Self Love Sunday #89 – Nadine

Ich freue mich riesig, dass Nadine mir vergangene Woche einen Text und ein Bild zugeschickt hat und somit dafür sorgt, dass der Self Love Sunday hier und heute ein weiteres Mal stattfindet und nicht in’s Wasser fällt. Vorhang auf für Nadine und ihre Geschichte:

“Jeder, der sich selbst liebt, macht die Welt ein wenig besser.”

“Hallo, ich bin Nadine Pulver, Binge Eater und Ernährungspsychologischer Coach aus der Schweiz.

“Pulverfass” wurde ich ein paar wenige Male in der Schule genannt (und habe es nie vergessen), “Dickerli” regelmässig zu Hause. Natürlich war das liebevoll gemeint, aber es beeinflusste das Bild, das ich selbst von mir haben würde: Ich war zu dick.

Naja, lieber zu dick als zu doof oder zu langweilig, denn gegen das Dicksein konnte ich ja etwas tun. Trotzdem nagte das Gefühl der Minderwertigkeit an mir und ich fand schnell heraus, dass Essen ein guter Tröster und Weggefährte war.

Gerade bevor ich mit meinem Freund Schluss machte, meinte er “Du wirst niemals wieder einen anderen Mann finden”, und ich glaubte es ihm. Ich war 21. Meinen ersten Abnehmversuch hatte ich da schon hinter mir und hatte nach der Abnahme das Doppelte wieder zugenommen. “Wenn du noch mehr zu nimmst, mache ich Schluss”, meinte er. Ich hatte Grösse 46.

Ich nahm mir fest vor, an mir zu arbeiten und gut (und schlank) genug für meinen Traummann zu werden; ich würde mich erst dann wieder auf eine Beziehung einlassen. Na ja, und dann war ich 17 Jahre Single. Was für eine Verschwendung.

Anstatt die Liebe zu feiern, pendelte ich zwischen Diät und Fressorgien hin und her. Nahm in der Zeit total 110kg ab und 165kg wieder zu…der Kampf mit dem Essen und dem Gewicht war mein Lebensinhalt geworden. Nach jeder Diät war ich danach dicker als davor.

Ich war Binge Eater, gehörte zu der Gruppe “Binge First”, habe also aus psychologischen Gründen angefangen zu fressen. Da gibt es noch die “Diet First” Gruppe, die nach einer Diät in die Fressanfälle abrutschen, was übrigens eine natürliche Reaktion unseres genialen Körpers ist, und nicht “Willensschwäche” oder “ein Mangel an Selbstdisziplin”.

Da mir keiner mit meiner Essstörung helfen konnte, entschied ich mich Anfang 40, die dickste ganzheitliche Ernährungsberaterin der Schweiz zu werden und der Sache auf den Grund zu gehen. Also studierte ich für 2 Jahre Ernährungspsychologie.

Mein Schlüsselerlebnis hatte ich, als ich im 2. Ausbildungsjahr meine Dozentin hören sagte “95% aller Diäten scheitern”. Es war das erste Mal, dass ich so etwas hörte. Ich dachte immer, ich war der Versager. Heute weiss ich, dass die Diäten versagen und nicht funktionieren KÖNNEN.

Ich hatte realisiert, dass ich mit den Abnehmversuchen aufhören musste, um Frieden mit dem Essen zu bekommen (und den wollte ich mittlerweile mehr als den schlanken Körper). Also gab ich meine Bemühungen, und mit ihnen die Verbotsliste in meinem Kopf, auf.

Ich fing an, Fressanfälle bewusst zuzulassen und intuitiv zu essen, also ohne Verbote. Weil ich Süssigkeiten immer haben konnte, waren sie bald weniger interessant. Als ich dann noch meinen inneren Kritiker entdeckte und mich liebevoll von ihm loslösen konnte, fand ich Frieden.

Zum ersten Mal in meinem Leben konnte ich nun länger als 5 Minuten mein Gewicht halten; es sind jetzt schon 3 Jahre. Es ist ein schönes Gefühl, die Kleider vom letzten Jahr anziehen zu können.

Meinen Körper konnte ich immer mehr akzeptieren, fing an, ihn für seine Dienste wertzuschätzen, liebevoll mit ihm zu reden, ihm zu danken. Lange genug hatte ich ihn kritisiert und misshandelt.

Heute lege ich meine Hände auf meinen dicken Bauch und danke ihm, dass er so unermüdlich für mich arbeitet und das Beste aus der Nahrung macht, die ich ihm zuführe.

Ich danke meinen stämmigen Oberschenkel dafür, dass sie mich durchs Leben tragen und meinen schwabbeligen Armen, dass ich umarmen, streicheln, reichen, erschaffen kann.

“Danke meine Nieren, meine Eierstöcken, meine Leber, meine Bauchspeicheldrüse…ich liebe euch! Danke Augen, Ohren, Stimmbändern, Geruchssinn…ich liebe euch! Danke Haare, Brüste, Zehennägel…nicht jeder darf euch behalten; ich liebe euch!”

“Du bist genauso perfekt wie an dem Tag deiner Geburt”

Möchte ich immer noch abnehmen? Ja. Nicht wegen der Gesellschaft, sondern für mich. Die Gesellschaft war mir schon immer ziemlich egal. 50kg extra rumzuschleppen ist mir nicht egal. Ich weiss heute, dass Diät nicht die Antwort ist, sondern Liebe.

Wäre ich glücklicher und/oder wertvoller  mit weniger Gewicht? Nein. Denn das Glück ist im Hier und Jetzt, und nur da.

Nun möchte ich diesen Frieden, diese Freiheit, diese Selbstliebe und somit die Möglichkeit, seine Träume leben zu können, an andere weitergeben. DAS ist jetzt mein Lebensinhalt…und mein Traummann, der kam, als ich mir selbst zu genügen begann.

DANKE!”

Und wieder mal eine Geschichte, die mich sehr berührt hat. Euch geht es da bestimmt nicht anders. Umso wichtiger ist es, dass das Projekt weiterläuft! Wollt ihr selbst mitmachen beim Self Love Sunday und eure Geschichte teilen? Ich bin ganz dringend auf weitere Freiwillige angewiesen, damit das Projekt weiterlaufen kann. Hier findet ihr alle Infos zur Teilnahme.

Und eine Facebook Gruppe zum Projekt gibt’s auch.

Let’s spread some Self Love!