Self Love Sunday #99 – Jasmin

Ich weiss nicht, wie oft ich in den letzten beiden Jahren schon gebetsmühlenartig runtergeleiert habe, dass es beim Self Love Sunday darum geht, echte Körper in allen Größen, Formen und Farben sichtbar zu machen. Umso mehr freue ich mich, dass das Projekt gerade im Hinblick auf den letzten Punkt heute nochmal ein Stück weit an Vielfalt gewinnt und die Realität da draußen dadurch noch ein bisschen besser portraitiert.

Vorhang auf für Jasmin und ihre Geschichte:

“Hi, mein Name ist Jasmin, ich bin 36, verheiratet und Mutter eines 2,5 jährigen Sohnes. Wir leben vegan und ich engagiere mich in der LGBTIQ*-, der Tierrechts- und der Schwarzen Community. Ich bezeichne mich selbst als queer und lebe außerdem polyamor, habe also zeitweise mehr als einen Menschen als Partner*in. Ich arbeite im sozialen Bereich und habe gerade angefangen, Soziale Arbeit zu studieren.

Inzwischen bin ich zufrieden mit meinem Körper, aber das war nicht immer so. Vor meiner Pubertät war ich sehr dünn. Dann begann ich, die Pille zu nehmen und von heute auf morgen kamen weibliche Rundungen. Aus dieser Zeit habe ich heute noch einige Dehnungsstreifen. Das war allerdings nie ein großes Problem für mich. Ich konnte immer essen, was ich wollte, ohne viel Gewicht zuzulegen. Trotzdem fühlte ich mich nie zuhause in meinem Körper. Er war mir fremd, was in Kombination mit Depressionen seit meinem 13. Lebensjahr auch zu autoaggressivem Verhalten geführt hat. Ich habe mich viele Jahre selbst geschnitten. Das waren die wenigen Momente, in denen ich mich wirklich mit meinem Körper verbunden gefühlt habe.

Ein weiterer Grund, der mich mein ganzes Leben lang in meinem Körpergefühl beeinflusst, ist offensichtlich: Meine Hautfarbe. Oft wurde ich deswegen ausgegrenzt, beschimpft, sexualisiert, diskriminiert, kategorisiert. Das hat mich schon als Kind meine Hautfarbe hassen lassen. Ich wollte einfach so schön und weiß sein, wie die Menschen um mich herum. Ich versuchte zu Beginn meiner Teenie-Zeit verzweifelt, mich anzupassen, um möglichst akzeptiert zu werden. Was aber nie funktionierte. Ich sah immer noch anders aus, meine Familie hatte wenig Geld und wir lebten in einem kleinen Dorf im hessischen Hinterland.

Deshalb beschloss ich irgendwann, denn Weg der Rebellion zu wählen: Wenn ich eh nicht akzeptiert werde, wie ich bin, kann ich auch einfach mein Ding machen. Ich durchlebte sämtliche Subkulturen, vom Hippiemädchen mit Dreadlocks über Gothic Style, ganz in schwarz. Wirklich zuhause fühlte und fühle ich mich aber im Bereich des New Metal und Alternative. Auch hier falle ich natürlich als meist einzige schwarze Person aus dem Rahmen. Aber das ist mir egal.

Die inneren Kämpfe trage ich immer noch aus. Auch wenn ich nach außen selbstbewusst und stark wirke. Die Tätowierungen haben viel dazu beigetragen, mich in meinem Körper wohler zu fühlen. Als ich vor einigen Jahren endlich die Pille abgesetzt habe, nahm ich wieder schlagartig ab. Am wichtigsten war dabei aber für mich, meinen Körper nicht mehr länger mit Hormonen zu belasten und zu verändern.

Ein besonderer Wendepunkt war die Schwangerschaft und mein neues Leben als Mama. Mir wurde bewusst, wozu mein Körper in der Lage ist und dass ich dafür dankbar sein sollte, körperlich gesund zu sein. Natürlich hat er sich durch die Schwangerschaft wieder sehr verändert, aber ich konnte mich plötzlich einfach so annehmen, wie ich bin.

Der Umstieg zur veganen Lebensweise komplettierte für mich diesen Prozess. Denn zu einem gesunden Selbstbild gehört es für mich auch, in den Spiegel schauen zu können und mit sich im Reinen zu sein. Und das bin ich erst, seit ich so tierleidfrei wie möglich lebe. Ich möchte für meinen Sohn ein Vorbild sein und vor allem möchte ich, dass er eine Zukunft hat und ein selbstbewusster, guter Mensch wird. Deshalb habe ich mich endlich zu meiner Identität als Schwarze, queere Frau bekannt, die gut ist und zwar genau so, wie sie ist.

Die Autoaggressionen sind inzwischen Vergangenheit und die Depressionen habe ich wesentlich besser unter Kontrolle. Meine Haare, die ich jahrelang geglättet habe, trage ich jetzt kurz und nehme meine natürlichen Locken endlich an. Am liebsten mag ich an mir meinen Bauch, mein Lachen, meine Augen und mein großes Herz.

Allen Menschen da draußen möchte ich mitgeben, sich immer gut um sich zu kümmern und das zu tun, was euch glücklich macht. Ganz egal, ob das Essen ist, Sport, beides oder sonst was. Lasst euch von niemandem vorschreiben, wann ihr kurze Sachen tragen sollt, wie ihr euch zu geben, zu schminken oder zu lieben habt. Es gibt nur das eine Leben und es kann so schnell vorbei sein. Also verschwendet nicht eure Zeit an Menschen, die euch nicht gut tun!

Liebt euch!

Eure Jasmin”

Von Herzen DANKE an Dich, liebe Jasmin, für diesen so unglaublich wertvollen Beitrag!

Wollt auch ihr mitmachen beim Self Love Sunday und eure Geschichte teilen? Ich bin ganz dringend auf weitere Freiwillige angewiesen, damit das Projekt weiterlaufen kann. Hier findet ihr alle Infos zur Teilnahme.

Außerdem wird es am 16. Juni zur Feier der 100. Folge ein Self Love Sunday Meetup geben! Falls ihr in Berlin seid: Kommt unbedingt rum!

Let’s spread some Self Love!