Self Love Sunday #74 – Emma

Ich freue mich riesig, dass auch heute eine weitere Self Love Sunday Folge online geht. Daher will ich gar nicht viel Zeit mit einem langen Intro verschleudern, sondern das Wort gleich an Emma übergeben:

„Hi, ich bin Emma und 33 Jahre alt.

Mein Verhältnis zu meinem Körper war lange Jahre schwierig. Nicht primär wegen seiner Ästhetik, sondern weil er einfach nicht richtig funktionieren wollte. Ich habe verschiedene chronische Krankheiten, werde aber jetzt mal zwei davon für diesen Post rausgreifen.

Meinen ersten Migräneanfall hatte ich mit fünf. Zunächst hatte ich nur unregelmäßige Anfälle, aber mit Beginn der Pubertät nahm die Migräne dann Fahrt auf und die Anfälle kamen im zweiwöchigen Rhythmus, gleichzeitig wurden sie immer heftiger. Mit Mitte 20 hatte ich einen doppelten Bandscheibenvorfall. Ich konnte nicht mehr stehen, sitzen oder ausgestreckt liegen. Die einzige erträgliche Position war auf dem Boden zu liegen mit einer Bierkiste unter den Unterschenkeln. Da habe ich mich dann schon ernsthaft gefragt, wie ich es in meinem Körper bis zur Rente schaffen soll.

Ich hatte natürlich auch mit ästhetischen Makeln zu kämpfen, zumal ich in der Schule Opfer von Mobbing wurde, das sich auch auf mein Äußeres bezog. So hat mir ein Mitschüler in der 9. Klasse gesagt, dass er sowas hässliches wie meine Beine in einem Rock (das erste Mal, dass ich einen in der Schule trug) noch nie gesehen hat. Ich habe dann also bis zur Oberstufe keine Röcke mehr getragen.

Mit zwölf bekam ich innerhalb eines halben Jahres D-Cup Brüste, die bis in meine späten 20er auf die UK-Größe 28 GG (das *wäre* 60 J in Deutschland) weiter wuchsen. Da sie so schnell wuchsen, riss natürlich das Bindegewebe massiv ein und meine Brüste bestehen seitlich der Brustwarzen eigentlich nur aus Dehnungsstreifen. Die waren am Anfang dunkellila. Das war für mich schon ein Schock, zumal die großen Brüste natürlich Aufmerksamkeit auf sich zogen, der ich emotional noch gar nicht gewachsen war.

Leider hatte ich auch keine familiäre Unterstützung. Meine Mutter beispielsweise hat selbst mit Magersucht und Bulimie zu kämpfen und leider keine Ahnung, wie ein liebevoller Umgang mit dem eigenen Körper geht. Außerdem hat sie kleine Brüste und war insgesamt eher ein „Spätzünder“, womit wiederum ihre Mutter nicht gut umgegangen ist. Sie konnte mir also weder sachlich, noch emotional helfen.

Aber eigentlich fand ich meinen Körper insgesamt gar nicht schlecht aussehend. Der schlimmste Bully in meiner Klasse war dick und hatte Pickel, wurde aber nie verarscht. Ich hatte also schon damals das Gefühl, dass es eigentlich egal ist, was „falsch“ oder „richtig“ mit einem ist, weil die anderen entscheiden, ob sie das wichtig finden oder nicht. Wenn sie Dich fertig machen wollen, machen sie es. Sie suchen sich nur immer andere Aufhänger. Wenn es nicht Dein Aussehen ist, sind es Deine Klamotten, dass du in Sport schlecht bist, einen „komischen“ Namen hast, Deine Eltern geschieden sind oder Du irgendwann mal komisch geniest hast.

Ich habe dann die Schule gewechselt und war völlig überrascht, wie stressfrei der Schulalltag auch sein kann. Wirklichen Anschluss habe ich aber nicht gefunden. Zum Studium ging ich in eine andere Stadt und fand echte Freunde, wodurch sich natürlich auch mein Verhältnis zu meinem Körper veränderte.

Trotzdem litt ich darunter, dass mein Körper so viele Dinge nicht mitmachte, die für andere selbstverständlich sind. Die Migräne war mit einem bewussten Lebensstil besser, dennoch war ich regelmäßig zwei Tage im Monat bettlägerig. Wenn ich mal wirklich am Studentenleben teilnahm, quittierte das mein Körper gerne mal mit einem Totalausfall. Der „Vorteil“ davon war wohl, dass mein Freundeskreis mich auch in diesen körperlichen Krisen erlebt hat und ich mich nicht nur nicht rechtfertigen musste, sondern im Gegenteil tolle Unterstützung erfahren habe.

Dann kam wie gesagt der Bandscheibenvorfall. Die Rückenschmerzen waren seitdem mein ständiger Begleiter. Ich recherchierte selbst, was mir helfen könnte, denn ich wollte nicht den Rest meine Lebens Spritzen bekommen und ansonsten hoffen, mich nicht falsch zu bewegen. Ich probierte über die Jahre so vieles aus und fand irgendwann Übungen, die mir tatsächlich halfen. Wenn ich die jeden Tag machte, gingen die Schmerzen fast ganz weg. Aber eben nur fast.

Meine immer größer werdenden Brüste wurden auch immer problematischer für mich, weil ich einfach keine passenden BHs fand. Die Brüste taten also eigentlich immer weh, an viele Sportarten war gar nicht zu denken. Schön waren sie aus meiner Sicht natürlich auch nicht – die Dehnungsstreifen waren zwar verblasst, aber natürlich hingen sie bei dem Gewicht ziemlich weit runter. Ich sag nur: Pencil-Test. Meine Brüste konnten locker drei oder vier Stifte halten. Ich muss aber ehrlicherweise sagen, dass auch hier die Ästhetik nie ein großes Problem für mich war. Was mich wirklich gestört hat, war, dass ich mich einfach nie wirklich wohl gefühlt habe.

Ich zog ernsthaft in Betracht, für eine Brustverkleinerung zu sparen anzufangen. Dann aber erfuhr ich auf einem Blog von den britischen BH-Marken und bestellte mir schließlich einen. Zum ersten Mal überhaupt hatte ich einen BH an, dessen Band schmal genug war. Zum ersten Mal seit über zehn Jahren waren die Cups groß genug. Irgendwie drängte sich da wieder die Erkenntnis auf, dass nicht ich das Problem bin, sondern die Umstände mir Probleme machen. Denn mit einem passenden BH konnte ich plötzlich laufen, ohne dass ich meine Brüste dabei festhalten musste. Ich konnte wieder Trägertops anziehen, weil meine BH-Träger nicht mehr vier Zentimeter breit waren. Meine Brüste taten weniger weh, meine Schultern waren weniger verspannt. Es war wie eine Befreiung.

Ich hatte zwischenzeitlich einen Job, der mich so unglücklich machte, dass mir heute noch schlecht wird, wenn ich daran denke. Durch den Stress nahm ich insgesamt 10 Kilo zu. Dabei merkte ich, dass mir das Gewicht eigentlich egal war – ich fand meinen Körper trotzdem schön. Ich fand es nur blöd, als mir langsam meine Klamotten nicht mehr passten. Und ich merkte, wie meine körperliche Kraft nachließ, wie meine Mitte weich und meine Haltung schlecht wurde.

Dann wurde ich schwanger und das war körperlich die schlimmste Zeit, die ich je durchgemacht habe. (Ich will keinen verschrecken, deswegen bleibt es jetzt recht vage.) Ich hatte alle Schwangerschaftsbeschwerden, die gerade noch keinen Krankheitswert haben. Und das wurde auch die ganze Zeit nicht besser, bis mein Kind da war. Jedes Mal, wenn eine Sache aufhörte, kamen zwei neue dazu. Mein Körper wurde mein Feind, ich hätte mich am liebsten aus mir selbst herausgeschält.

Die Erfahrung der Schwangerschaft und der Stillzeit hat mir allerdings ein neues Verhältnis zu meinem Körper ermöglicht. Das war mein körperlicher Tiefpunkt, deswegen kann ich seitdem meinen „Normalzustand“ ganz anders wahrnehmen. Inzwischen fühle ich mich wohl in meinem Körper. Ich kann mich besser darauf konzentrieren, was mein Körper kann und leistet, statt nur die Defizite wahrzunehmen. Ich kann liebevoller mit ihm umgehen. Die Schwangerschaft war grauenhaft, aber letztlich hat mein Körper einen gesunden kleinen Menschen produziert und dann auch noch das erste Lebensjahr ernährt. Und mein Körper hat das alles ziemlich gut weggesteckt, besser als ich es erwartet hätte.

Ja, ich habe immer noch Rückenschmerzen, wenn ich meine Übungen nicht regelmäßig mache. Aber ich habe inzwischen Übungen gefunden, mit denen ich immer wieder ganz schmerzfreie Tage habe. Der erste Tag, an dem ich meinen Rücken nicht mehr gespürt habe, ist jetzt vielleicht ein halbes Jahr her. Er hat mir so viel Kraft und Hoffnung gegeben.

Ja, ich habe immer noch Migräne, aber seitdem ich nicht mehr hormonell verhüte, sind die Anfälle viel weniger heftig geworden. Ich versuche nun, die Tage, an denen ich deswegen zu Hause bleiben muss, als Auszeit für mich und meinen Körper zu sehen.

Ja, mein Körper hat sich durch die Schwangerschaft und Stillzeit verändert. Meine Bauchmuskeln schließen sich nicht richtig und ich muss immer noch Rückbildungsübungen machen. Dafür ist mein Bauch jetzt fester als er es jemals vorher war. Meine Brüste hängen noch mehr als vorher. Aber dafür sind sie auch deutlich kleiner geworden, zum Teil durchs Stillen, zum Teil auch dadurch, dass ich nicht mehr hormonell verhüte, und zum Teil dadurch, dass ich meinen Kummerspeck wieder abgenommen habe.

Jetzt wird’s kurz kontrovers. Ich habe das Gewicht aus der Schwangerschaft und die zusätzlichen 10 Kilo wieder abgenommen und das war mir auch wichtig. Ich war so erleichtert, als ich die Umstandsklamotten weitergeben konnte, und ich war genauso erleichtert, als mir die Klamotten aus meinem alten Job nicht mehr passten.

Ich habe dazu keine Diät gehalten und gegen meinen Körper gekämpft. Vielmehr habe ich –glaube ich – mich zum ersten Mal meinem Körper liebevoll zugewandt und gespürt, was er braucht. Seitdem ernähre ich mich bewusster und mache mehr Sport, mit mehr Freude. Ich freue mich an meiner neu gewonnenen Kraft, an meinen stärkeren Armen und meiner festeren Mitte.

Ok, jetzt noch zu den Sachen, die ich an meinem Körper mag. Ich mag meine Beine, auch wenn sie kurz sind, sie sind kräftig, stark und sehen toll aus. (Viele Grüße an meinen charmanten Mitschüler von damals.) Außerdem mag ich meine ersten Fältchen. Und ich mag meine Haare. Es fehlen zwar immer noch ganz schön viele, aber sie sind immer noch voll, haben eine schöne Farbe und sind einfach unkompliziert.“

Von Herzen Danke an Dich, liebe Emma und diesen wertvollen Beitrag zum Self Love Sunday. Ich freu‘ mich riesig, dass Du mit Deiner Geschichte nun Teil des Projekts bist.

Wollt auch ihr mitmachen beim Self Love Sunday? Dann einmal hier lang!

Und hier findet ihr die Facebook Gruppe zum Projekt.

Let’s spread some Self Love!