Self Love Sunday #51 – Emily

Self Love Sunday EmilyLiebe Leute, der heutige Text ist einer der stärksten, der bisher online ging. Gleich vorweg: Er kann triggern, aber Emily sagt das auch selbst nochmal an. Umso erstaunlicher finde ich es, dass gerade DIESE starke Frau sich fragt, ob sie sich selbst ausreichend liebt, um hier mitzumachen. Ganz im Ernst, liebe Emily? Wer, wenn nicht Du?

„Im World Wide Web kennt man mich unter dem Namen Emily und ich hoffe, es ist okay, wenn ich es an dieser Stelle dabei belasse.

Zum einen, weil ich meinen eigentlichen Vornamen noch nie sehr mochte und zum anderen, weil mir dieser Spitzname viel bedeutet.

Ich bin 34 Jahre jung oder alt, kommt ja auf das selbe raus. Ich lebe im hohen Norden von Deutschland. In der wunderschönen Hansestadt Hamburg bin ich geboren und aufgewachsen. Und als Wohnort in Deutschland ist diese Stadt die beste Wahl. Ich bin gelernte Steuerfachangestellte und übe diesen Beruf nun schon über zehn Jahre aus, dadurch wird er nicht besser oder schöner. Aber inzwischen habe ich eine Art gefunden, damit zu leben. Ich bin seit 2009 verheiratet und habe einen süßen, kleinen Hund.

Ok, das war noch relativ einfach. Jetzt kommt wohl der schwierige Part.

Vielleicht kurz vorweg: Ich überlege schon wochenlang, ob ich hier mitmachen soll oder nicht. Das Bild da oben existiert schon länger und auch jetzt in diesem Moment, in denen ich diese Zeilen tippe, bin ich noch unschlüssig, ob sie ihren Bestimmungsort jemals erreichen werden.

1. Weil ich noch gar nicht wirklich weiß, was ich schreiben soll oder was ich am Ende alles geschrieben habe und

2. glaube ich nicht, nein ich bin eigentlich überzeugt, dass ich nicht die richtige Person für dieses Format bin. Warum? Ich denke, und bin fast sicher, dass ich von dem Punkt „Selbstliebe“ noch viel zu oft viel zu weit entfernt bin.

3. Aber vielleicht bin ich deswegen ja auch gerade passend? Wer weiß? Vielleicht gibt es ja Dich da draußen, die oder der genauso denkt und wir finden beide durch meinen Text heraus, dass wir sehr wohl passen. Wollen wir es herausfinden? Also ich schon, deswegen werde ich weiter schreiben.

Ich habe nicht viele Erinnerungen an meine Kindheit. Vieles ist einfach weg. Und das ist vielleicht auch besser so. Die Erinnerungen, die zurückgekommen sind, machen mir den Umgang mit mir selbst, mit meinem Körper (ja ich rede von mir und meinem Körper, als wären sie nicht eins) und dem Umgang mit körperlicher Nähe sehr schwer.

Vorweg (ja ich warne gerne): Mein Text kann triggern.

An einen Zeitraum kann ich mich nicht mehr erinnern. Wann es anfing. Oder wie oft. Oder wie lange. Aber alles begann damit, dass ein neuer Nachbar in den zweiten Stock unter uns in die mittlere Wohnung zog. Ich glaube, ich war noch in der Grundschule. Oder es war in den Sommerferien kurz davor. Ich weiß nicht, was mein kindliches Gemüt dazu veranlasste, aber ich begrüßte ihn.

Bald war ich fast jeden Nachmittag und Abend dort. Viele Jahre. Er brachte mich zum Lesen. Ich hatte vorher nie ein Buch gelesen. Er half mir bei den Hausaufgaben. Brachte mir Englisch bei. Ging mit mir ins Musical. In das Phantom der Oper. Er ging mit mir Essen. Und vergriff sich an mir. Oft jeden Abend. Es geschah viel und oft. Auch Sachen, die mir heute noch so peinlich sind, dass ich nicht darüber sprechen und schreiben kann. Und ist das nicht absurd? Es ist mir peinlich.

Ich weiß nicht, ob ich wusste, was er tat. Ich dachte vielleicht, dass es richtig war. An manche Abende erinnere ich mich ganz detailliert. Und auch an manche Sätze aus seinem Mund.

Und manche Erinnerungen in mir lassen mich tatsächlich glauben, dass ich es hätte verhindern können. Ich war schuld.

Einmal sah er ein Foto von mir. In einem Tanzkostüm. Zeigte auf meine Brust, die gerade noch dabei war zu wachsen und nur ein kleiner Ansatz war. Und er zeigt auf meinen Bauch. Den hatte ich nicht angespannt und deswegen sah man eine kleine Wölbung unter dem hautengen Dress und er malte die Konturen mit seinen Fingern nach und sagte etwas in der Richtung „Genau so ist es richtig, sexy und schön“.

Ein Mann von über 30 sagte das über ein Kind von höchstens 12 Jahren.

Noch heute denke ich daran. Ich sehe auf meinen Bauch. Und denke, der muss doch endlich weg. Ich will ihn nicht sehen, weil er mich immer an diesen Moment erinnert. An einen Abend, an dem er mich anfasste, ich es nicht verstand und er das daraufhin sagte.

Irgendwann hörte es auf. Mein kindliches Ich verdrängte alles. Und es ging weiter.

Ich suchte mir für meine ersten Beziehungen nur ältere Männer aus. Ein Altersunterschied von mindestens vierzehn Jahren war normal. Wobei ich eben vierzehn war. Mein erster richtiger Freund (wenn man den im Nachhinein überhaupt so nennen will) war ein Trinker und vergriff sich im Suff gerne an mir. Die Erinnerung an mein erstes Mal würde ich gerne vergessen, aber den Gefallen tut mir mein Hirn leider nicht.

Erst mit 16 schaffte ich es, in eine liebevolle und gute Beziehung zu gelangen. Auch mit sieben Jahren Altersunterschied und wieder verdrängte mein Hirn die Erlebnisse der letzten zwei Jahre davor.

Meine Schulzeit war bis zur achten Klasse eine reine Katastrophe.

Ich war schnell sehr reif. Und kam mit meiner körperlichen Entwicklung nicht hinterher. Das war ein gefundenes Fressen für meine Mitschüler. Ich war auch immer die älteste. Ein bis zwei Jahre war ich immer älter als die anderen. Ich prügelte mich oft und war die Außenseiterin. Aber irgendwie hat mich das stärker gemacht. Aber auch daran sind meine Erinnerungen verschwommen.

Oft wurde ich für meine Nase gemobbt. Freddie Krüger hieß es dann. Oder für meine alten Klamotten aus der Kleidersammlung. Lumpensack hieß es dann. Aber auch Markenklamotten machten es nicht besser. Für meinen Musikgeschmack wurde ich ebenfalls gemobbt. Ich war kein Boy Band Mädchen, ich war Kelly Family Fan (ich bin es immer noch). Aus meinem Vornamen wurden gemeine Gedichte getextet. Aber trotzdem setzte ich mich für alle ein und gab nicht auf. Ich ließ mich nicht unterkriegen und wurde ab der achten Klasse sogar Klassensprecherin, Schulsprecherin und Kreisschülerratssprecherin. Deswegen weiß ich, nicht aufgeben lohnt sich.

Das erste Mal abnehmen und wirklich dünner sein wollte ich am Tag meiner Konfirmation. Ich weiß noch, dass ich stundenlang nach einem Kleid gesucht hatte und es großartig fand und am Tag vor meiner Konfirmation fühlte ich mich unglaublich fett darin und meine Mutter musste nochmal los, was Neues kaufen mit mir. Wenn ich mir heute das Bild ansehe, gemeinsam mit dem Pastor, denke ich, so würde ich gerne wieder aussehen. Verrückt, oder?

Dann war ich, glaube ich, relativ lange ziemlich zufrieden mit mir. Es gab ab und zu Momente, da fand ich mich zu dick, aber so wirklich eine Diät habe ich nie gemacht.

Als die Erinnerungen an den sexuellen Missbrauch und die Vergewaltigung anfingen, sich ihren Weg zurück in mein Bewusstsein zu bahnen, in Form von Alpträumen und Flashbacks, begann ich mir die Arme aufzuschlitzen und mir den Finger in den Hals zu stecken. Unterstützt (aber unbewusst von ihm) durch meine damalige Beziehung wurde dies sogar noch intensiver. Probleme mit meinem Körper an sich hatte ich aber nicht.

Als die Beziehung zuende ging fand ich selbst einen Weg raus aus dem selbstverletzenden Verhalten und der Bulimie. Die Beziehung, die darauf folgte, zerstörte mich auf andere Weise. Das erste Mal, dass ich mich so richtig daran erinnern kann, mich nicht genug zu fühlen, war in dieser. Ich musste diesem Mann gefallen. Ich tat, was er wollte, um ihn glücklich zu machen. Sexuell in vielerlei Hinsicht und ich lernte diesen, von mir nun verhassten Beruf ihm zuliebe. Aber ich war nie genug. Am Ende gab er genau dem die Schuld, dass er mich dann verließ. Meine Selbstzweifel hätten ihn zerstört und ihn dazu gebracht, zu viel zu trinken. Natürlich glaubte ich ihm.

Irgendwann danach, so circa 2 Jahre später, ich glaube ungefähr 2007, beschloss meine Schilddrüse, ihren Geist aufzugeben. Schilddrüsenunterfunktion, gepaart mit einem exzellenten Koch zum Freund, brachten mir zwanzig Kilo mehr auf die Waage innerhalb von wenigen Wochen. Ich merkte es erst gar nicht. Ich war so glücklich verliebt. Dann sah ich Fotos von einem Karaoke Abend und ich wollte tot umfallen. Tat ich nicht. Ich ging zum Arzt. Bekam Tabletten und 10 Kilo verschwanden fast wieder von allein.

Ungefähr im Jahr 2008 beschloss meine reine Haut, mich zu verlassen und ich bekam schreckliche Akne im Gesicht.

Naja, ich lernte trotz der Kilos und dem schlimmen Gesicht im November 2008 meinen jetzigen Mann kennen und heiratete ihn auch im September 2009.

Geschichte mit Happy End?

Auf jeden Fall ist nicht alles schwarz.

Ich erinnere mich an eine Situation in einem Massage Studio. Für eine Ganzkörpermassage. Mit Öl und so weiter. Klar, dass man sich dafür auszieht. Soll was Schönes und Entspannendes sein. Ich lag also so da und versuchte, mich zu entspannen. Da fragte mich die Frau, sie war grad mit meinen Oberschenkeln beschäftigt, wie viele Kinder ich denn schon hätte. Ich sagte wahrheitsgetreu: Keine. Darauf antwortete sie: Ach wirklich? Mit den Schenkeln hätte ich gedacht, sie hätten mindestens drei. Es war das letzte Mal, dass ich da war. Und es hat Jahre gedauert, bis ich mich wieder traute, mich auf so eine Liege zu legen.

Für meine Hochzeit suchte ich mir ein schönes Kleid aus bzw. eine Korsage und einen Rock. Ich hatte vor dem Einkauf schon schön abgenommen, aber bis zum großen Tag sollten noch ein paar Kilos rollen. Das sagte ich der Verkäuferin auch. Trotzdem weigerte sie sich, mir die Kombi in einer Nummer kleiner zu verkaufen. Bei der letzten Anprobe wurden die Verkäuferin und die Schneiderin vor Ort dann richtig wütend und sagten, wie ich es denn nur wagen konnte, noch abzunehmen. Inzwischen denke ich, sie wollten einfach nur Geld verdienen für die doppelte und dreifache Änderung.

In beiden Situationen waren es Frauen. Und ich frage mich wieso? Wir Frauen sollten doch zusammenhalten. Oder nicht?

Noch heute kämpfe ich wie eine Berserkerin gegen mein Gewicht. Seit Jahren gehöre ich zum Club der Punktezählerinnen. Ich habe in den letzten 18 Monaten 15 Kilo abgenommen. Naja, in den ersten 12 von den 18 habe ich 15 Kilo abgenommen. Seit 6 Monaten Stillstand. Und bei welchem Gewicht? Bei genau dem, was mal mein Ziel war. Ist mir das jetzt schlank genug? Nein. Ist das nicht Wahnsinn und völlig verrückt? Ja! Ich sehe in den Spiegel und sehe diesen Bauch und komme nicht klar darauf. Sorry? Not sorry. Ich kann ihn nicht lieben. Muss ich an Gewicht verlieren? Nein. Aber ich setze diese Zahl auf der Waage gleich mit meinem Bauch, der weg muss. Der mich stört, wenn ich auf der Seite liege. Der mich stört, wenn ich seitlich in den Spiegel schaue.

Und dann sehe ich mein Gesicht. Narben. Vereinzelt immer noch Akne. Pickel immer und immer wieder. Ich habe gelernt, damit umzugehen. Inzwischen mache ich sogar Selfies ungeschminkt und nehme Instagram Storys auf, auch ungeschminkt. Ich mag mich geschminkt. Aber das mache ich nur für besondere Anlässe. Mit meinem Gesicht bin ich im Reinen (großartiges Wortspiel). Und dabei geholfen hat mir tatsächlich Instagram. So oberflächlich diese App auch manchmal ist, wenn man sich mit den richtigen Profilen und Leute dort umgibt, ist es einfach ein großartiges Medium. Mir hat diese App schon sehr geholfen, mehr zu mir selbst und zu mehr Selbstliebe zu finden. Ich habe großen Spaß daran, mich dort zu präsentieren und das Feedback ist meistens richtig großartig. Negatives habe ich dort tatsächlich noch nie erlebt.

Es gab eine Zeit, da stand ich sehr oft vor der Kamera. So hübsch fand ich mich. Fast jeden Samstag und Sonntag stand ich vor der Linse eines anderen Fotografen und habe so viele großartige Bilder gemacht. Von Porträtaufnahmen bis hin zu sehr künstlerischen Aktbildern. Mein Mann erzählte seinen Freunden, ich sei Fotomodel. Heute fast undenkbar.

Fast? Ja, fast. Denn ich will das zurück.

Ich kämpfe jeden Tag mit mir. Und ich habe gute und schlechte Tage. Aber jeden Tag denke ich, großartig was ich bisher erreicht habe. Ich sehe es inzwischen schon lockerer. Etwas. Bin ich angekommen? Kann ich sagen, dass ich mich selber liebe? Manchmal bestimmt.

Vor kurzen habe ich den Film Embrace gesehen. Und ich könnte ihn immer und immer wieder gucken. Ich habe viel geweint während ich ihn sah. Ich finde den Film wirklich großartig. Ich finde diese Frauen alle großartig. Ich wäre gerne mehr wie sie. Ich würde mich gerne mehr selbst lieben.

Ich weiß, was ich kann. Ich weiß, worin ich gut bin. Ich bin auf vieles stolz, was ich erreicht habe und trotzdem scheitere ich immer noch am häufigsten an mir selbst. An meinen Selbstzweifeln.

Ich bin süchtig nach der Bestätigung von anderen und nicht nur, was mein Aussehen betrifft. Und wenn diese Bestätigung nicht kommt, falle ich in ein tiefes Loch und brauche oft Wochen, um da wieder heraus zu kommen.

Drei Dinge die ich an meinem Körper liebe?

Meine Augen. Ich liebe ihre Farbe. Und Brillen stehen mir echt gut.

Meine Hände und Finger. Schreiben ist mein Hobby und sie helfen mir dabei. Und ich liebe es, dass mir ein Ring, den ich mir mal mit vierzehn gekauft habe, immer noch passt und immer gepasst hat in all den Jahren.

Meine Beine. Vielleicht weniger für ihr Aussehen, obwohl sie in einer Skinny eine echt super Figur machen, sondern mehr dafür, dass sie mich durch die Welt tragen. Ich mag Sport nicht besonders. Ich bin kein Yoga Typ oder Fitnessstudio Typ oder Jogging Mensch. Aber ich gehe gerne. Ich laufe einfach gerne zu Fuß. Ich kann stundenlang spazieren gehen. Und meine Beine ermöglichen mir das und deswegen liebe ich sie so. Meinem Hund wäre es manchmal bestimmt lieber, wenn ich weniger gut zu Fuß wäre.

Nach über 2.200 Worten weiß ich nun noch immer nicht, ob ich in dieses Projekt passe. Selbstzweifel, da hätten wir sie wieder.

Ich danke fürs Lesen und wünsche euch einen schönen Sonntag.

Eure Emily“

Von Herzen DANKE für jedes einzelne der 2.200 Worte! UND OB Du in dieses Projekt passt, liebe Emily. Und ich bin mir sicher, dass mir jede(r), der/die Deinen Text liest, zustimmen wird. Ich bin mir sicher, dass Du mit Deiner Geschichte viele Menschen tief im Herzen erreichen wirst.

Wollt auch ihr mitmachen beim Self Love Sunday? Dann einmal hier lang!

Und hier findet ihr die Facebook Gruppe zum Projekt.

Let’s spread some Self Love!