Eben doch ein ganz normales Frauenmagazin – Warum ein Fat Suit nichts mit Körperakzeptanz zu tun hat

Ich habe vergangene Woche ein Instagram Video von Barbara Schöneberger sowie meine Fassungslosigkeit darüber auf Facebook mit euch geteilt. (Edit: Sie hat das Video zwischenzeitlich gelöscht und mein Facebook Post mit der dazugehörigen Diskussion ist dubioserweise ebenfalls verschwunden. In dem Video trug Frau Schöneberger einen Fat Suit, stand am Buffet und schaufelte sich Essen direkt aus einer Schüssel in den Mund. Dann drehte sie sich zur Kamera und sagte im albernen Tonfall “Ich hab’ nichts gegen Dicke. Ich bin doch selber eine”.)

Auf jeden Fall wurde kritisiert, ich möge mir doch bitte den Artikel durchlesen, den das beschissene Video anteasert. Und ja, ich gebe zu: Ich hatte eine Meinung zu dem Video, ohne den Artikel gelesen zu haben. Denn ich lese keinerlei Frauenmagazine. Auch nicht solche, die sich selbst als “kein normales Frauenmagazin” bezeichnen.

Denn für mein Gefühl geht es unter’m Strich eben doch immer darum, uns zu vermitteln, wie unzulänglich wir sind – nur, um uns ein paar Seiten weiter dann die Lösung für dieses Problem in Form von Pülverchen, Detox Kuren und Fitness Workouts zu präsentieren. Da “Selbstliebe” zu einem angesagten Hashtag geworden ist und Körperakzeptanz irgendwie “hip”, springen natürlich auch Frauenmagazine auf diesen Zug auf, indem sie oberflächlich körperpositiv tun, im Heft dann aber trotzdem Abnehmtipps verteilen. (Dazu weiter unten mehr.)

Aber ja, ich habe eingesehen, dass ich den Artikel lesen sollte, um mir eine umfassendere Meinung zu bilden. Also habe ich 4,20€ für besagtes Magazin hingeblättert, nur um festzustellen, dass das Cover, das Barbara Schöneberger im Fat Suit zeigt, sowie das von mir kritisierte Instagram Video, einen Artikel von Yvonne Adamek anteasern, der mit Frau Schöneberger so gar nichts zu tun hat. In dem zweiseitigen Selbstexperiment stellt sich die Autorin ihrem Selbsthass.

Ganz abgesehen davon, dass ich bei ihrer Definition von Body Positivity nicht mitgehe (es bedeutet eben nicht, sich selbst wunderschön, umwerfend und geil zu finden, sondern sich anzunehmen und genau so zu akzeptieren), ist mir der Artikel zu zynisch. Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass er andere Menschen zu mehr Selbstannahme inspiriert, sondern viel mehr all’ denjenigen mitleidig die Schulter tätschelt, die ihren Körper genauso hart hassen. Er zieht mich eher runter, als dass er mich upliftet. Und dann frage ich mich: Wie genau rechtfertigt dieser Text jetzt die oben verlinkte Instagram Entgleisung im Fat Suit?

Gleich auf der ersten Seite äußert sich Barbara Schöneberger allerdings auch persönlich zum Thema. Die Überschrift: “Endlich mal nicht den Bauch einziehen”. Zitat: “Einmal müssen Sie sie ja erfahren: meine nackte Wahrheit! So wie auf dem Titelbild sehe ich Hals abwärts ungeschminkt, ungespanxt und ungephotoshopt aus…Statt ins “kleine Schwarze” habe ich mich dafür ins “große Beige” geworfen – und das hatte den riesigen Vorteil, dass ich endlich mal nicht den Bauch einziehen und meine Arme in einen günstigeren Winkel drehen musste.” Dann erklärt sie, dass ihr Körper unentwegt öffentlich bewertet und diskutiert wird. Dass das kein Spaziergang ist, können wir uns alle vorstellen. So weit, so dramatisch.

Aber dann geht es folgendermaßen weiter: “Ganz so wie auf dem Cover sehe ich natürlich drunter nicht aus (ich habe mehrere Röllchen) – aber auch nicht so wie auf manchen Hochglanzfotos. Da steckt dann immer viel Make-up und Styling dahinter und – diesen Tipp sollten sie unbedingt beherzigen – die richtige Ausleuchtung. Wenn sie also einen neuen Partner blenden wollen, dann ist beim ersten Date nicht so wichtig, was Sie zum Essen auftischen, sondern die perfekte Lichtsituation bringt den Abschluss! Merke: 20 Kerzen machen zehn Jahre jünger und zehn Kilogramm schlanker!”

Ich bin gerade mal auf Seite 4 und möchte schon in’s Heft kotzen. Ich habe aber nicht nur 4,20€ investiert, um zu lernen, wie ich mich beim nächsten Date auszuleuchten habe, um mein Gegenüber zu täuschen (denn für mein Gegenüber bin ich selbstredend zu fett und zu alt), sondern ich erfahre auch, dass “ein paar Röllchen zu haben bald wieder Trend sein wird”. Denn: “Wer sagt denn, dass dünn sein wirklich schön ist?” Ihr merkt schon, Barbara ist ein Frauenmagazin wie jedes andere und mit Körperakzeptanz hat das alles nichts zu tun.

Ein*e jede*r von uns struggelt und ist einer milliardenschweren Diätindustrie ausgesetzt, die mit unserem wackligen Selbstwert spielt, so wohl auch Frau Schöneberger. Man kann es ihr nicht übelnehmen. Wenn sie nun für sich aber ein neues Ideal festlegt, das besagt, dass “Röllchen” das neue “schlank” und dünne Frauen nicht schön sind, dann ist das mindestens genauso beschissen wie wenn sie dicke Menschen bashed.

Ihr kennt meine Meinung und ihr kennt meine Haltung. Ich würde mir wünschen, dass wir uns alle mehr um unseren eigenen Scheiss kümmern und aufhören, andere im Außen unentwegt zu bewerten. Dass wir den Fokus mehr nach innen richten und uns die wirklichen Probleme anschauen, die letztenendes dafür verantwortlich sind, dass wir austeilen.

Ich bin nicht dick, aber ich fühle mich trotzdem angegriffen von all’ diesen verfickten Magazinen, die mir vorschreiben, was für Probleme ich als Frau habe. Auf Seite 91 finde ich Kleider unter der Überschrift “Prinzessin für eine Nacht”, auf Seite 108 werden mir Anti Falten Produkte dargeboten, nur 10 Seiten weiter werde ich mit Almased beworben (inklusive “Bikini-Notfall-Plan”) und auf Seite 136 heisst es dann “Kein Zucker ist im Trend – und gar nicht mal so freudlos, wie manch einer denkt” und mir werden 5 Produkte vorgestellt, die anhand eines “Hüftgoldfaktors” bewertet werden. Also: Eben doch einfach nur ein ganz normales Frauenmagazin.

Aber kommen wir zurück zur Ausgangsthematik und meiner Kritik an dem Instagram Video. Nachdem ich dieses Magazin durchgeblättert und Barbara Schönebergers Vorwort gelesen habe, finde ich das Video noch schlimmer als vorher. Alle dicken Menschen da draußen sollten sich gehörig empören über so viel Unverschämtheit! Und alle anderen auch.

Und als kecker Teaser für ein ach so wichtiges Thema wie Körperakzeptanz geht es ebenfalls nicht klar. Schließlich poste ich auch kein Video, in dem ich mit Hitlergruß und aufgemaltem Oberlippenbärtchen antisemitische Scheisse vom Stapel lasse, um damit einen Artikel gegen Nazis zu promoten. Merkt ihr selbst, oder?

Die wahren Helden in Sachen Körperakzeptanz sind meiner Meinung all’ die wunderbaren Menschen, die hier Sonntag für Sonntag ihre Geschichte mit uns teilen. Und all’ diejenigen, die mit Likes, Herzchen und umwerfenden Kommentaren darauf reagieren.

Das war’s. Meine Meinung zum Thema. Und jetzt ziehe ich mich wieder zurück in meine feministische Bubble ohne Fernseher und Frauenmagazine. Kommt gerne mit!

Jenny

P.S.: Magda Albrecht hat sich hier zur Thematik geäußert und hier findet ihr eine weitere Kritik.

P.P.S.: Gebt kein Geld für solche rotzigen Magazine aus!