Manifestieren, Visualisieren, spiritueller Druck und das Ego

Liebe Leute, wir müssen heute mal über Spirituellen Druck reden. Denn ich, weiblich, 39 Jahre alt, wohnhaft in Berlin und selbständig mit einer “Gesundheits- & Wellness Website” scheine zu 100% der Zielgruppe zu entsprechen, die über sämtliche Social Media Kanäle mit unendlich viel spirituellem Optimierungsscheiss zugeballert wird.

Seit einer Weile habe ich alle Spiri-Podcasts, in denen erklärt wird, wie man manifestiert, richtig visualisiert oder sich sonstwie persönlich weiterentwickelt, deabonniert und blende gefühlt im Minutentakt Werbeanzeigen von Mittzwanzigern auf Facebook und Instagram aus, die mir erklären wollen, wie das Leben funktioniert und wie ich, verdammte Scheisse, endlich(!) glücklich werde und mir mein Traumleben erschaffe.

Spiritualität ist zu einem Lifestyle verkommen. Wir sind ja alle ach so erleuchtet und das zeigen wir auch gerne auf Instagram. Wir inszenieren uns in Meditationsposen und besuchen Spiri Hipster Festivals, auf denen wir uns ekstatisch in unser Higher Self tanzen. Wir beten zur Kakao Deva und teilen unsere Yogapraxis mit der Welt da draußen – selbstredend im knappen, sexy Outfit, damit auch alle sehen, dass der letzte Juice Cleanse funktioniert hat.

Dieser ganze Zirkus geht mir hart auf die Ketten und manchmal ist es mir sehr unangenehm, dass ich mit meiner Arbeit selbst in der Manege stehe und mit Tarotkarten und Edelsteinen jongliere. Denn ich hoffe inständig, dass ich nicht zu diesem Spiri-Druck beitrage, der auf Social Media User*innen und Blogleser*innen ausgeübt wird. Dieser erhobene Zeigefinger, der zum korrekten Visualisieren und Manifestieren mahnt. Und bei dem auch immer mitschwingt: “Wenn Dein Leben Dich fickt, bist Du nicht in Deinem Higher Self. Setzen, sechs.”

Meine Karma Session bei Lisa im vergangenen Sommer hat meinen Blick auf die Dinge sehr grundlegend verändert. Zum einen bin ich seitdem sehr viel besser angebunden und es wurde ein Dominoeffekt ausgelöst, der bis heute aktiv ist und einen Stein nach dem anderen umschubst. Zum anderen habe ich aber auch kapiert, dass es sowas wie einen Seelenplan gibt und dass wir alle in dieser Inkarnation unterwegs sind, um bestimmte Erfahrungen zu machen.

Und da können wir noch so viele Online Kurse kaufen und in Packages investieren, die uns das perfekte Leben versprechen. Es gilt, zu durchleben, was unsere Seele sich auf die To Do-Liste gesetzt hat. Und diese Erfahrungen sind nunmal nicht immer zuckerwattig und kollidieren bisweilen stark mit den Bildern, mit denen wir versuchen, uns unser “Traumleben” zu erschaffen.

Das echte Leben der meisten Menschen entspricht nicht ansatzweise dieser perfekten Inszenierung, die uns online präsentiert wird. Im echten Leben gibt es Krankheiten und Todesfälle. Da gibt es Gewalt und Schicksalsschläge. Und all’ das gehört zum Menschsein dazu. Das sind Erfahrungen, die es zu meistern gilt. Und damit zu dealen, lässt sich eben nicht sonderlich glamourös auf Instagram inszenieren.

Ich habe mich in den letzten Wochen mit mehreren Menschen über diesen Spiri-Druck unterhalten, der online aufgebaut wird, und der uns dieses “Biggest Loser” Gefühl beschert, wenn das mit dem Manifestieren nicht so hinhaut, wie wir es gerne hätten, weil unser Seelenplan uns reingrätscht. Dabei ist mir aufgefallen, wie diese vermeintliche Spiritualität dazu benutzt wird, dem eigenen Ego den rosa Glitzerteppich auszurollen und es mit Konfetti und Luftschlangen zu bejubeln.

Ich, Ich, Ich! Mein Online Business, meine Märchenhochzeit, meine Yogapraxis!

Wenn ich einen Wunsch frei hätte, dann würde ich mir wünschen, dass wir alle zusammen ein bisschen kritischer auf diesen ganzen Zirkus blicken. Denn wahre Spiritualität bedeutet in meiner Welt, aufzustehen, wenn das Leben einen niederstreckt und irgendwann an den Punkt zu gelangen, genau dieses Niederstrecken zu wertschätzen.

Ich bin mir sehr wohl darüber im Klaren, dass jeder/jedem von uns eine Schöpferkraft zur Verfügung steht, mit der wir unser Leben gestalten können. Das möchte ich gar nicht bestreiten. Ich würde es nur sehr begrüßen, wenn wir diese Kraft weniger dafür nutzen, dem eigenen Ego den Arsch zu pudern und anderen Menschen ungute Gefühle zu bereiten.

Jenny