Self Love Sunday #62 – Olivia

Self Love Sunday Olivia

Ich freue mich riesig, dass Olivia heute unsere Geschichte mit uns teilt, denn ich empfinde sie nicht nur als Geschichte, sondern auch fast schon als kleiner Ratgeber. Das könnte natürlich daran liegen, dass Olivia ein Buch zur Thematik geschrieben hat, aber lest einfach selbst!

„Mein Name ist Olivia Wollinger, ich bin die Autorin des Buchs Essanfälle adé: Vom emotionalen Essen zum persönlichen Wohlfühlgewicht.

Ich war lange Zeit der Meinung, dass ich von mir kein Bikini Foto veröffentliche. In meinem Buch und auf meinem Blog teile ich sehr viele, sehr persönliche Dinge über meinen Weg aus der Essstörung. Daher hatte ich nicht den Drang, mich auch noch im Bikini zu zeigen. Wenigstens das sollte privat bleiben.

Doch dann stieß ich auf Jennys Self Love Sunday.

Ich bin beeindruckt, wie Menschen hier ihre Fotos und Geschichten teilen, nämlich mutig, ehrlich, mit wohltuender Selbstliebe und vor allem ohne inszenierte Selbstdarstellung. Die Fotos werden nicht benutzt, um irgendetwas zu beweisen, z.B. den Grad der Selbstliebe oder den Erfolg eines Programms. Sie sind einfach Teil des Ganzen, Teil des Lebensweges. Ganz natürlich. „Das bin ich. Nicht mehr und nicht weniger.“ Das gefiel mir.

Von vielen Geschichten war ich berührt, v.a. von Bärbel. Sie beschreibt genau jene Diskriminierung, die auch ich als große Frau (ich bin 1,83m) erlebte. Manche Menschen ertragen es scheinbar nicht, wenn jemand aus der Norm fällt. Ich glaube, das war das erste Mal, dass ich den Bericht einer anderen Frau darüber las. Es tut gut zu wissen: „Du bist nicht alleine.“ Dadurch durfte ein weiteres Stückchen in mir heilen. Spätestens da war mir klar: Ich möchte das Projekt Self Love Sunday unterstützen.

Das bedeutet für mich, noch mehr von mir zu zeigen. Um ehrlich zu sein brauchte ich ein paar Wochen Bedenkzeit. Eben weil ich mich heute selbst liebe, prüfe ich sehr genau, ob eine Herausforderung für mich gut ist oder nicht. Schließlich gab ich mir einen liebevollen Ruck.

Ich mache hier mit, weil ich es wichtig finde, ehrliche Geschichten zu teilen. Weil ich es wichtig finde, dass wir alle erkennen, dass Perfektionismus nicht nötig ist, um ein gutes Leben zu führen. Weil ich ein Zeichen gegen den Retusche-Wahn setzen möchte. Weil ich erkannte, dass ich ich bin, egal ob im Wintermantel oder im Bikini. Und weil ich möchte, dass der Self Love Sunday noch lange weiterlebt.

Nun zu meiner Geschichte: Meine Scham über meinen Körper begann bereits sehr früh: Ich war immer schon größer als die meisten anderen. Als Kind hatte ich aus heutiger Sicht eine völlig normale Figur. Da ich aber mindestens einen Kopf größer war als meine Mitschülerinnen, hatte ich mehr Masse als sie. Ich fühlte mich daher immer sichtbarer als andere. Was hätte ich dafür gegeben, klein und vor allem zart zu sein.

Bereits als knapp Fünfjährige fühlte ich mich plump in meiner roten Jacke, neben dem zarten, kleinen gleichaltrigen Mädchen, das ganz in rosa gekleidet war. In der Volksschule war ein Bild der Venus von Willendorf im Geschichtsbuch abgebildet. Ein Bursch meinte, ich sähe genauso aus und zog mich noch lange damit auf. Ich war tief gekränkt und verunsichert. Noch bevor ich in die Pubertät kam, wurde mir beigebracht, dass Manner Schnitten dick machten und ein diagonaler Streifen am Badeanzug den Bauch optisch flacher wirken ließ.

Als ich begann, mich für Jungs zu interessieren, wurde es besonders schwierig für mich: Es gab in meiner Altersklasse nur wenige, die größer waren als ich. Ich suchte nach Liebe und stieß oft auf Ablehnung. Also dachte ich, ich wäre falsch. Dass ich so viel mehr war als nur meine Körpergröße, konnte ich damals nicht erkennen.

Meinen ersten Kontakt mit Diäten hatte ich mit 14. Ich lernte von einer Freundin, dass es als Mädchen unweiblich wäre, vor Burschen viel zu essen. Aha, das bedeutet es also weiblich zu sein: Wenig zu essen. In der Schule wurde es modern, auf seine Figur zu achten. Weißes, fettfreies Joghurt war unser Diätgeheimnis. Es schmeckte mir nicht, ich aß es trotzdem. Niemandem von uns war bewusst, dass Kurven zum „Frau werden“ dazugehören. Die meisten von uns fühlten sich zu dick. Wenn ich heute Fotos von damals sehe, kann ich das nicht verstehen. Niemand in meiner Klasse war dick.

Mit 21 begann meine Essstörung. Ich war damals unzufrieden mit meinem Leben, konnte mir das aber nicht eingestehen. Denn ich hatte wenig Kontakt zu meinen Gefühlen. Also hielt ich krampfhaft an meinem Studium fest und quälte mich zielstrebig durch die Jahre.

Was ich schon bemerkte war, dass ich mich in mir nicht wohl fühlte. Die einzige Idee, die ich dazu hatte, war: Das muss an meinem Gewicht liegen! Wenn ich nur mein perfektes Gewicht hätte, wenn ich möglichst zart wäre, dann…ja dann könnte ich alles erreichen! Dann endlich würde ich mich selbst lieben und dann würde ich meinen Traummann finden und alles wäre gut.

Also begann ich mit strengen Diäten. Alles, was in meinen Augen dick machte, verbot ich mir. Sehr interessant ist: Als meine Essstörung begann, hatte ich das gleiche Gewicht wie heute. Dennoch empfand ich mich als viel zu dick, als unförmig und als hässlich.

Das ewige Diäthalten trieb mich schließlich zu den Essanfällen, in denen ich mir all‘ das Verbotene in großen Mengen hineinschob. Ich hielt mich für disziplinlos und hasste mich jedes Mal, wenn es passierte. Verdammt! Es musste doch möglich sein, eine simple Diät durchzuhalten, um endlich glücklich zu werden!

In diesem Teufelskreis hielt ich mich einige Jahre auf: Fasten und Fressen. Ich wusste nicht mehr, was mein Körper brauchte. Schritt für Schritt ruinierte ich dadurch meinen Stoffwechsel, mein Gewicht begann zu schwanken und mein Körper, insbesondere mein Gesicht, wirkte aufgedunsen.

Der Wendepunkt kam 1996, mit 24 Jahren, als mir eine Studienkollegin ein Buch über Essstörungen gab. Endlich begriff ich, dass ich nicht nur ein – wie ich dachte – kleines Disziplinproblem hatte, sondern dass meine Themen viel tiefer lagen: Ich hatte eine Essstörung. Dies war mir lange Zeit nicht bewusst, da ich weder mager war, noch erbrach. Bis dahin waren mir nämlich nur diese zwei Essstörungs-Formen bekannt, Magersucht und Bulimie.

Dass es auch noch andere Formen gibt, wusste ich lange Zeit nicht. Meine war „Bulimie non purging type“ (also Bulimie ohne Erbrechen) bzw. Binge Eating. Mit dieser Erkenntnis begann mein langer Weg zur Heilung und zu meiner Identität. Es war kein Wandel, der über Nacht passierte. Vielmehr waren es zahlreiche kleine Schritte, die sich aneinanderreihten. Denn eine Essstörung zu haben bedeutet, dass die Seele weint. Diesen emotionalen Hunger zu stillen, braucht seine Zeit.

Besonders wichtig war es, das Ziel „perfekt zu sein“ aufzugeben. Stattdessen wollte ich lernen, meinem Körper zu geben, was er braucht, und das Gewicht zu akzeptieren, das er sich aussuchen möchte. Selbstfürsorge und Selbstliebe flogen mir allerdings nicht wie von selbst zu. Im Gegenteil: Ich gewann sie Schritt für Schritt durch viel Übung und Arbeit an mir selbst.

Dafür war es notwendig, mich selbst wirklich kennenzulernen, herauszufinden, was ich wollte und was ich brauchte. Außerdem musste ich lernen, mit meinen Gefühlen umzugehen, statt sie mit Essen zu regulieren oder zu betäuben. Es ging darum, auf meinen Körper zu hören, statt ihn zu unterjochen.

Irgendwann begriff ich, dass ich für diesen Weg Hilfe brauchte. Ich konnte und wollte nicht mehr alles alleine lösen. Also investierte ich in viele Stunden Therapie, Coaching, Körperarbeit und in Seminare. Auf meinem Weg aus der Essstörung nahm ich einiges an Gewicht zu. Dennoch fühlte ich mich in meinem Körper viel mehr zuhause als zuvor, weil mein Kampf gegen mich selbst endlich enden durfte. Ich wollte mich wohl fühlen in meinem Leben, das wurde zur obersten Priorität, nicht mehr die Zahl auf der Waage.

Meinen letzten Essanfall hatte ich im Jahr 2000. Dennoch brauchte es danach noch einige Jahre, bis ich nicht mehr nur „Olivia ohne Essstörung“ war, sondern einfach nur „Olivia“. Die Arbeit mit mir selbst geht auch heute noch weiter, was vor allem mit meinem Job zusammenhängt. Aber ich mag das. Mir gefällt es, meine Innenwelten noch mehr zu erforschen.

Die Figur, die ich heute habe, ergibt sich ganz natürlich aus meinem Lebensstil. Ich muss dafür nicht kämpfen. Vielmehr geht es darum, mich liebevoll zu versorgen und auf die Bedürfnisse meines Körpers zu hören. Essen darf Freude machen und ich darf es jeden Tag genießen.

Eine der Fragen für den Selflove Sunday ist, welche drei Dinge ich an mir liebe. In der Zeit meiner Essstörung betrachtete ich jede Einzelheit an mir genau, wie durch ein Vergrößerungsglas. An allem hatte ich etwas auszusetzen. Ich schämte mich unendlich für mein Aussehen. Es gab nur zwei Dinge, die ich nicht hasste: Meine Augen und meine Brüste. Das waren nämlich jene beiden Dinge, für die ich von Männern immer Komplimente bekam. Meine Selbstsicherheit war damals ausschließlich nach außen gerichtet. Nur wenn andere etwas gut fanden, tat ich es auch.

Je mehr ich meinen inneren Mangel füllte, desto weniger musste ich Essen missbrauchen, um diese Löcher zu stopfen. Je mehr ich lernte, meinem Körper zu vertrauen, desto wohler fühlte ich mich in mir. Heute liebe ich mich, weil ich ich bin. Wenn ich auf mich blicke, so tue ich das mit weichem Blick, ähnlich wie es Liebende tun. Ich erlebe mich als Einheit. Es sind keine Einzelheiten mehr, auf die ich mich konzentriere. Daher möchte ich nun auch keine einzelnen Teile von mir besonders herausstellen. Alles gehört zu mir und das alles bin ich.

Heute bin ich 46 Jahre alt, bin also in meiner zweiten Lebenshälfte angelangt. Mein Haar wird täglich weißer. Momentan habe ich nicht vor, es zu färben, aber mal abwarten. Ich bemerke auch, dass sich mein Körper verändert. Ich bin froh, dass ich innere Stabilität erreicht habe, denn so kann ich mit meinem Älterwerden wohlwollend umgehen.

Zur Frage: „Gibt es noch etwas, was Du den Leserinnen und Lesern mit auf den Weg geben möchtest?“ Ich finde es bedeutsam, dass wir lernen, uns selbst die beste Freundin / der beste Freund zu sein. Daraus ergibt sich alles andere. Falls das unmöglich scheint: Holt euch Hilfe! Wir können und müssen nicht alles alleine lösen. Das ist keine Schande. Im Gegenteil: Um Hilfe zu bitten braucht viel Mut. Es zeugt von Stärke, wenn man weiß, wann man Hilfe braucht und von wem man diese bekommen kann. Den Weg gemeinsam zu gehen ist so viel einfacher als immer nur alleine.

In diesem Sinne: Lasst uns den Self Love Sunday gemeinsam zelebrieren!“

Ich weiss nicht, wie es euch geht, aber der Part „Denn eine Essstörung zu haben bedeutet, dass die Seele weint. Diesen emotionalen Hunger zu stillen, braucht seine Zeit“ hat mich tief berührt. Denn ganz egal, ob es sich um Essen handelt, um Drogen oder um Pornos – was auch immer wir im Außen benutzen, um im Innen klarzukommen – solange wir uns das EIGENTLICHE Problem nicht anschauen und uns weigern, uns unserem Inneren zuzuwenden, wird sich auch im Außen nichts ändern. Deshalb: Von Herzen Danke an Olivia für diesen wertvollen Reminder!

Wollt ihr selbst mitmachen beim Self Love Sunday? Dann einmal hier lang!

Und hier findet ihr die Facebook Gruppe zum Projekt.

Let’s spread some Self Love!