Spirituelle Diäten und Ernährungsempfehlungen – Entgiftet zur Erleuchtung?

Vor 3 Jahren habe ich den Artikel Selbstgeißelung unter dem Deckmäntelchen der Spiritualität veröffentlicht und weil dieser ganze Spiri Zirkus für mein Empfinden zwischenzeitlich nochmal eine Nummer restriktiver geworden ist, möchte ich heute daran anknüpfen und ein weiteres Mal meine Gedanken zu dem Thema mit euch teilen.

Denn natürlich habe auch ich mich seit 2016 verändert. Damals habe ich selbst dann und wann noch den ein oder anderen grünen Smoothie auf Instagram gepostet. Ich trinke zwar auch heute noch grünen Saft oder grüne Smoothies, wenn ich Lust darauf habe, würde mittlerweile aber keine Bilder mehr mit der Allgemeinheit teilen, die meine Ernährung betreffen. Dafür hat meine Arbeit mit Moritz in Sachen “Food ‘n’ Love” gesorgt.

Ich bin also sehr viel weniger naiv, was den toxischen Einfluss sozialer Medien angeht, als ich es 2016 noch war.

2016 haben Yoga Brands in Sachen Marketing aber auch noch auf bodenständige Yoga Blogs gesetzt und nicht auf Spiri Influencerinnen, deren Karriere bei Germany’s Next Topmodel begann. Ich werde nie verstehen, was halbnackte Körper, die ausschließlich dem gängigen Schönheitsideal entsprechen und nicht selbstdarstellerischer in Szene gesetzt werden könnten, nun ganz genau mit Yoga zu tun haben und was für eine Message da transportiert werden soll, aber das ist vielleicht auch nur meine ganz subjektive, innere Rebellion.

Auslöser für den heutigen Artikel war ein YouTube Video, das mir in den Feed gespült wurde, in dem ein elfengleiches Wesen mich darüber aufklärte, dass mein System nur hoch schwingt, wenn ich unverarbeitete Nahrung zu mir nehme. Und diese junge Frau ist leider keine Ausnahme, denn wenn ich mich im Außen so umschaue, dann wird mir unentwegt suggeriert: Wenn Du spirituell sein willst, dann musst Du dies tun und dann darfst das nicht mehr tun. Du musst Dich zum Beispiel “gesund” ernähren und darfst keinen Alkohol mehr trinken. Du musst regelmäßig detoxen und darfst keine Pommes mehr essen. Du musst jeden Tag meditieren und darfst keine bösen Gedanken mehr haben.

Ich will ganz ehrlich mit euch sein: Ich habe ein Problem mit diesem Ansatz. Es scheint ganz so, als seien all’ diese “spirituellen” Menschen unentwegt damit beschäftigt, so gesund und rein zu sein, wie es nur irgendwie möglich ist und dabei möglichst nur noch lichtvolle Gedanken in sich zu tragen.

Ich halte das nicht nur für ausgemachten Bullshit, sondern auch für einen Verrat am eigenen Herzen.

Denn ganz losgelöst davon, dass ich mir immer wieder die Frage stelle “Wie schmutzig muss ein Mensch sich wohl fühlen, wenn er unentwegt das Bedürfnis hat, sich innerlich zu reinigen?”, leben wir nunmal in einer Dualität. Wir sind alle immer alles. Auch wenn das Arschloch in uns auf Instagram nicht zum Zug kommt und wir darauf bedacht sind, dort ausschliesslich unsere lichten Anteile zu präsentieren. Aber kein Licht ohne Schatten, kein Liebeskummer ohne Liebe – ihr wisst schon…

Für mein Verständnis verhält es sich so, dass wir alle von Natur aus bereits spirituelle Wesen sind, die gerade eine Erfahrung in einem menschlichen Körper machen. Und in meiner Welt handelt es sich hierbei nicht um einen Wettbewerb.

Wir sind alle bereits durch und durch spirituell – auch wenn die einen mehr Zugang dazu haben als die anderen.

Allerdings sprechen meine Social Media Feeds da eine ganz andere Sprache. Wenn ich spirituell sein will, brauche ich nämlich eine Morgenroutine, die ganz klar nicht aus einem großen Kaffee besteht. Und auch Ausschlafen oder Chillen sind in spirituellen Kreisen alles andere als en vogue. Da gilt es viel mehr, sich diszipliniert zu früher Stunde aus dem Bett zu quälen, die Yogapraxis zu absolvieren, eine Runde zu meditieren und last but not least ein “gesundes” Frühstück zuzubereiten, das dann in den Insta Stories mit der Followerschaft geteilt wird, die ebenfalls hart mit Kontrolle und Selbstgeißelung auf dem Weg zur Erleuchtung beschäftigt ist.

Ich selbst bin ja eine Eule und am Abend und in der Nacht sehr viel leistungsfähiger als morgens um 6. Die meisten Texte, die ihr hier lest, sind in den Abendstunden entstanden, aber es war wirklich ein längerer Prozess, meinen eigenen Biorhythmus in dieser Sache zu umarmen und die ganzen dummen Ratschläge stur zu ignorieren, die im Außen unentwegt auf mich einprasseln.

Kaffee ist nicht schlechter als Tee. Ausschlafen ist nicht schlechter, als sich den Wecker zu stellen. Und warm duschen ist nicht schlechter als kalt duschen.

Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber wenn mir online jemand erzählen will, dass der Weg zu meiner Erleuchtung über Makrobiotik, Ayurvdea oder einen Juice Cleanse führt, dann sorgt das nicht unbedingt dafür, dass jede Zelle meines Körper “JA, JA, JA” schreit. Meine Lösung in solchen Situationen: Deabonnieren oder Stummschalten. Euer Herz weiss ganz genau, was sich für euch stimmig anfühlt und was nicht. Wenn ihr in euch reinfühlt, checkt ihr sofort, ob ein Gedanke, ein Instagram Bild oder eine Facebook Werbeanzeige dafür sorgt, dass sich in euch irgendwas weitet oder ob es eng wird und Druck entsteht.

Denn Menschen, die uns Aromaöle oder Saftkuren verkaufen wollen, damit wir “die beste Version unserer Selbst” werden sind für mich keinen Deut besser als billige Werbespots im TV, bei denen unserem wackligen Selbstwert Abnehmshakes angedreht werden. Vielleicht sind sie sogar noch ein bisschen perfider, weil sie den Hashtag #selflove benutzen.

Ja, und jetzt? Wie soll ich ohne diese ganzen Regeln und Restriktionen denn bitte einen spirituellen Lifestyle führen?

Meiner Meinung nach liegt die Lösung im Loslassen. Es ist alles in uns, was es dazu braucht. Es braucht weder einen Guru, noch Detox Juice Cleanses, einen Verzicht auf Gluten oder zuckerfreie Brownies. Es gibt nichts spirituelleres, als ihr selbst zu sein und diesen ganzen Spiri Zirkus wie eine Zwiebel Schicht für Schicht von euch abzustreifen und bei jedem dieser Ratschläge beide Mittelfinger im Geiste zu erheben.

Denn das, liebe Leute, ist die wirkliche Challenge. So zu sein, wie wir gemeint sind. Und nicht irgendeinen toxischen und stumpfsinnigen Instagram Bullshit zu imitieren. Glaubt nicht alles, was ihr in den sozialen Medien und auf Blogs lest. Glaubt auch nicht alles, was ich hier schreibe. Orientiert euch an eurer ganz persönlichen Wahrheit und die erkennt ihr immer daran, dass euer Herz weit wird und nicht daran, dass Druck entsteht.

Also: Lasst es krachen! Tanzt, habt Sex, feiert das Leben (ganz egal ob mit Alkohol oder ohne), lacht, verbringt Zeit mit Menschen, bei denen euer Herz Purzelbäume schlägt und esst euer Lieblingsessen, so oft ihr nur könnt!

Denn es gibt nichts spirituelleres, als dem eigenen Herzen zu folgen und dabei wie eine Wunderkerze Liebe zu versprühen.

Und dabei ist es scheissegal, ob ihr ein Schokoladeneis mit Sahne und bunten Zuckerstreuseln in eurer Hand haltet oder einen Gin Tonic. Ich werde ja nicht müde, immer wieder Hunter S. Thompson zu zitieren:

„Life should not be a journey to the grave with the intention of arriving safely in a pretty and well preserved body, but rather to skid in broadside in a cloud of smoke, thoroughly used up, totally worn out, and loudly proclaiming „Wow! What a Ride!“

Vergesst also bitte nie: Ihr seid schon perfekt und richtig, genau so, wie ihr jetzt seid.

Es ist nichts weiter zu tun.

Jenny