Self Love Sunday #63 – Manfred

Self Love Sunday Manfred

Liebe Leute, ich freue mich über alle Maßen, dass Manfred heute als 6. männlicher Teilnehmer des Projekts das Self Love Sunday Schild hochhält und seine Geschichte mit uns teilt. Auf dass noch viele weitere Männer es ihm gleichtun!

„Ich heiße Manfred und ich bin Fotograf. Ich bin der Lebenspartner von Olivia Wollinger, der Autorin des Buchs Essanfälle adé. Deswegen wurde ich auf diese Aktion aufmerksam.

Ich habe das Bikinifoto von Olivia gemacht und im Zuge dessen sprachen wir viel über Body Shaming. Etwas, worüber ich ehrlich gesagt davor noch nicht viel nachgedacht habe.

Olivia bat mich, hier mitzumachen, denn sie findet, dass es gut ist, wenn sich auch Männer über Body Shaming Gedanken machen und sich darüber austauschen.

Zu meiner Geschichte: Ich hatte, glaube ich, großes Glück, dass ich ein süßes Kind war und mir das oft rückgemeldet wurde. Meine Größe und meine Statur waren immer im Durchschnitt, boten also wenig Angriffsfläche.

Nur mein Haar stach hervor, es war als Kind ziemlich rot. Wegen der Farbe wurde ich von Mitschülern gehänselt. Ich hatte aber das große Glück, dass die Friseurinnen jedes Mal in Begeisterungsstürme ausbrachen, wenn sie es schnitten. Daher war mir bewusst, dass mein Haar etwas Besonders war und die Hänseleien prallten an mir ab.

Ich war ein sehr sportliches Kind und daher immer in Gruppen integriert. Vielleicht half das auch, mein Selbstbewusstsein zu stärken. Da es zu Hause manchmal nichts zu essen gab oder nicht das, was mir schmeckte, aß ich oft nichts, daher war ich lange Zeit viel zu dünn. Ich ignorierte meinen Hunger. Den zu spüren lernte ich erst viel später.

Mittlerweile bin ich 55. Das kann ich manchmal selbst nicht glauben, wo ist nur die Zeit hin? Ich versuche, mit dem Älterwerden sehr bewusst umzugehen. Es nützt ja nichts, mich dagegen zu sträuben. Manchmal ist es nicht so leicht, zu akzeptieren, dass vieles, was früher möglich war, heute nicht mehr geht. Seit einem schweren Autounfall ist auch mein Rücken mitgenommen und ich muss gut auf mich aufpassen. Ich kann also nicht mehr so viel Sport machen wie früher.

Womit ich ein bisschen hadere, sind meinen Falten, vor allem wenn ich sie auf Fotos sehe. Ich registriere auch, dass mein Bauch nicht mehr so fest ist wie früher. Aber deswegen würde ich mich nie selbst abwerten. Ich akzeptiere mich so wie ich bin.

In meiner Familie war Körper kein Thema. Eigentlich war nichts ein Thema in meiner Familie. Mein Vater war kaum da und meine Mutter war emotional unterkühlt. Beide haben sich wenig um uns Kinder gekümmert. Wir waren den ganzen Tag draußen, in den 70er Jahren war das noch möglich.

Ich hatte das Glück, dass ich Liebe von meiner Großmutter bekam, ich glaube, das hat mich gerettet. In den Self Love Sunday Vorbereitungsfragen ist auch sexueller Missbrauch aufgelistet. Es ist gar nicht so einfach, öffentlich darüber zu sprechen, das habe ich bisher noch nie getan. Aber um Offenheit ist es, worum es hier geht, nicht wahr? Ich vermute, dass ich von meinem Vater betatscht wurde. Ich habe keine klare Erinnerung, aber ein deutliches Gefühl dazu.

Ich glaube, dass mich das mein Leben lang geprägt hat. Als ich meine Tochter als alleinerziehender Vater aufzog, achtete ich sehr genau darauf, in keine Situation zu kommen, die falsch interpretiert werden könnte. Ich glaube heute, dass ich übervorsichtig war und ihr dadurch vielleicht zu wenig körperliche Nähe schenkte, aber leider konnte ich damals nicht aus meiner Haut.

Gehasst habe ich mich nie, aber dennoch ging es mir nicht gut. Ich habe mich nicht gespürt. Ich habe sehr früh geheiratet, mit 20. In dieser Zeit war ich irgendwie in einem Nebel versunken. Ich hatte keinen Zugang zu mir. Mein Wendepunkt war die Geburt meiner Tochter. Ich musste aus meinem Loch herauskriechen, um für meine Tochter da sein zu können.

Ich begann mit einer Psychotherapie. Meine Therapeutin diagnostizierte eine endogene Depression. Heute weiß ich, dass ich aufgrund meiner Geschichte ein Entwicklungstrauma hatte. Mein Weg führte mich mehr und mehr zu mir und meinen Gefühlen. Heute mache ich nebenberuflich die Ausbildung der Rosen-Methode nach Marion Rosen. Das gefällt mir, weil ich dadurch noch mehr Zugang zu mir bekomme und alte Dinge, die immer noch in meinem Körper stecken, auflösen kann. Das bringt innere Freiheit. Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Männer Zugang zu ihren Gefühlen bekommen und vielleicht kann ich da eines Tages meinen Beitrag dazu leisten.

Und nun noch die 3 Dinge, die ich an meinem Körper liebe: Meine Augen, weil sie die Farbe wechseln. Meine schlanke Statur, das macht das Einkaufen einfach. Dass ich trotz meines Alters kaum graues Haar habe.

Und abschließend noch die Frage: Gibt es noch etwas, was Du den Leserinnen und Lesern mit auf den Weg geben möchtest? Von Gesprächen mit Olivia weiß ich, dass viele Frauen mit ihrem Aussehen hadern und denken, dass, wenn sie endlich schlank wären, wäre das Leben perfekt. Dem ist aber nicht so.

Ich war immer schlank und ich hatte das Glück, dass ich keine Komplexe hatte hinsichtlich meines Aussehens. Dennoch ging es mir viele Jahre total dreckig. Ich musste mich selbst aus einem tiefen Sumpf herausziehen. Das kostete viel Kraft, brachte mir aber auch viel Freiheit.

Olivia erzählte mir auch, dass viele Frauen dünn sein wollen, um uns Männern zu gefallen. Dazu möchte ich sagen: Meiner Meinung nach hat eine gute Ausstrahlung nichts mit einer perfekt durchtrainierten Figur zu tun. Mir ist in einer Partnerschaft wichtig, dass die Frau an meiner Seite sich wohl mit sich selbst fühlt und einen bewussten und gesunden Lebensstil pflegt. Perfektion ist eine Illusion, die ich nicht brauche. Ich brauche eine Partnerin, die sich selbst liebt und das Leben und mich.“

Liebe Ladies, lest euch bitte nochmal ganz in Ruhe den letzten Absatz durch. Manfred hat so recht mit diesem Statement! Das sollten wir uns alle immer mal wieder vor Augen führen, während uns die Selbstoptimierungs- und Diätmaschinerie im Außen etwas anderes vorgaukelt. Von Herzen Danke an Manfred für das Teilen seiner persönlichen Geschichte und für dieses finale Statement.

Wollt auch ihr mitmachen beim Self Love Sunday? Dann einmal hier lang!

Und hier findet ihr die Facebook Gruppe zum Projekt.

Let’s spread some Self Love!