Self Love Sunday #82 – Carmen

In Runde 82 des Self Love Sunday geht es mit ähnlich viel Power zur Sache wie am vergangenen Sonntag. Ich freue mich riesig, dass Carmen heute ihre Geschichte mit uns teilt. Seid ihr bereit?

“Hallo, ich heiße Carmen, bin Journalistin, Autorin und Künstlerin und werde Ende März 43. Extrem schlank war ich noch nie, aber mit den Jahren habe ich einige Kilos zugelegt. Meine Figur ist der meiner Mutter ähnlich, wobei sie mittlerweile schlanker ist als ich (früher war es umgekehrt) – sie achtet aber auch sehr darauf, was sie isst und verbietet sich einiges. Auch früher hat sie immer mal wieder Diät gehalten. Natürlich habe ich das mitbekommen und auch selbst die ein oder andere Hungerwoche eingelegt. Meine Freundinnen in Kinder- und frühen Teeniejahren waren eher schmal und hatten durchaus mal frotzelige Bemerkungen auf Lager, wobei die sich eher auf meine früh entwickelten weiblichen Rundungen bezogen als auf wirkliches Dicksein.

Dick war ich nicht, ich hatte einfach schon mit 12 viel Brust und Hintern, wodurch ich älter wirkte als ich war und öfters von jungen Männern angesprochen wurde, die mich für 16 hielten. Sexuelles Interesse wurde mir früh entgegengebracht, wobei ich das Glück hatte, bis heute diesbezüglich nichts Traumatisierendes erlebt zu haben, sondern nur die üblichen Sprüche und Belästigungen, die wohl leider jede Frau kennt. Im Gedächtnis geblieben ist mir zum Beispiel der ältere Herr, der vor ein paar Jahren an der Supermarktkasse hinter mir stand und mich mit Blick auf meine Brüste fragte, ob ich unter meinem (an dem Tag übrigens eher schlabbrigen) Shirt denn Luftballons versteckt hätte. Die schlagfertige Antwort (eine Anspielung auf seine „Luftpumpe“) fiel mir leider erst später zu Hause ein.

Auch noch nicht so lange her, ebenfalls ein Herr um die 60: An einer Bar unterhielten wir uns darüber, dass ich mich vegan-bemüht vegetarisch ernähre, und er fragte: „Warum bist du dann so dick?“ Ich antwortete: „Weil ich gerne esse und trinke“, was auch stimmt. Das Gespräch nahm dann aus anderen Gründen einen etwas unglücklichen Verlauf, ich wollte es beenden, woraufhin er mir gestand, dass er ja „Frauen wie mich“ sehr attraktiv fände.

Gähn. Ich kann‘s nicht mehr hören: Erst versucht er, mein Selbstbewusstsein zu schmälern und erwartet dann, dass ich dankbar bin, wenn er Interesse zeigt – ganz billige Nummer, mehr als einmal erlebt. Übrigens ist für mich auch der Spruch „Endlich mal eine richtige Frau“ kein Kompliment. Den bekomme ich öfter mal zu hören und antworte mittlerweile, dass ich schlankere Frauen mit kleineren Körbchengrößen auch als absolut „richtig“ empfinde.

Die festen Partner, die ich in meinem Leben hatte, waren zum Glück alle respekt- und liebevoll, was meinen Körper angeht. Sie zeigten und sagten mir einfach, dass sie ihn mochten. Schwieriger wurde es in meinen Singlezeiten. Ich bin sexuell aufgeschlossen, aber nicht wahllos. Dass ich Sex und Liebe trennen kann und auch gerne darüber rede, dass ich mein Dekolleté betone, weil ich es hübsch finde – diese Kombi wurde häufig missverstanden. Mehr als einmal bekam ich zu hören, „so Eine“ wie mich wolle man fürs Bett, aber natürlich nicht als feste Freundin. Ich müsse mich nicht wundern, dass sich niemand ernsthaft in mich verliebe, so, wie ich rumlaufe und lebe.

Das hat mich durchaus verletzt und auch sehr geprägt, ich konnte mir zeitweise kaum noch vorstellen, dass ein Mann sich für mich als Person interessieren könnte. Affären-Angebote hatte ich immer zur Genüge, oft auch von liierten Männern. Ich bin grundsätzlich Polyamorie und offenen Beziehungen gegenüber positiv gestimmt, allerdings nur auf der Basis von Ehrlichkeit und Respekt. Doch wenn ich signalisierte, dass ich erst mal gerne die „Erlaubnis“ der jeweiligen Freundin hätte, wurden die Männer meist schnell unruhig, und das war‘s dann. Irgendwann hatte ich ein ziemlich gutes Gespür dafür, wenn mir ein Mann seine Partnerin verschwieg. Nach einer Weile hatte ich gar nicht mehr unbedingt Lust auf eine feste Partnerschaft, bin aber vor zwei Jahren trotzdem wieder in einer gelandet, vielleicht gerade deswegen, wer weiß.

Drei Dinge zu benennen, die ich an meinem Körper besonders mag, ist schwer, ich finde mich als Gesamtpaket alles in allem ganz gelungen. Ein bisschen hadere ich mit meinen Augenringen und meinen Oberarmen, auch, dass mein Haar mit zunehmendem Alter an Kraft verliert, nervt mich, aber den Rest finde ich ganz hübsch. Ach, okay, ich sage einfach mal: Augen, Brüste, Hände.

Auf einer Waage stand ich das letzte Mal vor etlichen Jahren, weiß aber, dass ich heute viele Kilos schwerer bin als in meinen Zwanzigern, das sieht man ja. Mit meinem Körper bin ich trotzdem mehr im Reinen als damals. Das war eher ein schleichender Prozess, aber hilfreich war bestimmt, dass ich mit Anfang 30 begonnen habe, Sport zu treiben – Schwimmen, Pilates, Yoga (wobei letzteres ja nicht nur die Bewegung beinhaltet). Nix davon exzessiv, aber alles regelmäßig. Ich fahre auch viel Rad, und bekam mit der Zeit ein schönes Gespür für meinen Körper, lernte ihn mehr und mehr lieben. Wahnsinn, was der alles leistet! Das finde ich wunderbar und bin dankbar für meine Gesundheit.

Warum sollte ich ihn ständig schimpfen und schlechtmachen, wofür denn? Die Frage nistete sich immer mehr in meinem Kopf ein. Mittlerweile versuche ich, meinen Körper als guten Freund bzw. Partner zu betrachten. Er ist nicht perfekt, andere sind vielleicht normschöner, sportlicher, was auch immer, manchmal nervt er mich sicher auch, aber alles in allem liebe ich ihn und versuche, ihn gut zu behandeln, mit einer gesunden Mischung aus Vernunft und Über-die-Stränge schlagen. Denn wir beide, wir werden den Rest unseres Lebens gemeinsam verbringen und sollten versuchen, uns diese Zeit so schön wie möglich zu machen.”

Welch’ wahre Worte. Ich empfinde Carmens Text als unfassbar empowernd. Auf dass es ganz vielen Menschen da draussen genauso geht wie mir! Und von Herzen DANKE an Dich, liebe Carmen fürs Teilen!

Wollt auch ihr mitmachen beim Self Love Sunday und eure Geschichte teilen? Ich bin dringend auf weitere Freiwillige angewiesen, damit das Projekt weiterlaufen kann. Hier findet ihr alle Infos zur Teilnahme.

Und eine Facebook Gruppe zum Projekt gibt’s auch.

Let’s spread some Self Love!