„Sport“ und „Fitness“ vs. intuitive Bewegung

Der heutige Artikel steht seit Jahren auf meiner To Do-Liste. Wie die meisten von euch ja vielleicht wissen, ist der Self Love Sunday aus Food ’n‘ Love heraus entstanden, einem gemeinsamen Projekt mit Moritz Warntjen rund um das Thema „intuitives Essen“.

Je mehr ich mich damals mit dem Thema „normales Essverhalten“ auseinandersetzte, desto klarer wurde mir, wie „unversaut“ ich in dieser Richtung bin. Ich esse seit fast 40 Jahren wie ein Kleinkind, habe noch nie eine Diät gemacht und unterteile Lebensmittel nicht in „gut“ und „böse“ oder „gesund“ und „ungesund“. Ich esse sowohl, wenn ich hungrig bin, als auch, wenn ich Appetit habe. Meistens höre ich auf, zu essen, wenn ich satt bin. Manchmal, wenn es unfassbar lecker ist, aber auch nicht. Dann mache ich entweder ein Nickerchen oder einen kleinen Spaziergang oder ich trinke einen Schnaps.

In Bezug auf dieses Essensthema habe ich in den vergangenen Jahren ja einige Artikel veröffentlicht, die ihr hier findet. Wenn wir über die milliardenschwere Diätindustrie reden, die unentwegt dafür sorgt, dass wir uns zu faul, zu fett und zu vergiftet fühlen, kommen wir aber auch nicht umhin, uns neben der Ernährung mal das Thema Bewegung genauer anzuschauen.

Denn wer dem gesellschaftlichen „Ideal“ entsprechen will, muss in der Regel abnehmen und da gibt es ja im Prinzip zwei Möglichkeiten – entweder die Nahrungsaufnahme reduzieren und/oder das Bewegungspensum hochfahren. Und genau wie im Bereich der Ernährung, werden uns auch hier zahlreiche Optionen dargeboten, von Klassikern wie Fitnessstudio Mitgliedschaften bis hin zu Bootcamps, in denen man sogar angeschrien wird.

Letztes Jahr fragte mich ein mir bis dahin unbekannter Mensch im Rahmen eines légèren Smalltalks: „Machst Du Sport?“ Und ich wusste gar nicht so genau, wie ich auf diese Frage antworten soll. Mein iPhone sagt mir, dass ich täglich +/- 8 Kilometer zu Fuß zurücklege: Wenn mir nach Dehnen ist, übe ich Yin Yoga, wenn ich mich zentrieren will, schnappe ich mir meinen Hula Hoop Reifen und wenn ich müde und erschöpft bin, darf mein Körper sich ausruhen.

Ich habe früher (also wirklich sehr viel früher) Basketball gespielt und erinnere mich noch gut an einen unserer „Trainer“, der immer sagte: „Ihr werdet sprinten, bis ihr kotzt!“ Ein Wunder, dass ich trotzdem immer wieder dort aufgeschlagen bin. Ich hatte während meiner Schulzeit einen Sportlehrer, der uns im Sommer im Auto sitzend (leider kein Scherz) um einen See und über die Tartanbahn gepeitscht hat. Es war die Hölle. Und mindestens genauso gruselig sind meine Erinnerungen an die jährlich stattfindenden Bundesjugendspiele, bei denen ich Jahr für Jahr am Reck hing und keine Ahnung hatte, wozu diese ganze Demütigung gut sein soll.

Ich denke, ich bin mit diesen Erfahrungen nicht alleine. Der Begriff „Sport“ ist häufig schon in der Schulzeit negativ konnotiert und spätestens, wenn während der Pubertät dann noch das strategische Kalorienverbrennen dazu kommt, schwindet die Lust an der Bewegung immer stärker dahin…

Dabei ist Bewegung eine ebenso natürliche, wie auch freudige Angelegenheit. Unser Körper ist nicht für die Statik gebaut. Wenn wir 8 Stunden vor einem Computer oder 12 Stunden in einem Flugzeug sitzen, merken wir das ziemlich deutlich. Dennoch gibt es sehr viele Menschen, die sich der Bewegung an sich aus einer Art Trotz heraus konsequent zu verweigern scheinen. Und genau diesen Menschen soll der heutige Artikel Mut machen.

Genauso wie uns allen von Natur aus ein gesundes Ernährungsprogramm auf die Festplatte gespielt wird, verhält es sich auch mit dem Bewegungsprogramm. Ich bin ja ein großer Fan davon, das Wort „Sport“ durch „Bewegung“ zu ersetzen, denn das kollektive schlechte Gewissen wäre sehr viel erträglicher, wenn ein 60-minütiger Spaziergang durch den Wald genauso „wertvoll“ wäre wie ein HIIT Summer Body Workout.

Ich bin fest davon überzeugt, dass es für jeden Menschen Formen der Bewegung gibt, die ihm Freude bereiten. Ich schwimme zum Beispiel sehr gerne, liebe Hula Hoop Workouts und lange Spaziergänge. Die jährliche Demütigung am Reck hat mich also nicht gebrochen.

Ich kenne allerdings auch Menschen, die durchdrehen, wenn sie (aus welchen Gründen auch immer) ihr tägliches Workout nicht absolvieren können. Aber warum sollte es sich hier mit dem Suchtverhalten auch anders verhalten als beim Essen!?

Es wäre also unter Umständen ganz gesund, wenn wir uns alle mal die folgenden 3 Fragen stellen:

1.) Bewege ich mich, weil ich Lust darauf und Freude daran habe oder muss ich mich dazu zwingen? (Und falls ich mich dazu zwingen muss: Warum zur Hölle tue ich mir diese Form der Bewegung an?)

2.) Welche Arten der Bewegung gibt es abseits der mit „Sport“ gelabelten Formen? Und ist da vielleicht irgendwas dabei, was ich gerne mal ausprobieren würde? Die Möglichkeiten sind schier unendlich.

3.) Darf mein Körper sich wirklich ausruhen, wenn er müde ist?

Denn wenn wir ehrlich sind, ist es doch so: Der Selbsthass kommt nicht nur in Form von Diäten daher, sondern wohnt auch den meisten Workouts und Fitnessprogrammen inne.

Bei dem ganzen Zirkus solltet ihr aber eines nie vergessen:

Ihr seid gut und richtig, genau so wie ihr seid. Es ist nichts weiter zu tun. Lasst euch von niemandem was anderes erzählen.

Jenny