Self Love Sunday #87 – Christiane

Heute möchte ich mich vor Christiane verneigen, die mit sehr viel Geduld Foto für Foto aufgenommen hat bis die Auflösung am Ende passte. Ich freue mich riesig, ihr und ihrer Geschichte hier und heute den rosa Teppich ausrollen zu dürfen:

“Mein Name ist Christiane, ich werde dieses Jahr 47 Jahre alt. Ich wohne in einer kleinen Stadt vor Düsseldorf, bin Mutter von zwei Kindern (19 und 7), habe zwei Hunde, bin berufstätig und führe unseren Haushalt. Hobbies sind Sport (Yoga, Bewegung in der Natur, Krafttraining), Meditation (ich mache seit 11/18 eine Ausbildung zur Meditationsanleiterin), Lesen, in der Sonne sitzen, Kino, Theater und Massage.

Zu meinem Körper habe ich seit meinen 6. Lebensjahr ein schwieriges Verhältnis. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich ein unbeschwertes kleines, pummeliges Mädchen – dann traten Ereignisse in mein Leben, die das änderten. Dazu muss ich sagen, dass „Optik“ und „Gewicht“ ein Frauenthema in unserer Familie sind. Sogar meine Oma achtete am Totenbett auf ihr Gewicht. Meine Mutter tut das heute ebenso und identifiziert und katalogisiert sich und Ihre Umwelt (meist Frauen) nach Gewicht. Also wurde mir anerzogen “dünn sein ist sehr wichtig”.

Meine Eltern trennten sich sehr früh, ich bekam öfters mal neue Stiefväter vorgesetzt. Meist sehr schwache Männer mit (das kann ich als Erwachsene sagen) Alkoholproblemen. Als ich in die Pubertät kam, wurde mein Körper, meine Oberschenkel kräftiger. Jetzt gab es drei verschiedene Gruppen, die mich „spüren“ ließen, nicht richtig zu sein: Meine Mutter mit meiner Oma, Mitschüler und auch der aktuelle Stiefvater. Ich glaube, am meisten verraten fühlte ich mich von meinen weiblichen Verwandten, die mir suggerierten, nicht schön zu sein, falsch zu sein und auch, im Gegensatz zu meiner schmalen Freundin, keinen Ehemann abzubekommen. Das tat sehr weh. Ich fühlte mich tief im Inneren abgelehnt. Als ich mit 16 meinen ersten Freund hatte, fragte meine Mutter ihn eines Tages, wie er es eigentlich mit so einer dicken Freundin aushalten könnte.

Irgendwann wollte ich aus dieser Rolle raus. Eine Diät folgte der nächsten, Jo- Jo-Effekt und wieder das Gefühl des Versagens, es wieder nicht geschafft zu haben. Das belohnte ich dann bald mit Unmengen von Süßem. Vor allem Schokolade und Eis hatten es mir angetan – Sachen, die sich weich, warm und nach Liebe in meinem Mund anfühlten. Wobei ich nicht mehr genoss, sondern es herunterschlang. Die Gier war groß.

Eines Tage erzählte mir eine Freundin von Abführmitteln. Wir versuchten es und es wirkte. Ich habe auch versucht, mir den Finger in den Hals zu stecken, aber das fand ich dann doch zu eklig. Mit den Abführmitteln konnte ich essen ohne Ende und nachher kam alles wieder raus. Bis meine Freundin einem Arzt davon erzählte. Er warnte uns und zeigte ihr Bilder von geschädigten Därmen. Das wollten wir auch nicht. Also fing ich mit Sport an. Laufen, Laufen, Laufen. Immer, wenn ich zu viel gegessen hatte, lief ich danach und bestrafte mich. Mein armer Körper. Er wurde von mir missbraucht.

Circa 30 Jahre Bulimie habe ich hinter mich gebracht. Ich habe in der Zeit zwei tolle Kinder zur Welt gebracht. (In der Zeit habe ich mich erfüllt gefühlt und habe „normal“ gegessen ohne Essstörung.) Ich habe viele Therapien gemacht und eine Ausbildung zur Heilpraktikerin für Psychotherapie, nur um den Vorgang in mir zu begreifen.

Vor 6 Jahren habe ich aufgehört und fing an, „normal“ zu essen. Meiner kleinen Tochter zuliebe. Ich wollte ihr die Tortur ersparen. Seitdem zähle ich keine Kalorien mehr. Sport mache ich immer noch (ich glaube den Dämon der Bulimie wird man nie los, er schlummert immer in mir), aber moderat. Ich trinke seit letztem Jahr keinen Alkohol mehr, ich habe gemerkt er kann mich stimmungsmäßig zu sehr beeinflussen und lebe seit circa vier Wochen als Vegetarierin, aus Liebe zu den Tieren.

Ich arbeite immer noch an mir, gerade jetzt versuche ich das Thema Selbstliebe noch mehr auszubauen und meine Bedürfnisse ernst zu nehmen. Ich mag an meinem armen, geschundenen Körper, der oft nur funktionieren musste meine athletische Figur, meine Haare, Arme und Augen.

Ich versuche gerade, meiner Tochter immer zu sagen wie hübsch sie ist und ihren Selbstwert zu steigern. Ich bitte alle Eltern oder Menschen, die auf irgendeine Art mit Kindern zu tun zu haben: Gebt diesen Kindern das Gefühl, etwas ganz Besonderes zu sein und dass der Wert nichts mit der Optik zu tun hat. Ich weiß, es ist schwer, da wir uns heute noch mehr über Leistung und Aussehen definieren. Aber das wäre ein Anfang.

Liebe Grüße

Christiane”

Es berührt mich sehr, liebe Christiane, dass Du nach 30 Jahren Bulimie nun Teil des Projekts bist. Von Herzen Danke für Deine Geschichte!

Wollt auch ihr mitmachen beim Self Love Sunday und eure Geschichte teilen? Ich bin ganz dringend auf weitere Freiwillige angewiesen, damit das Projekt weiterlaufen kann. Hier findet ihr alle Infos zur Teilnahme.

Und eine Facebook Gruppe zum Projekt gibt’s auch.

Let’s spread some Self Love!