Self Love Sunday #97 – Annika

Liebe Leute, es hat 97 Folgen gedauert, bis das Thema “Lipödem” hier beim Self Love Sunday erstmalig auf den Tisch kommt. Ich hatte mir die ganze Zeit gewünscht, dass jemand mit Lipödem mitmacht und seine Geschichte hier teilt und bin umso dankbarer, dass Annika es heute tut:

“Mein Name ist Annika, ich bin 27 Jahre alt und von Beruf Physiotherapeutin.

Immer wieder war und bin ich im Privaten, sowie auch im Beruflichen in unangenehmen Situationen, in denen es um meinen Körper geht.

Wie bei vielen begann das Mobbing bereits in der Kindheit und hat sich auch durch meine Jugend gezogen. Ständig habe ich um die Anerkennung anderer, und besonders um meine eigene Anerkennung gegenüber mir selbst, gekämpft. Zuhause wurde ich bei vielen Mahlzeiten von immer demselben Satz begleitet: „Meinst du nicht, es ist bald genug?“

Meine Eltern haben immer viel gearbeitet und leider fehlte oft die Zeit, über Persönliches zu sprechen und so lernte ich, die Dinge mit mir selbst auszumachen oder auch einfach nur runterzuschlucken. Ich war zum Teil laut, launisch und oft konnte ich mich auch selbst nicht ertragen. Auch mein ständig schwankendes Gewicht in der Pubertät machte die Sache nicht einfacher.

Als ich dann meinen ersten Freund hatte, gerieten die Probleme erst einmal in den Hintergrund. Bis ungefähr ein Jahr später ein Nachbar meines damaligen Freundes dachte, mich in seiner Wohnung einschließen und mich sexuell bedrängen zu müssen. Er bedrängte mich, fasste mich gegen meinen Willen an und sagte mir Dinge, die ich nicht hören wollte. Ich konnte mich nicht wehren, stand da wie erstarrt. Damals igelte ich mich tagelang ein, versuchte diese Momente zu vergessen, aber es ging nicht. Mein damaliger Freund brachte es zur Anzeige, ich wollte es nicht. Ich hatte Angst vor allem, was auf mich zukommen würde und ich hatte Recht.

Vor Gericht zerbrach meine Schutzmauer, ich fühlte mich bloßgestellt und machtlos gegenüber dem, was mit und wegen mir passierte. Den Tag, an dem ich diesen Mann im Gericht wieder gesehen habe und mir vorgeworfen wurde, ich hätte diesen alten Mann in seine Wohnung gedrängt und belästigt, werde ich nicht wieder los.

Bis heute wurde in meiner Familie nicht wirklich darüber gesprochen und viele wissen es nicht einmal, wissen nicht, warum ich nicht mehr umarmt werden wollte und wahnsinnig empfindlich auf Berührungen reagierte und zum Teil heute noch reagiere. Als wäre das nicht genug gewesen, bekam ich nach der Trennung meines damaligen Freundes über viele Jahre verletzende und beleidigende Nachrichten von ihm. Die letzte, diesmal nicht verletzend, kam einige Wochen vor seinem plötzlichen Tod. Seit diesen Ereignissen führte ich den Kampf gegen meinen Körper erneut.

Sobald ich konnte, bin ich damals für ein paar Jahre von zu Hause weg, ich brauchte Freiraum. Vieles konnte ich hinter mir lassen, nur die Selbstzweifel an mir und meinem Körper waren immer noch da.

Es war nicht einfach, wieder einen Mann in mein Leben zu lassen. Wie sollte ich zulassen, dass ich umarmt werde, wenn ich bei jeder Berührung zusammengezuckt bin? Wie sollte mich jemand lieben, wenn ich es selbst nicht konnte? Da ich auf diese Fragen keine Antwort hatte, habe ich mich in meine Ausbildung gestürzt, einige Zeit das einzige, was mir geholfen hat, da ich jeden Tag aufs Neue gezeigt bekam, wie gut es mir eigentlich ging und dass es immer irgendwie weiter geht.

Durch meinen Ex-Freund lernte ich vor vielen Jahren meinen zukünftigen Arbeitskollegen kennen. Jemanden mit einer unglaublichen Gelassenheit und großem Respekt vor jedem Lebewesen. Er wurde zu einem guten Freund, der mich zur Ruhe brachte, der mich immer mehr lehrte, mich so zu nehmen wie ich bin und zu guter letzt zu dem Mann, den ich liebe.

Seit einigen Jahren ist klar, dass ich ein Lipödem habe und mit Hilfe einer passenden Kompressionsversorgung kann ich damit gut leben. Auch wenn ich mein Gewicht, wenn überhaupt, nur schwer reduzieren kann. Es gibt noch immer diese Tage, an denen ich mich in einen anderen, schlankeren Körper wünsche, aber dank meines Freundes fällt es mir leichter, meinen Körper anzunehmen und ich beginne, mich immer wohler zu fühlen. Ich mag meine Haare, mein Gesicht und ich mag meine Brüste.

Leider gelingt es anderen aber auch heute noch, mich mit mancherlei Kommentaren aus der Fassung zu bringen, ansonsten wäre ich auch nicht auf dieses Projekt aufmerksam geworden. Auslöser war der Urlaub im letzten Jahr, als ein Bekannter nebenbei bemerkte:“ Du weißt, dass du zu fett bist?“ Als ich mich tränenüberströmt zurückzog, machte mich eine Freundin auf das Projekt aufmerksam, Danke dir Nina! Oder auch eine Patientin, selbst doppelt so schwer wie ich, fragte mich letztens:“Sagen Sie mal, wenn Sie so viel Sport treiben, warum sind Sie dann so pummelig?!“

Es fällt mir heute deutlich leichter, solche Situationen zu meistern. Nur sollten wir alle, egal ob dick oder dünn, egal welche Besonderheiten wir auch haben und auch wenn wir uns selbst perfekt fühlen, lernen, darauf zu achten, was unsere Worte bei anderen bewirken!”

Welch’ wahre Worte. Die Welt wäre eine bessere, wenn sich jede*r ab sofort nur noch um seinen eigenen Körper kümmern und aufhören würde, unentwegt im Außen zu bewerten und auszuteilen. Daher: Von Herzen Danke an Dich, liebe Annika, für diese wertvolle Message!

Wollt auch ihr mitmachen beim Self Love Sunday und eure Geschichte teilen? Ich bin ganz dringend auf weitere Freiwillige angewiesen, damit das Projekt weiterlaufen kann. Hier findet ihr alle Infos zur Teilnahme.

Und eine Facebook Gruppe zum Projekt gibt’s auch.

Let’s spread some Self Love!