Self Love Sunday #92 – Carina

Liebe Leute, der heutige Beitrag von Carina hat mich beim Lesen mal wieder zu Tränen gerührt. Er ist so wichtig! Und ich würde mir so sehr wünschen, dass er möglichst viele Menschen erreicht. Fühlt euch also frei, ihn zu teilen oder auch ganz konkret an Menschen weiterzuleiten, von denen ihr denkt, dass er ihnen helfen könnte! Ich danke euch. Und nun Vorhang auf für Carina und ihre Geschichte:

“Ich plane schon ewig, meine Geschichte für den Self Love Sunday zu schreiben. Spätestens jeden Sonntag nach dem aktuellen Beitrag denke ich mir “Diese Woche mache ich es wirklich”…und mache es nicht. Ich fühle mich wohl nicht ausreichend qualifiziert, weil ich von “Self Love” manchmal so weit entfernt bin. Heute tue ich es trotzdem. Self Love (sometimes) Sunday!

Ich erinnere mich, dass ich meinen Körper schon seit der Kindheit abnorm fand, mich oft wie ein Alien fühlte. Das war so in der Grundschulzeit herum. Ich muss dazu sagen, dass ich immer sehr groß war. Obwohl ich heute “nur”1,76m groß bin, bin ich sehr früh gewachsen. Bei meiner Einschulungs-Untersuchung reichte die Messlatte der Ärztin vom Gesundheitsamt nicht aus, bei meiner Erstkommunion brauchte ich Brautschuhe, weil ich bereits Größe 40 trug. So wie heute.

Mit 9 bekam ich meine erste Regel, war entsprechend körperlich weit gereift und wurde auch von älteren Jungs oder sogar Männern bereits als Frau wahrgenommen. Wenn ich heute Klassenfotos aus der vierten Klasse sehe, stehe ich hinten neben der Lehrerin und könnte als Referendarin durchgehen. Oder als Schülerin, die mehrere Jahre sitzen geblieben ist. Anders als heute, fehlte mir als Kind grundsätzlich das Bewusstsein, dass jede Entwicklung anders ist. Ich fühlte mich immer unpassend, anders als andere, zu viel, zu sichtbar.

Durch meine vorzeitige Reifung fühlte sich auch jede*r autorisiert, mein Aussehen und meine Entwicklung unaufgefordert zu kommentieren. Man denkt so oft, dass Kinder nicht hinhören oder nicht verstehen. Aber sie tun es. Zumindest die Botschaft dringt durch: Da stimmt doch was nicht.

Ich habe mich nie gerne bewegt. Vielleicht, weil ich meinen Körper nie richtig bewohnt habe. Ich sah mich ihm hilflos gegenüber. Ich wollte meinen riesigen, monströsen Körper nicht noch in Bewegung setzen und damit noch mehr Aufmerksamkeit erregen. Insbesondere die Aufmerksamkeit der Männer ängstigte mich. Zum Beispiel das Pfeifen, wenn ich vorbei ging. Ich wusste nicht, was das bedeuten soll. Ich wusste nur, dass sie immer lachten, und dachte, sie lachen mich aus, weil ich so ein monströses Ding bin. Meinen Freundinnen in den Kinderkörpern passierte so etwas nicht, sodass ich dachte, auf mir liegt ein für andere unsichtbarer Fluch, den nur fremde Männer sehen können.

In der Pubertät wurde es nicht einfacher, es wurde schlimmer. Nur war ich nun nicht mehr die einzige, die ihren Körper hasste und verwünschte. Lange noch besaß ich die Tagebücher aus der Zeit, die sich immer darum kreisten, was an mir zu viel, zu blass, zu wacklig, zu breit, zu picklig und so weiter war. Irgendwann mit Anfang 20 entsorgte ich die Bücher. Es machte mich sehr traurig, in der Phase meines Lebens, in der ich Träume und Ziele für mein Leben hätte schmieden und meine Leidenschaften entdecken können, damit zugebracht habe, mich ausdauernd und auf immer neue Wege selbst zu hassen.

Es war nur konsequent, dass ich irgendwann mit 13 oder 14 gemeinsam mit einer Freundin den Plan ausheckte, dass wir uns nach dem Essen den Finger in den Hals stecken wollten und so endlich dünn und perfekt werden wollten. Ich “schaffte es”, sie schaffte es nicht. Ich bekam sehr viel Lob für meine scheinbar disziplinierte Gewichtskontrolle, sie bekam von ihrer Mutter Tadel, dass ihr die Disziplin fehle. Disziplin ist dabei nicht das richtige Wort. Es war blanker Selbsthass.

Das ging einige Jahre so weiter, mal mehr, mal weniger intensiv. An der Uni angekommen, schloss ich mich einer Selbsthilfegruppe für bulimiekranke Frauen an. Das war ein riesiger Schritt nach vorne – nicht nur die Auseinandersetzung mit dem Thema, sondern einfach auch mal offen reden zu können und verstanden zu werden. Nach jedem Treffen war ich fassungslos: Die intelligentesten, kreativsten, liebenswertesten, humorvollsten Frauen hassen sich – grundlos.

Es dämmerte mir erstmals, dass auch mein Selbsthass ungerechtfertigt sein könnte, dass ich vielleicht, nur vielleicht, auch in Ordnung bin. Die Wende kam dann ein oder zwei Jahre später: Ich wurde schwanger von einem extrem toxischen Mann. In der Beziehung, am Ende meiner Kräfte, war ich übrigens zum ersten Mal im Leben sehr, sehr dünn. Ich konnte es nur nicht genießen. Ich merkte es kaum. Ich war viel zu beschäftigt, dem einzigen Mann hinterherzurennen, der mich je nackt gesehen hatte und der trotzdem bereit war, bei mir zu bleiben.

Wenn ich nur dies und das ändern / mich anders verhalten / nicht immer so xyz wäre. Ja, so dachte ich: Er erträgt mich, obwohl er mich nackt gesehen hat. Das wird mir kein zweites Mal passieren. Als ich schließlich schwanger wurde, wusste ich, ich muss mich trennen, weil ich nicht die Kraft für eine dysfunktionale Beziehung und das Kind haben würde, sondern nur für eins. Ich erinnere mich, wie ich dachte: In dir wächst aus dem Nichts ein Körper heran. Du musst dich wirklich satt essen. Immer. Es war wirklich schwer. Ich hatte mich von dem Gefühl, “zufrieden satt” zu sein (nicht “hungrig satt” oder “überfressen satt”) total entfremdet. Es dauerte ein paar Wochen bis ich das wirklich zulassen konnte. Bis Essen überhaupt ein normaler Vorgang wurde. Es hat sich mir nie erschlossen, wie Menschen das machen: Sie merken, dass sie Hunger haben, dann holen sie sich was zu essen, essen es (womöglich in der Öffentlichkeit!!!! wie zum Beispiel der Mensa) und ein paar Stunden später wiederholt sich das alles!?

Ich lernte langsam, durch Nachahmung sozusagen. Ich aß mal ein Brötchen in der Cafeteria, dann etwas Warmes in der Mensa. Und merkte, wie mein Körper aufblühte. Meine ausgefallenen Haare wuchsen nach. Meine Akne ging zurück. Mein Bauch wuchs, ich nahm 30 kg zu und ich war damit in Ordnung. Eine ganz neue Erfahrung.

Fast forward: Nach der Schwangerschaft bin ich nie zurückgekehrt in die Essstörung. Zeitweise hat mein Selbsthass sich andere, nicht minder schlimme Wege gebahnt. Aber ich habe es, im Gegensatz zu früher, gemerkt. Ich weiß nun, dass mein Selbsthass nichts mit meiner Person oder meiner körperlichen Erscheinung zu tun hat. Dass die Jahre nicht zurück kommen, die ich mit Selbsthass verschwendet habe. Dass ich nun 35 Jahre alt bin und, so Gott will, gerade erst Halbzeit ist und ich all die Jahre, die vor mir liegen, mit anderen, mit bleibenden Dingen ausfüllen kann.

Meine Tochter wird nun bald 12 Jahre alt. Auch sie ist früh gewachsen und früh gereift. Auch sie fühlt sich oft unpassend und anders als die anderen. Beizeiten triggert mich das sehr. Auch und vor allem, wenn ich merke, dass sich in einem nichts geändert hat: Der Körper der Frau gehört jedem und jeder. Stars werden mit Cellulitis-Enthüllungsshots auf Klatschmagazinen abgebildet. Outfits werden mit “Hot or Not” bewertet. Meine Tochter erhält sehr regelmäßig ungefragt gut gemeinte(?!) Tipps, was sie gegen ihre Pickel tun kann: Weniger Zucker, weniger Fett, kein Fleisch, keine Milch, durch Sport die Pickel “ausschwitzen” oder (wahlweise) bloß keinen Sport treiben, weil Schweiß die Poren noch mehr verstopft.

All’ diese ungefragten Kommentare und Ratschläge brechen mein Herz. Ich sage ihr oft, dass sie richtig und schön ist, so wie sie ist. Ich kaufe ihr Bücher, die auf Empowerment setzen. Ich zeige ihr jeden Sonntag den Self Love Sunday. Ich gehe oft ohne Make Up, wenn ich riesige Pickel habe (prämenstruell zum Beispiel), um ihr (und noch immer mir selbst!?) zu zeigen, dass ich mich nicht durch gefälliges Aussehen anbiedern muss. Dass ich häßlich sein darf und trotzdem tolle Freunde habe, auf die ich immer bauen kann. Dass ich Ideen und Ansichten habe, die es wert sind, gehört zu werden, auch wenn ich eine Jahre alte Jogginghose trage und es wieder nur für Trockenshampoo gereicht hat.

Mit allem, was ich bin, habe, kann und weiß, versuche ich, meine Tochter stark zu machen und ihre Energie auf die Dinge, Träume, Pläne zu lenken, die sie sich für sich und “ihre” Gesellschaft erträumt. Ich wünsche mir für sie einen Raum, in dem sie mit verschiedenen Looks einfach experimentieren kann, darf, und soll. Einfach als Teil der Identitätsfindung in der Pubertät. Aber nicht als alleiniger identitätsstiftender Teil (“Welcher Look kommt bei anderen am besten an?”).

Ich sage ihr oft, dass sie richtig ist, so wie sie ist. Ich sage ihr oft, dass sie richtig isst, so wie sie isst. Und ich hoffe, dass es reicht.”

Ich verneige mich vor Dir, liebe Carina, für diese Hammer Message und danke Dir von Herzen für das Teilen Deiner Geschichte. Wollt auch ihr mitmachen beim Self Love Sunday? Ich bin dringend auf weitere Freiwillige angewiesen, damit das Projekt weiterlaufen kann. Hier findet ihr alle Infos zur Teilnahme.

Und eine Facebook Gruppe zum Projekt gibt’s auch.

Let’s spread some Self Love!