ITB Expertenforum Wellness & Wellness Trends 2019

Wie verrückt ist es bitte, dass ich nun schon zum sechsten Mal in Folge über das Expertenforum Wellness berichte, das Jahr für Jahr im Rahmen der ITB stattfindet? Gestern war es wieder soweit und die Wellness Hotels & Resorts haben in den CityCube geladen, um nationale und internationale Referent*innen auf die Bühne zu bitten und die Wellness Trends 2019 zu verkünden.

Im Gegensatz zu meinen Besuchen der vergangenen Jahre hatte ich dieses Mal im Vorfeld wirklich keinerlei andere Termine ausgemacht, bin also zum ersten Mal nicht zwischendrin nach Indien und Sri Lanka gehechtet und habe mir jeden der Vorträge ganz entspannt vom Anfang bis zum Ende angehört. Seid ihr bereit für meine durchweg subjektive Interpretation? Gut.

Hier seht ihr das Programm. Ich werde mich im Folgenden auf die Wellness Trends 2019 und auf den „Human Resources“ Vortrag von Wilfried Dreckman fokussieren, die übrigen Vorträge aber ebenfalls streifen. (Ich hab‘ den ganzen SPAss gestern aber auch über Twitter begleitet. Check!)

Gleich nach der Eröffnung startete Dr. Yasser Moshref mit „Der Spa- & Wellnessmarkt im Nahen Osten: Ein Markt, von dem Europa lernen kann?“ Im mittleren Osten machen Body Treatments nur 30% aus. (Hierzulande sind es in der Regel 70-80%). Maniküre und Pediküre sowie Waxing und Henna hingegen stehen hoch im Kurs. Große „5 Star City Hotel Pampering Spas“ mit asiatischen Behandler*innen und Manager*innen aus Europa funktionieren wohl am besten und die Treatments müssen sofort verfügbar sein, weil die Gäste keine Wartezeit tolerieren.

Ich persönlich finde den mittleren Osten nicht so sehr attraktiv und drücke bei Einladungen zu Pressereisen dorthin immer besonders vehement den „Löschen“-Button. Das hat mit Menschenrechten zu tun und ich bin da vielleicht einfach ein bisschen zu politisch. Seht mir also an dieser Stelle bitte nach, dass man das hier und heute unter Umständen rausliest. Dr. Yasser Moshref hat das sympathisch vorgetragen, aber die Destination haut mich einfach nicht vom Hocker.

Weiter ging es mit einem Best Practice Vortrag zum Thema „Biofeedback: Einsatzmöglichkeiten in der spezialisierten Wellness-Hotellerie“ mit Diana Sicher-Fritsch.

Es ist nämlich so, dass es Menschen gibt, die sich entspannen können, wenn man ihnen ein geiles Spa Setting zur Verfügung stellt und solche, die damit Probleme haben. Und genau hier kommt Biofeedbacktraining mit in’s Spiel, denn mit diesem medizinischen Messgerät lassen sich biologische Körperfunktionen bestimmen, die normalerweise nicht bewusst wahrgenommen werden können. Auf dieser Grundlage können dann unter anderem Entspannungstechniken erlernt werden. Ein viel zu komplexes Thema, um es jetzt hier nur so knapp anzureißen, aber: Superspannend!

Und dann war es auch schon an der Zeit für die „Wellness Trends: Umfrage-Ergebnisse – ein aktueller Überblick 2019“. In diesem Jahr wurden die Trends von Miriam Hofmann-Unverhau und Mareike Heck verkündet:

Mehr als 60% der Hoteliers erwarten eine weiterhin steigende Nachfrage nach Wellness-Leistungen und es wird nach wie vor fleissig investiert. Bei den Buchungskriterien der Gäste liegt der Wellnessbereich mit knapp 80% ganz vorne, gefolgt vom Zimmer (43,5%), der Lage (36,1%) und den Bewertungen durch andere (34,2%).

70% aller Gäste wünschen sich Wellness mit Wirkung, also anhaltende Effekte im Alltag und 25% aller Befragten verstehen unter „Wellness“ auch Ausflüge in die Natur. Für rund 40% der Befragten sind Naturheilverfahren (wie beispielsweise Ayurveda oder Thalasso) interessant. Damit belegen Naturheilverfahren im Ranking den zweiten Platz, direkt hinter Medical Wellness auf Platz 1.

Den größten Sprung in die Trends hat „Mental Wellness“ hingelegt, und zwar von 0 auf 25%. BOOM!

Die Gruppe der Befragten wurde in eine „jüngere Zielgruppe“ (bis 39 Jahre) und eine Zielgruppe ab 40 unterteilt. Hierbei ist interessant, dass „Stressmanagement“ bei der jüngeren Zielgruppe höher im Kurs steht als bei der älteren. 40% erwarten sich von ihrem Wellnessurlaub „Stressabbau“. Etwa die Hälfte dieser jüngeren Zielgruppe wünscht sich darüberhinaus ein ganzheitliches Wellnesserlebnis und eine individuelle Beratung. Die Lomi von der Stange dürfte also zeitnah ausgedient haben.

30% aller Befragten achten bei der Buchung auf die Bewertungen anderer Gäste. Ich nehme an, damit ist das Internet gemeint und nicht irgendwelche Gästebücher aus Papier, die in einigen Hotels rumliegen. Vielleicht kommt das digitale Zeitalter ja doch noch irgendwann in der Branche an? Man darf gespannt sein.

Aber nach den Wellness Trends war vor „Human Resources im Spa: Es fehlen qualifizierte Hände!“ mit Wilfried Dreckmann. Mein persönliches Highlight!

Kein größeres Geheimnis innerhalb der Branche: Der Arbeitsmarkt ist leer. Wilfried zeigte auf, dass die größte Zahl an Arbeitnehmern derzeit 55 Jahre oder älter ist und erklärte, was Arbeitnehmern zwischen 20 und 25 Jahren wichtig ist. An erster Stelle steht hierbei, dass die Arbeit sie erfüllt, an zweiter Stelle die Arbeitsatmosphäre und erst dann kommt das Gehalt.

Nun bewegen wir uns allerdings in einer Branche mit hohem Arbeitsdruck und geringer Wertschätzung. (Ich hab‘ das in all‘ den Jahren, in denen ich selbst behandelt habe, ebenfalls durch die Bank weg so erlebt.) Der leere Arbeitsmarkt ist also nur eine verdammt logische Konsequenz.

Aber Wilfried wäre nicht Wilfried, wenn er nicht auch Lösungsansätze aufzeigen würde. Denn einfach nur ein höheres Gehalt zu zahlen, wird das Problem nicht lösen. Die Mitarbeiterbindung wird immer unabdingbarer, es wird zunehmend ältere Mitarbeiter in Spas geben und darüberhinaus werdet ihr hier zukünftig auch ganz neue Berufe finden – alles ist möglich, von Psychotherapeuten über Coaches bis hin zu Hypnose-Therapeuten. Ein grandioser Vortrag, der die bestehende Problematik so richtig schön auf den Punkt gebracht hat.

Und da „Mental Wellness“ so ein heisses Thema ist, durfte Diana Sicher-Fritsch gleich noch ein zweites Mal auf die Bühne. Ihr zweiter Vortrag „Best Practice – Mental Wellness: Ein weiterer Schritt zu einem ganzheitlichen Lebensstil“ knüpfte gewissermaßen an den ersten an. Mental Wellness ist nicht nur was für gestresste Manager, sondern eine Präventivmaßnahme, da hier ja an der Gesundheit gearbeitet wird und nicht an der Krankheit. Ein spannendes Thema, über das wir zukünftig mit Sicherheit noch sehr viel reden werden.

Weiter ging’s mit Elaine Okeke-Martin, Gründerin und Präsidentin der Spa & Wellness Association of Africa und ihrem Vortrag „Afrika im Rampenlicht: Die Einzigartigkeit der Afrikanischen Spa & Wellnessbranche und ihre Entwicklungsmöglichkeiten“. Elaines Vortrag ging mir persönlich volle Kanne in’s Herz. Und das schreibe ich jetzt nicht nur, weil sie gleich zu Beginn „gender equality“ und „women empowerment“ thematisierte.

Afrika hat ein enormes Potential auf dem Wellnessmarkt, und zwar nicht nur wegen Shea Butter, Rooibos Tee und Lavendelöl. (Wusstet ihr, dass Lavendelöl ursprünglich aus Nordafrika kommt?) Elaines Präsentation zeigte Kalahari Salz- und Red Clay Treatments sowie afrikanische Brands wie „Raw.Pure.Wild.“ oder Yswara. Ich weiss nicht, wie sie das hinbekommen hat, aber ich will jetzt nach Afrika.

Den Abschluss des Expertenforums 2019 bildete Susie Ellis mit „Wellness Economics & International Wellness Trends 2019“. Der Wellnessmarkt wächst aktuell doppelt so schnell wie die globale Wirtschaft. Der nordamerikanische Markt ist aktuell der größte, gefolgt von dem europäischen. Das schnellste Wachstum legt derzeit allerdings der asiatische Wellnessmarkt hin.

Unter den Top 10 Ländern rangiert Deutschland auf Platz 2, direkt hinter den USA und vor China. Mein Verstand hat so seine Schwierigkeiten, diese Information zu verorten, denn ich erlebe die Branche hierzulande als unglaublich altmodisch und unbeweglich. Aber das wird schon alles seine Richtigkeit haben.

Kommen wir abschließend zu den internationalen Wellness Trends, die ich euch im Folgenden einfach knackig der Reihe nach auflisten möchte: 1) Well Fashion, 2) Wellness takes on Overtourism, 3) Meditation goes Plural, 4) Prescribing Nature, 5) Mediscent: Fragrance gets a Wellness Makeover, 6) China uncovering the Wealth in Wellness, 7) Nutrition gets very personalized und 8) Dying well.

Ja, ihr habt richtig gelesen. Den letzten Punkt finde ich superspannend. Aber auch 4 und 5 gehen mehr als konform mit meinem Bauchgefühl.

Ich hab‘ auch in diesem Jahr versucht, das alles irgendwie so knackig wie möglich zusammenzufassen und hoffe, es war nicht too much. So oder so wisst ihr jetzt Bescheid.

Ich bin gespannt, ob die Trends und Prognosen sich bewahrheiten!

Jenny