Self Love Sunday #77 – Julia

Ihr seid bestimmt alle im Weihnachtstrubel, aber gerade jetzt ist der Self Love Sunday besonders wichtig. Spätestens nach den Feiertagen dreht die milliardenschwere Diätindustrie nämlich wieder so richtig auf, weil sich ein Großteil der Menschen selbst abstraft und sich für zu dick, zu faul und zu ungezügelt hält. Ich freu’ mich also riesig, dass auch heute eine Geschichte online geht. Vorhang auf für Julia:

“I woke up like this.

Ich bin Julia. Und ich bin schon ‚zu groß‘ zur Welt gekommen. Ich war zu groß, um süß zu sein, zu groß für weiblich, zu groß für sexy, zu groß für sportlich – irgendwie zu groß für alles.

‚Zu groß‘ hat allerdings selten jemand gesagt. Es hieß immer, ich wäre zu dick. Wenn ich mir jetzt Bilder aus meiner Kindheit und Jugend angucke, möchte ich oft heulen, weil ich ein Mädchen sehe, dass zwar alle anderen Kinder um eineinhalb Köpfe überragt, aber zu dick finde ich mich nicht.

Als ich 5 war, habe ich zum ersten Mal eine Diät gemacht. Freiwillig. Ich wollte mich damals schon schrumpfen. Mich kleiner machen. Ich habe meinen Körper für seine Masse gehasst. Für den Raum, den er einnahm.

Diese Form von Selbstzerstörung nahm unterschiedliche Ausmaße an: Drogensucht, Sportbulimie, Hungern. Gleichzeitig habe ich mich oft schlecht von anderen behandeln lassen. Im Austausch gegen Freundlichkeiten. Ich habe lange geglaubt, dass mich niemand einfach lieben kann, mein Körper wäre dazu zu schrecklich. Ich musste immer extra lustig, hilfsbereit, freundlich, klug sein.

Als ich meinen Ex-Mann kennenlernte, war es ihm unangenehm, mich seinen Freunden vorzustellen, weil ich aussah, wie ich aussah. Eine seiner ersten ‚Liebeserklärungen‘ war, dass ich eine Frau bin, die ihn durch ihren Charakter eingenommen hätte. Das hat mich sehr getroffen. Ich wollte in seinen Augen selbstverständlich schön sein, trotzdem dachte ich, dass ich mehr wohl nicht erwarten kann, so wie ich aussehe.

Über die Jahre habe ich gelernt, freundlicher mit mir selbst umzugehen. Ich habe mich mehr mit Menschen umgeben, die mir gut tun. Trotzdem war mein Körper nach wie vor nicht richtig. Statt zu hungern oder exzessiv Sport zu treiben, habe ich mich auf Lifestyle Diäten konzentriert: raw, clean, vegan.

Dazwischen immer Binge-Attacken. 90% meiner Gedanken drehten sich darum, wann ich was esse und was ich mir erlauben kann, weil ich am Tag zuvor ‚gut‘ war. War jemand unfreundlich zu mir, gab ich meinem Körper die Schuld. Gleichzeitig fühlte ich mich wie die größte Betrügerin, weil ich nach außen immer Selbstliebe und Body Positivity propagiert habe. Das galt in meinen Augen eben für alle, aber für mich nicht. Ich war ja auch zu dick.

2016 habe ich ein Sabbatjahr genommen. Zu dessen Beginn habe ich mir selbst versprochen, mich endlich von meiner Essstörung zu befreien. Ich war 40 Jahre alt und hatte die Nase voll. Ich wusste, dass das Leben mehr zu bieten hat, als mich darum zu kümmern, welche Kleidergröße ich trage. Ich wollte endlich leben, was ich predigte.

Ich machte eine Ausbildung zur Yogalehrerin, was meinem Heilungsprozess sehr geholfen hat. Selbstliebe ist ein wichtiger Aspekt beim Yoga.

In diesem Jahr habe ich nach und nach meine Liste mit Angst-Lebensmitteln abgebaut und mich viel mit Intuitivem Essen beschäftigt. Es gibt jetzt kein Lebensmittel mehr, dass ich nicht esse, obwohl ich Hunger darauf habe.

Und außerdem kann ich mich hinstellen und sagen, das ich meinen Körper liebe. Von oben bis unten. Für alles, was sie leistet, die Freude, die sie mir macht, die Abenteuer die sie mir ermöglicht. Neben Yoga fahre ich Downhill Mountainbike und mache alles mögliche, was auf und im Wasser stattfindet. Und ich gebe mir immer die Chance, neue Dinge zu probieren, ohne vorher zu denken, dass ich zu groß = zu dick dafür bin.

Ich bin unendlich dankbar, dass mein Körper immer noch da ist, gesund und weitestgehend unbeschadet, trotz all der Dinge, die ich ihr zugemutet habe. Ich versuche mich nicht mehr zu schrumpfen, sondern lasse meinem Körper den Platz, den sie sich nehmen will. Ich liebe meine Weichheit. Und ich liebe meine Stabilität.”

Von Herzen Danke an Dich, liebe Julia! Und an alle anderen: In wenigen Tagen startet der alljährliche Diät- und Detoxwahnsinn. Bitte lasst euch nicht beirren. Ihr seid gut und richtig, genauso wie ihr jetzt seid. Und lest euch gerne die ganzen Geschichten zum Self Love Sunday durch, die bisher online sind. Dünne Menschen struggeln mit dem gleichen Mindfuck wie athletische oder dicke Menschen. Die Lösung liegt also nicht darin, 2019 fünf oder zehn Kilo abzunehmen.

Wollt auch ihr mitmachen beim Self Love Sunday? Es gibt aktuell leider keine Teilnehmer*innen mehr und ich bin dringend auf Freiwillige angewiesen, damit das Projekt weiterlaufen kann. Hier findet ihr alle Infos zur Teilnahme.

Und eine Facebook Gruppe zum Projekt gibt’s auch.

Let’s spread some Self Love!