Self Love Sunday #80 – Stephan

Ihr könnt es bestimmt schon nicht mehr hören, aber der Self Love Sunday stand in Ermangelung weiterer Teilnehmer*innen erneut vor dem Aus. Dass hier und heute eine 80. Folge online geht, ist einzig und alleine der Spontaneität von Stephan zu verdanken. Wollen wir ihn vielleicht alle zusammen mit Dankbarkeit überschütten?

“Hallo, ich bin Stephan und 32 Jahre alt. Ich lebe gemeinsam mit meinem Ehemann Jens und meiner Mutter, fünf Katzen und 9 Vögeln im wunderschönen Münster. Mein Leben war und ist geprägt von vielen unschönen Ereignissen und Zuständen, weshalb es für mich nochmal viel schwerer ist, einen guten Bezug zu meinem Körper zu finden.

Wer ein Leben lebt, wie ich es tue, hat oft nicht einmal die Zeit, sich mit dem eigenen Wohlbefinden auseinander zu setzen. Ich selbst bin leider mehrfach chronisch erkrankt, was alles an einem viel zu spät diagnostizierten, angeborenen Immundefekt liegt. Ich kann gar nicht regelmäßig Sport machen und die Ernährung ist für mich, bedingt durch die Gesundheit, ein echtes Horrorthema. Auch zeitlich sieht es nicht so einfach aus, denn ich arbeite in Teilzeit als Social Media Manager, schmeiße den Haushalt und pflege meine Mutter, die vor 6 Jahren völlig erblindete (und viele gesundheitliche Probleme hat).

Ich nutze den “Self Love Sunday” nun als Mittel der Selbsttherapie und natürlich, um anderen den Mut zu geben, zu sich selbst stehen zu können.

Mobbing, Gewalt und immer wieder krank

Als Kind, bis zur zweiten Klasse, war ich immer untergewichtig und der Kleinste. Im Durchschnitt war ich drei Köpfe kleiner als Gleichaltrige. Ich hatte furchtbar störrische blonde Locken, eine Brille und natürlich (wie sollte es anders sein) auch eine Zahnspange. Leider war ich schon die ganze Kindheit krank – das macht einen nicht gerade beliebter. Damals wussten wir ja auch nicht, warum mein Körper mit allem so hinterher war. In der Pubertät und durch viele Medikamente habe ich dann 25 Kilo zugelegt; später kamen nochmals 20 Kilo dazu.

Erst wurde ich fertiggemacht und sogar in den Müllcontainer gesteckt, weil ich der Kleinste und Schwächste war, dann wurde ich wegen dem Übergewicht gemobbt. Schlimm wurde es, als meine Schwester mit 14 Jahren zu uns gezogen ist. Diese hatte bis dato bei unserem gewalttätigen Alkoholiker-Erzeuger gelebt und sich komplett dessen Charakterzüge angenommen. Sie kam gerne mit Freunden ins Wohnzimmer und hat Sachen gesagt wie “Guckt, da liegt mein ekliger, fetter Bruder” oder andere Nettigkeiten.

Gewalt in der Familie, Mobbing und dazu immer krank… natürlich ging das alles nicht spurlos an mir vorbei. Irgendwann habe ich angefangen, mich selbst zu verletzen. Ich habe eine richtige Psychiatriekarriere und zwei Suizidversuche hinter mir. Es war wirklich nicht einfach.

Der Wendepunkt

Vor 11 Jahren habe ich meine Zelte in der Stadt, in der ich vorher gelebt habe, abgebrochen und bin nach Münster gezogen. Ich habe alles hinter mir gelassen, alle Kontakte und Hilfen. Erst dümpelte ich so dahin (was die Lebensplanung betrifft) und körperlich ging es mir zunehmend immer schlechter. 2010 traf ich dann meinen Lebensretter, der alles verändern sollte. Ich habe meinen heutigen Mann kennen gelernt, während bei mir gerade der Verdacht auf ein Lymphom im Raum stand.

Von meinem einstigen Kampfgewicht von 96 Kilo war nicht mehr viel übrig geblieben – in meiner gesundheitlich schlechtesten Zeit hatte ich mich irgendwann halbiert. Im Januar 2012 bekam ich nach 25 Jahren Leid endlich den Grund für meine gesundheitlichen Probleme genannt: Das ist angeboren und lässt sich alles erklären, es gibt eine Behandlung und es hätte auffallen müssen. Der Rattenschwanz, der daran hängt, ist ein ganz eigenes Thema für sich. Im Jahr meiner Diagnose haben Jens und ich noch die Lebenspartnerschaft geschlossen und 2018 haben wir uns nochmal so richtig das Ja-Wort gegeben… jetzt sind wir richtige Eheleute.

Der Ist-Zustand

Mein Körper ist übersät von Narben – durch viele Operationen und Selbstverletzungen. Durch den krassen Gewichtsverlust habe ich Dehnungsstreifen und sogar einen kleinen Hängebauch. Es gibt noch Zeiten, in denen ich versuche, alles zu verstecken – ich bin nicht immer ganz cool mit mir selbst, was den Körper betrifft. Aber: Jede Narbe steht auch für ein überstandenes Leid – die nicht mehr so straffe Haut ist der Beweis für einen großen Gewichtsverlust. Komplimente sind nicht so meins, da ich lieber für meine Persönlichkeit, beziehungsweise meine Taten, gelobt werden möchte als für Äußerlichkeiten, welche ich nicht beeinflussen kann.

Heute weiß ich, dass Schönheit aus dem Herzen kommt. Körperliche Ideale sind subjektive Hirngespinste. Wenn mich ein neuer Arzt sieht, dann werde ich für den krassen Gewichtsverlust bewundert. Im Schwimmbad wird nicht gelästert, nein, sogar die Kinder flüstern “Boah, der hat abgenommen!”. Wer meine Narben entdeckt, sieht, wie schlimm die Verletzungen waren. Auch wenn es früher dumme Sprüche gab, so sieht ja heute auch jeder, wie alt die Narben schon sind und dass ich sowas nicht mehr mache!

So ganz nebenbei bemerkt: Ich mag meine Augen, meine Waden und bin körperlich zumindest mit einer Sache sehr zufrieden.

Egal, was andere sagen, egal was Du erlebt hast – Du musst Dich nicht immer und komplett lieben, aber Du solltest dich so akzeptieren wie Du bist und Dir ab und an mal selbst auf die Schulter klopfen. Nimm’ Komplimente ruhig an, auch wenn es sich komisch anfühlt, und gib’ auch anderen mal ein Kompliment. Das macht am Ende alle glücklicher.

DU BIST SCHÖN.

Stephan”

Von Herzen DANKE an Dich, lieber Stephan für Deinen spontanen Einsatz und das Teilen Deiner Geschichte! Wollt auch ihr mitmachen beim Self Love Sunday? Es gibt leider keine weiteren Teilnehmer*innen mehr und ich bin dringend auf Freiwillige angewiesen, damit das Projekt weiterlaufen kann. Hier findet ihr alle Infos zur Teilnahme.

Und eine Facebook Gruppe zum Projekt gibt’s auch.

Let’s spread some Self Love!