Let’s talk about: Waldbaden aka Shinrin Yoku

Puh. Ich bin einfach mal so frei, den Redaktionsplan über den Haufen zu werfen, denn ich lasse noch immer sacken, was mich an Feedback auf meinen letzten Artikel hin erreicht hat. Ich muss zugeben, dass mir nicht klar war, wie groß dieses Wespennest ist, in das ich da auf satirisch-naive Art reingepiekst habe und was in diesem Wespennest alles abgeht. Eure Geschichten, die mich dazu erreicht haben, haben mich dazu veranlasst, heute einfach mal spontan über Waldbaden zu schreiben.

Eigentlich ein ziemlich affiges Thema – dachte ich zumindest die ersten paar Male, als es mir über den Weg lief. Aber aus gegebenem Anlass würde ich mal behaupten, es könnte uns allen nicht schaden, mehr Bäume zu umarmen und auch ganz allgemein mehr Zeit im Wald zu verbringen.

Mich erreichen regelmäßig Einladungen zum Waldbaden und ich gebe zu, ich hab‘ mich da anfangs drüber lustig gemacht. Wie so viele crazy Sachen kommt auch dieser SPAss aus Japan und hört dort auf den Namen „Shinrin Yoku“. Hiermit ist aber nicht bloß ein schnöder Spaziergang durch den Wald gemeint, sondern es geht darum, den Wald mit allen Sinnen bewusst wahrzunehmen. Mit der Atmosphäre des Waldes in Kontakt zu kommen, und zwar für gewöhnlich unter Anleitung.

Da ich selbst kein Problem damit habe, mein inneres Kind rauszulassen, hat mich Shinrin Yoku erstmal befremdet. Ich besitze leuchtend türkise Gummistiefel und springe liebend gerne in Pfützen. Ich bleibe häufig stehen, geh‘ in die Hocke und inspiziere schöne Blumen am Straßenrand und ich könnte auch minutenlang Moos anfassen oder für eine gefühlte Ewigkeit mein Gewicht auf vereisten Flächen so verlagern, dass das Wasser unter dem Eis verrückte Formen bildet. Mittlerweile weiss ich aber: Das ist nicht normal und die meisten Menschen machen sowas nicht. Die meisten Menschen laufen durch einen Wald, ohne genauer hinzuriechen oder darauf zu achten, wie weich der Boden sich unter ihren Füßen anfühlt. Vermutlich verhält es sich sogar so, dass die meisten Menschen mit Kopfhörern auf den Ohren durch den Wald rennen und sich dabei von Runtastic tracken lassen.

Da so ein Wald eine unglaublich heilsame und erdende Energie bereithält, ist es logischerweise eine ziemlich wohltuende Angelegenheit, sich ganz bewusst in ihm aufzuhalten. Hätte man jemandem, der vor 150 Jahren gelebt hat, diesen Artikel hier vorgelegt – er hätte sich vermutlich vom nächstgelegenen Baumhaus gestürzt. Aber es bringt ja nun auch nichts, uns darüber zu echauffieren, wie sehr wir uns durch die Digitalisierung von (unserer wahren) Natur entkoppelt haben. Stattdessen macht es viel mehr Sinn, entkoppelte Menschen dazu zu ermutigen, einfach mal wieder rauszugehen und anzudocken.

Ein bewusster Aufenthalt im Wald reduziert nämlich nachweislich die Stresshormone und wirkt stimmungsaufhellend. Aber wie funktioniert das genau? Im Idealfall ohne Ziel. Es geht also nicht darum, eine ganz bestimmte Route zurückzulegen oder irgendeine Checkliste abzuarbeiten. Wenn ihr euer Handy zuhause lasst und genug Zeit mitnehmt, könnt ihr euch einfach mal treiben lassen. Käfer entdecken, ertasten, wie unterschiedlich Baumrinde sich anfühlen kann, mal die Öhrchen spitzen und den Geräuschen zu lauschen, den Duft von Herbstlaub einatmen und einfach eurem Gefühl folgen. Ihr wollt einen Baum umarmen? Go for it! Ihr findet ein Plätzchen, das sich perfekt zum Niederlassen und Meditieren anfühlt? Wunderbar! Es geht darum, den Wald mit allen Sinnen ganz bewusst wahrzunehmen.

Im Gegensatz zum Herbst in Berlin liebe ich im Wald auch das Geräusch, das entsteht, wenn ich durch knöcheltiefes Laub laufe. Theoretisch könnt ihr das in Berlin natürlich auch versuchen, aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Nummer schiefgeht…naja. Es gibt halt einfach verdammt viele Hunde.

Ich für meinen Teil werde nächste Woche wieder losziehen und den Wald besuchen, denn die DIY Smudge Sticks für den Winter wollen gewickelt werden. Vielleicht inspiriert sowas euch ja auch dazu, einem Wald eurer Wahl mal einen Besuch abzustatten? Und mal tief durchzuatmen, genauer hinzuriechen und hinzulauschen? Feuchtes Moos zu streicheln, Fliegenpilze und Käfer zu entdecken, die je nach Lichteinfall blau-lila schimmern?

Falls ihr geführtes Waldbaden ausprobieren wollt, spuckt Google euch mit großer Wahrscheinlichkeit auch dazu Angebote in eurer Nähe aus, aber wenn ihr eine gute Connection zu eurem inneren Kind habt und niemand euch begleitet, der sich darüber lustig macht, funktioniert das auch wunderbar alleine. Probiert es doch mal aus!

In diesem Sinne: Habt ein wunderbar entspanntes Wochenende!

Jenny