Die Angst vorm Loslassen – Warum Kontrolle so viel einfacher ist

Wir müssen heute mal übers Loslassen reden. Wie ihr ja wisst, geht es hier auf I LOVE SPA nicht nur um Entspannung auf der physischen Ebene, also im Außen. Ich würde es auch sehr begrüßen, wenn wir uns alle mal innerlich locker machen.

Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber mir begegnen auf Pinterest und Instagram unentwegt diese ganzen abgedroschenen Sprüche à la „Be yourself, everyone else is already taken“ oder „Be a flamingo in a world of pigeons“. Es war augenscheinlich nie stärker en vogue, zumindest so zu tun, als wäre man „irgendwie anders als die anderen“. Interessant wird es allerdings, wenn man sich mal anschaut, was passiert, wenn man wirklich einen auf Flamingo macht oder seinem Herzen folgt.

Wenn der Flamingo nämlich keine Morgenroutine mit Meditationspraxis und healthy Breakfast Bowl hat, sondern genüsslich einen Milchkaffee schlürft, wird es schon tricky. Und spätestens, wenn er stark vom gängigen Schönheitsideal abweicht und dann auch noch klipp und klar nach außen kommuniziert, dass er fein damit ist, ist Ende Gelände. Schluss mit Toleranz. Denn wir wollen ja alle auf unsere Gesundheit achten, nicht wahr?

Ich geriet erst vor wenigen Tagen wieder in eine Facebook Diskussion, in der jemand einfach nur ein Bild eines Burgers mit dem Spruch „We just get one life. Don’t waste it with dieting“ teilte. „Harmlos“, sollte man meinen. Aber nicht im Jahr 2018, in dem Ernährung ein scheinbar brisanteres Thema darstellt als Religion oder Politik. Wann ist die Nahrungsaufnahme bloß zu so einem Minenfeld geworden? Wenn solch ein harmloses Zitat Menschen antriggert und aus dem Nichts zu astreinem Bodyshaming und pauschalem Bashing dicker Menschen verleitet, fragt man sich schon, was ganz allgemein gesellschaftlich so schiefläuft und wann Essen aufgehört hat, Spaß zu machen und Genuss zu bereiten.

Stellt euch mal vor, wie viel cooler das Leben auf diesem Planeten wäre, wenn sich jeder nur noch um seinen eigenen Scheiss kümmert! Wenn niemand (und ich meine wirklich gar niemand) mehr über das Essverhalten, den Körper und „die Gesundheit“ anderer Menschen urteilen und ungefragt beschissene Ratschläge erteilen würde. Die Welt wäre zweifelsohne eine bessere.

Ich will an dieser Stelle gar nicht leugnen, dass es Menschen gibt, die Nahrungsmittel benutzen, um ganz bestimmte Gefühle nicht zu fühlen oder grundlegende Probleme nicht anzuschauen. Aber es gibt auch Menschen, die zu diesem Zweck Drogen benutzen, zu viele Pornos schauen oder krass viel Zeug kaufen. Fakt ist: Es gibt viele Strategien, die Menschen nutzen können, wenn sie es nicht aushalten, in Kontakt mit sich selbst zu kommen. Aber: Niemand kennt die Geschichte dahinter. Vielleicht gab es sexuellen Missbrauch in der Kindheit. Vielleicht hat ein Mensch, der zu solchen Mitteln greift, andere schlimme Dinge erlebt, die er einfach nicht aushalten kann. Aber wer zur Hölle bin ICH, als dass ICH mir ein Urteil darüber erlauben dürfte???

Die eigentlich erbärmlichen Würstchen in solchen Social Media Battles sind keineswegs die Menschen fernab des gängigen Schönheitsideals, um die die Diskussion sich oberflächlich zu drehen scheint, sondern immer diejenigen, die pauschal austeilen. Ich kenne keinen einzigen Menschen, der fein ist mit sich und mit der Welt und gleichzeitig wild um sich bashed. Ich kenne niemanden, der sich selbst ganz okay findet und schlecht über die Körper anderer Menschen redet.

Der allgegenwärtige Irrsinn basiert auf Kontrolle. Uns wird im Außen unentwegt suggeriert, dass wir unserem Körper nicht vertrauen können. Schaut euch nur mal an, wie viele Menschen (gerade und vor allem in der Yoga Szene) unentwegt detoxen, obwohl ihr Körper keinerlei Vergiftungserscheinungen vermeldet. Oder wie viele Menschen plötzlich Gluten meiden, obwohl sie kerngesund sind und nicht an Zöliakie leiden! Ich könnte an dieser Stelle unzählige solcher Beispiele aufzählen, denn es geht im Prinzip immer wieder darum, dass Firmen, Blogger und Influencer uns unentwegt suggerieren, dass sie es einfach besser wissen als unser eigener Körper. Wenn wir Lust auf Pommes haben, dann kann da was nicht stimmen. Dann sind wir einfach willensschwach, denn Pommes sind „ungesund“ und „healthy is the new skinny“. Dann gilt es, das Ego zu überwinden. Kranke Scheisse.

Wer wissen will, wie hart wir alle gebrainwashed sind von einer milliardenschweren Diätindustrie und einer nicht weniger toxischen Influencer- und Blogosphäre, der werfe einfach mal alle Essensregeln über Bord und erlaube sich ab heute ALLES, worauf der Körper Appetit vermeldet. Je härter ihr in diesem Fall essenstechnisch eskaliert, umso stärker habt ihr euch vorher kontrolliert.

Wenn wir diese abgedroschenen Pinterest und Instagram Zitate wirklich ernst meinen und wirklich wollen, dass jede(r) er/sie selbst ist, dann führt kein Weg daran vorbei, die Kontrolle über Bord zu werfen und sich vorsichtig im Loslassen zu üben. Unser Körper ist nicht unser Feind. Wir dürfen ihm vertrauen. Er will uns nicht umbringen, wenn er Appetit auf ein Lebensmittel mit Zucker vermeldet und er weiss genau, wie viel Bewegung und wie viel Ruhe er benötigt. Je erfolgreicher und rigoroser wir uns von den allgegenwärtigen Ratschlägen im Außen abschotten, umso stärker connecten wir uns wieder mit unserem Bauchgefühl.

Das erfordert natürlich Mut, denn wer anders ist, eckt an. Ich spreche da aus eigener Erfahrung. Aber lasst euch gesagt sein: Es lohnt sich. Nichts fühlt sich besser an, als die eigene Wahrheit zu leben.

Oder um es in den Worten von Hunter S. Thompson zu sagen: „Life should not be a journey to the grave with the intention of arriving safely in a pretty and well preserved body, but rather to skid in broadside in a cloud of smoke, thoroughly used up, totally worn out, and loudly proclaiming „Wow! What a Ride!“

In diesem Sinne: Lasst den Flamingo in euch raus! (Nichts gegen Tauben.)

Jenny