Self Love Sunday #53 – Corinna

Self Love Sunday CorinnaIch freue mich über alle Maßen, dass ich in den vergangenen Wochen keine semi-aggressive Akquise betreiben musste, damit das Projekt weiterläuft, sondern dass Bilder und Texte von Teilnehmerinnen wie Corinna mir ganz unerwartet in die Inbox flatterten. Bevor ich jetzt übermütig werde, übergebe ich das Wort aber schnell an Corinna:

„Mein Name ist Corinna und ich bin 33 Jahre jung. Seit rund vier Jahren blogge ich auf Aussteigen Bitte über das Reisen, Auszeiten (wie Wellness) und auch über mich. Ich habe zum Beispiel schon mal einen Artikel über das Reisen mit Übergewicht geschrieben, weil ich weiß, dass einige sich einfach nicht trauen zu Reisen, weil sie sich vor vielen Sachen fürchten.

Das finde ich schade und seitdem ich zu diesem Artikel so viel positive Resonanz bekommen habe, versuche ich, als gutes Beispiel voran zu gehen und zu zeigen, dass man auch mit Übergewicht tolle Dinge erleben kann.

Doch nun zu meiner Geschichte. Wo soll ich da nur anfangen? Ganz am Anfang, als ich noch ein normalgewichtiges Kind war, oder ein wenig später in der Schule, als ich mich zum Stress-, Langeweile- und Frustfresser entwickelt habe?

Vielleicht sollte ich im Hort anfangen. Das war meine erste Erfahrung mit Mobbing. Damals hieß es noch Hänseln und den Begriff Body Shaming gab es noch nicht in unserem Wortschatz. Es gab diese zwei Jungs, die mich, egal was ich gemacht habe, egal wie oft sich meine Mutter bei den Erziehern beschwert hat, egal wie oft ich geweint habe, einfach jeden verdammten Tag „Cori Fett“ genannt haben. Ich kann den Spitznamen Cori bis heute nicht leiden. Er gibt mir gleich ein komisches Gefühl.

Ich hatte lange kein Selbstbewusstsein und war schüchtern und verhuscht. Ich hatte schon immer eine freche Schnauze und oft eine Antwort parat, aber ich habe mich nicht immer getraut, das auch „auszuleben“.

Als ich dann 10 Monate in Neuseeland war, ist mein Selbstbewusstsein gewachsen. Die Zeit hat mir immer wieder aufs Neue gezeigt, dass ich mehr kann, als ich (oder andere) mir vielleicht zutrauen. Ich habe auch meine Sicht auf die Welt verändert. Reisen hat mich definitiv toleranter und gelassener gemacht! Ob diese lange Reise der Wendepunkt war, weiß ich gar nicht so genau. Vielleicht war er das.

Vielleicht auch mein Job, den ich davor hatte. Der hat mir die Angst vor meinen Vorgesetzten genommen, die ich immer auf ein Podest gesetzt habe und vor denen ich zu viel Respekt hatte. Das ändert sich aber irgendwie, wenn der Chef ständig zu einem gerannt kommt, weil er die Fragen der Mitarbeiter nicht beantworten kann, weil er einfach mal keine Ahnung von gar nichts hat.

In meiner Zeit in Neuseeland habe ich einiges abgenommen und habe mich zum ersten Mal richtig wohl in meiner Haut gefühlt. Nicht weil ich weniger gewogen habe, sondern weil ich mich selber mit anderen Augen gesehen habe. Ich war selbstbewusster und ich wurde sehr viel reflektierter. Ich weiß meist recht gut, was ich kann und was nicht.

Übrigens habe ich mich noch nie geschämt, mich im Badeanzug zu zeigen. Ich war schon immer eine Wasserratte. Nicht ins Meer oder ins Schwimmbad zu gehen, war überhaupt keine Option. Ein Bikini ging dann aber selbst mir zu weit.

Bis es vor ein paar Jahren Vorreiterinnen gab. Diese tollen Plus Size Frauen, die modisch sind, OBWOHL sie zu viel auf den Rippen haben. Irgendwann kamen dann auch Bikinis auf den Markt, die ich richtig schön fand. Wie diesen, den ich auf dem Bild trage.

Finde ich alles an meinem Körper schön? Nein, natürlich nicht. Das tut wohl keiner. Höre ich immer noch dumme Sprüche? Ja, aber weniger als vorher. Ich denke, das hat was mit der Ausstrahlung zu tun.

Ich kann mich noch erinnern, dass es früher am Kölner Hauptbahnhof eine Reibekuchenbude gab. Ein einziges Mal, bin ich alleine dort hin und habe mir drei Reibekuchen mit Apfelmus gegönnt, weil sie einfach so unglaublich lecker waren.

Damals hatte ich noch keinerlei Selbstbewusstsein und immer im Hinterkopf: „Jetzt sehen die Leute, wie die Dicke sich die fettigen Reibekuchen reinzieht!“ Und was ist passiert? Drei mir vollkommen fremde Menschen sind, unabhängig voneinander, an mir vorbeigegangen, haben mir teilweise die Schulter getätschelt und sagten im Vorbeigehen: „Macht schön fett!“

Ich hätte mich am liebsten verkrochen und nur noch geheult.

Heute ist das anders. Letztens habe ich meiner Oma über die Straße geholfen (die selber übergewichtig ist), als eine Frau (dünn und nicht meinem Schönheitsideal entsprechend), sich an uns vorbeidrückt und ein wenig lauter vor sich hinmurmelt: „Immer diese Fetten überall!“

Ich war im ersten Moment total perplex. Mir ist nichts Besseres eingefallen, als hinterher zu schreien, dass heute Morgen wohl Höflichkeit zum Frühstück aus war. Hinterher fiel mir ein, dass ich besser geschrien hätte: „Besser fett als hässlich!“

Ich glaube, meine Oma fand es ganz gut, dass mir das zu spät eingefallen ist. Interessant fand ich, dass diese Frau es auf einmal unheimlich eilig hatte und sich nicht umgedreht hat. Peinlicher für sie, als für mich. (Übrigens bin ich in dem Moment nur deshalb nicht richtig ausfallend geworden, weil meine Oma dabei war und es hat mich richtig viel Mühe gekostet, das Wort herunterzuschlucken!)

Eine ganz andere Art von Body Shaming hatte ich übrigens auch schon. Eine, die so gar nichts mit meinem Gewicht zu tun hat, sondern mit dem Leberfleck, den ich in Höhe des Schlüsselbeins habe.

Finde ich ihn schön? Nicht wirklich. Stört er mich? Nicht die Bohne! Ist er gefährlich? Auch nicht.

Und trotzdem wurde mir letztens die Frage gestellt: „Willst Du den nicht mal entfernen lassen? Der irritiert mich jedes Mal, wenn ich Dich anschaue.“

Ja… Das tut mir jetzt aber leid – nicht. Ich meine… Geht’s noch? Soweit kommt es noch, dass ich an mir herumschneiden lasse, nur weil einer irritiert ist, weil er mein Muttermal sieht. Zumal es eine Person war, mit der ich nur ein paar Wochen zu tun hatte und dann vermutlich nie wieder in meinem Leben.

Doch ich schweife ab. Eigentlich will ich sagen: Ich bin weit weg von perfekt, aber es stört mich nicht. Ich habe echt andere Probleme in meinem Leben als meinen Körper. Klar muss ich abnehmen, aber mit Sicherheit nicht deshalb, weil ich mich für meinen Körper schäme.

Jeder soll so herumlaufen, wie er es für richtig hält. Finde ich alles schön, was ich so auf der Straße herumrennen sehe? Nö. Würde ich mir deshalb anmaßen etwas zu den Leuten zu sagen? Auf keinen Fall!

Ich finde der Spruch „Leben und leben lassen“ ist ein sehr passender.

Ich mag mein Gesicht und meine Haare. Ich liebe meinen Humor und mittlerweile finde ich zwar nicht alles an mir super optimal, aber ich mag mich und mein Aussehen. So wie es halt ist. Mal pfundiger, mal nicht ganz so pfundig.

Ich hoffe, dass noch viel mehr Frauen und Männer entdecken, dass Aussehen nicht alles ist und das sie stolz auf sich sein können und ich hoffe auch, dass dieses Body Shaming irgendwann mal so eingedämmt wird, dass man nicht schon von jungen Jahren an das Gefühl vermittelt bekommt, dass etwas mit einem nicht stimmt.

Ich bin manchmal ein Weirdo. Ich werde nicht von allen verstanden. Ich bin anders. Nicht nur durch mein Aussehen, auch wegen meines Verhaltens. Mittlerweile kann ich damit umgehen. (Das mit meinem Verhalten ist eine andere Geschichte. Nur kurz: Ich habe ADS, das wirkt sich auf fast alle Bereiche meines Lebens aus. Ich habe auch Depressionen, aus einigen Gründen, aber nicht wegen meines Körpers!)

Letztens meinte ich zu einer Freundin: „Ich bin halt ein Weirdo“ und die Antwort war: „Ich will aber nicht, dass Du ein Weirdo bist.“ Daraufhin habe ich gesagt, dass ich das nicht als etwas Schlimmes empfinde und ich es mittlerweile fast gut finde. Ich bin halt anders als die anderen. Das macht mich eigentlich nicht komisch. Das macht mich Besonders.“

BÄM! Von Herzen Danke an Corinna für das Teilen dieser Geschichte. Vor allem mit dem letzten Teil kann ich mich selbst ziemlich gut identifizieren. (Auch wenn ich selbst eher den Begriff „Freak“ benutze.)

„Leben und leben lassen“ finde ich einen smarten Ansatz. Vielleicht könnten wir das einfach alle ein Stück weit verinnerlichen und aufhören, fremde Menschen zu bewerten und zu beurteilen? Und zwar weder in unserem Kopf, noch indem wir sie öffentlich „bodyshamen“? Vielleicht könnte aber auch ein(e) jede(r) von uns reingrätschen, wenn jemand anders aufgrund seines Körpers öffentlich gedisst wird? Und vergesst nie: Was Peter über Paul sagt, sagt so viel mehr über Peter aus als über Paul…

Wollt auch ihr mitmachen beim Self Love Sunday? Dann einmal hier lang!

Und hier findet ihr die Facebook Gruppe zum Projekt.

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