auch was. Das Innenleben und der Kopf ist (mir) wichtiger als eine – manchmal hübsche, aber oft auch leere – Hülle. Sport sollte ich trotzdem mehr machen…Wie sagte Mae West so schön? Altwerden ist nichts für Feiglinge. Und davor ist auch nicht alles einfach. Umso wichtiger, darüber zu sprechen.

Um den Kreis zu schließen und dass ihr mich bloß nicht missversteht: Ich finde, IHR alle, die sich ein positives Körperempfinden erst erkämpfen musstet, seid die Mutigen. Ihr seid – ziemlich wahrscheinlich sogar – die Mehrheit. Ich stelle mich hier gerne dazu und applaudiere. Und Danke, Jennifer, dass Du hartnäckig dran bleibst, diese Reihe fortzuführen…

Also: Lasst Euch nicht entmutigen. Bleibt (oder werdet) stark. Self Love Sunday hilft ! Macht weiter mit!

Ach so, noch die drei geliebten Körperstellen: Meine Sommersprossen, meine Schultern und
die Hüftknochen.“

Von Herzen Danke an Dich, Bertram! Fürs Überzeugen lassen, für das Teilen Deiner Geschichte und für die geballte Ladung an Empowerment!

Wollt auch ihr mitmachen beim Self Love Sunday und eure Geschichte teilen? Ich bin ganz dringend auf weitere Freiwillige angewiesen, damit das Projekt weiterlaufen kann. Hier findet ihr alle Infos zur Teilnahme.

Und eine Facebook Gruppe zum Projekt gibt’s auch.

Let’s spread some Self Love!