Self Love Sunday #49 – Mariella

Self Love Sunday MariellaMein Herz schlägt jedes Mal einen kleinen Purzelbaum, wenn hier Menschen ihre Geschichte mit uns teilen, die dem Begriff „Selbstliebe“ (beziehungsweise dem, was aktuell daraus gemacht wird), kritisch gegenüber stehen, aber trotzdem Teil des Projekts sind!

Ich halte diese Beiträge für sehr wertvoll und freue mich über alle Maßen, Mariella heute den rosa Teppich ausrollen zu dürfen:

„Zugegebenermaßen habe ich den Self Love Sunday eher zwiegespalten verfolgt. Auf der einen Seite gefällt mir die Intention von Jenny, reale Körper sichtbar machen zu wollen. Auf der anderen Seite hadere ich mit dem Begriff Selbstliebe. In den Body & Mind Medien wird er nahezu inflationär benutzt und manchmal frage ich mich, ob sich jetzt alles nur noch um das Selbst dreht und ob es nicht auch mal schön wäre, mehr die Gemeinschaft in den Fokus zu stellen?

Darüber hinaus geht Selbstliebe für mich über die Körperakzeptanz hinaus, denn die Liebe zu mir selbst möchte ich natürlich nicht nur von meinem Körper abhängig machen. Inzwischen gelingt es mir meistens ganz gut, doch der Weg bis dorthin war nicht immer einfach. Daher habe ich mich doch dazu entschieden, meine Geschichte zu teilen.

Das Thema Bodyshaming trat leider viel zu früh in mein Leben. Ich war gerade so alt, dass ich gut verstehen konnte, was meine Eltern zu mir sagten. Ich weiß jedoch nicht mehr genau, ob ich da 3, 4 oder 5 gewesen bin. Jedenfalls wurde mir gerne und oft die Story erzählt, wie meine Mutter – als sie schwanger mit mir war – zum Gynäkologen ging und dieser zu meinem Bruder gesagt haben soll: „Deine Schwester wird ein ganz schön dicker Brummer.“

Daraufhin wurde immer gelacht. Ich habe mich jedoch geschämt und zu dick gefühlt, ich wollte kein „dicker Brummer“ sein. Somit hatte ich erstmalig das Gefühl, dass mit meinem Körper etwas nicht stimmt, schon so wie er zur Welt gekommen ist (bei einem Geburtsgewicht von ca. 3,7 kg).

Mein Gewicht blieb weiterhin Thema in meinem Umfeld. Während es meinem Vater wichtig war, einen intelligenten Sohn zu haben, war es bei mir als Tochter vor allem wichtig, dass ich hübsch und schlank aussehe. Seine Wunschvorstellung: Ein Akademiker-Sohn und eine Model-Tochter. Mit ca. 9 Jahren wurde ich von ihm auf die Waage gestellt, mit dem Verweis, dass ich mehr auf mein Gewicht achten müsse und weniger essen sollte.

Auch andernorts bekam ich zu hören, dass ich mehr auf meine Figur achten müsse. Wegen einer leichten Skoliose ging ich als Kind regelmäßig zur Physiotherapie. Als ich dort im Alter von 9/10 Jahren mit einer Süßigkeiten-Tüte ankam, sagte meine Physiotherapeutin ich solle mit den Süßigkeiten aufpassen. Das würde alles in meinen Oberschenkeln landen, die ohnehin schon sehr kräftig sind. Das Alter, in dem ich anfing, Diäten zu halten war also gesetzt. Während andere Kinder um mich herum entspannt aßen, hatte ich permanent Angst zuzunehmen. Meine Diätversuche endeten häufig in Essanfällen, was wiederum Schuldgefühle auslöste.

Als Teenager wurde es nicht besser: Ich hatte schon früher wie die meisten meiner Mitschülerinnen einen etwas kurvigeren Körper. Ich erinnere mich wie 2 Jungs, die etwas von mir entfernt saßen, über mich getuschelt haben. Als ich zu ihnen aufschaute, sagte der eine zu mir: „Mariella, du bist ja soooo hässlich.“ Wegen weiterer Vorfälle habe ich mich in dieser Klasse sehr unwohl gefühlt und die Schule gewechselt. Das sollte ein Neuanfang für mich sein. Weil ich mit den Diäten bisher erfolglos war, meldete ich mich zusätzlich mit 15 Jahren im Fitnessstudio an.

Während meine damaligen Klassenkameraden in ihrer Freizeit gechillt oder gefeiert haben, ging ich fortan jeden Tag ins Fitnessstudio. Abgenommen habe ich dadurch nicht, aber durch das viele Training ist mein Körper fester geworden. Mit Einträgen im Jahresbuch wie „macht in der Pause Liegestütze“ oder „Sporty Spice“ konnte ich besser umgehen, als mit den vorherigen Äußerungen. Somit stand auch mein Berufswunsch fest und ich meldete mich für die 2-jährige Berufsschulausbildung zur Fitnessmanagerin an. Auch in der Hoffnung, dass wenn ich nun tagtäglich noch mehr in Bewegung bin, die Pfunde endlich purzeln…

Weit gefehlt, denn ich nahm eher zu als ab. Meine Schuldgefühle nahmen ebenso zu, befeuert durch Aussagen meines damaligen Sportbio-Lehrers. Seine Theorie: Nicht die Gene entscheiden über die Körperform bzw. darüber ob jemand schlank/dick ist, sondern die übernommenen Essgewohnheiten der Eltern und ob man sich davon lösen kann oder nicht. Und Cellulite sei generell ein Problem von zu viel Körperfett. Damals wusste ich natürlich nicht, dass es Studien gibt, die Gegenteiliges beweisen: Wenn etwa Kinder bei Adoptiveltern aufwachsen und dennoch in ihrer Körperform mehr ihren leiblichen Eltern ähneln. Jedenfalls habe ich mich nach der Ausbildung weder fit, noch schlank gefühlt, sondern nach wie vor zu dick und durch das jahrelange übertriebene Sporttreiben traten schon mit Anfang 20 erste Verschleißerscheinungen auf. Es stellte sich sogar heraus, dass ich ein sehr weiches Knorpelgewebe habe und keine „Hüpfkurse“ geben sollte.

Es fand ein Umdenken statt: Ich mochte noch andere berufliche Optionen haben und hatte außerdem eine Rechnung mit meinem Vater offen. Ich wollte ihm zeigen, dass ich als Frau ebenso intelligent bin und ein anständiges Abitur schaffe. Das habe ich dann auch getan und sogar als Jahrgangsbeste abgeschnitten. Den Kontakt zu ihm habe ich trotzdem abgebrochen. In dieser Zeit lernte ich meinen Partner kennen, der meine „Figur-Probleme“ gar nicht nachvollziehen konnte. Ich habe mich zwar meistens am oberen Rand des Normalgewichts bewegt, war jedoch medizinisch gesehen nicht übergewichtig. Durch die Erfolgserlebnisse in der Schule und die körper-positive Partnerschaft habe ich automatisch weniger gegessen und nahm erstmals längerfristig ab. Da ich mich weniger bewegt habe als in den Jahren zuvor und neben der Schule fast nur noch Gesundheitskurse wie Rückenfit oder Pilates gegeben habe, war das für mich umso überraschender.

Nach dem Abitur standen mir einige Türen offen und ich habe in andere Berufe reingeschnuppert. Für mich wurde jedoch bald klar, dass ich meiner ursprünglichen Branche treu bleiben möchte und absolvierte außerdem eine Yoga-Ausbildung. Yoga hat mir geholfen achtsamer mit meinem Körper umzugehen und ich habe gelernt, mich nur noch auf Bewegungen einzulassen, die mir Spaß machen und meinem Körper guttun (Radfahren, Spazierengehen, Pilates, Yoga). Mein Körpergewicht ging zwischenzeitlich hoch, bis auf 75kg und ebenso nach unten, bis auf 60kg. Mein Selbstwertgefühl hing dabei nach wie vor vom Körpergewicht ab.

Irrsinnigerweise hat mir ein Beratungsgespräch bei einem Schönheits-Chirurgen geholfen, meinen Körper anders zu sehen. Ja, ich war wegen meinen immer noch kräftigen Beinen so verzweifelt, dass ich auch vor diesem Schritt nicht mehr zurückschreckte. Er hat mir jedoch ganz sachlich erklärt, warum das Körperfett vermehrt an meinen Oberschenkel-Innenseiten zu finden sei. Meine Hüftgelenke liegen relativ weit außen und die Oberschenkelknochen fallen von dort aus stärker nach innen. Er meinte ich könne froh sein, da ich aufgrund dieser Bauweise keine Reiterhosen bekommen könne. Er hat auch ehrlich gesagt, dass Cellulite so oder so ein Thema bei mir bleiben würde, da ich ein sehr weiches Bindegewebe habe (Knorpelgewebe ist übrigens auch Bindegewebe).

Für mich schloss sich erstmalig ein Kreis. Ich habe nicht mehr mir selbst die Schuld an meiner Körperform gegeben, sondern einfach mal akzeptiert, wie ich zur Welt gekommen bin. Inzwischen mag ich meinen Körper, der wieder weicher und beweglicher geworden ist und ich möchte ihn gar nicht mehr fester machen. Mein Gewicht hat sich in der Mitte eingependelt und ist relativ konstant. Ich besitze nach wie vor eine Waage und ab und zu stelle ich mich darauf. Die Angst vor einer Gewichtszunahme ist immer noch da, aber sie schränkt mich nicht ein. Da die negativen Erfahrungen in meiner Kindheit im Wesentlichen zur meiner jetzigen Berufswahl geführt haben, konnte ich auch damit meinen Frieden schließen. Ich bin dankbar, selbständig als Yogalehrerin und Trainerin arbeiten zu können und kann dabei anderen Menschen zu mehr Wohlbefinden verhelfen.

Zu guter Letzt noch 3 Dinge, die ich an mir mag: Meine Nase, meine Hände und meine Taille. Diese 3 Körperteile sind wohlgeformt und ich liebe sie so wie sie sind!“

Auch wenn für mein persönliches Empfinden alles an Mariellas Körper wohlgeformt ist, möchte ich gleich mehrere blinkende Ausrufezeichen hinter ihr Intro setzen! Wenn ich mir anschaue, wer mittlerweile an Influencern alles auf „Körperakzeptanz“ macht, verliere ich den Glauben an die Menschheit. Ich warte auf das erste Diätkonzept, das sich als Selbstliebe Challenge verkleidet und mit dem Verspechen einer Gewichtsabnahme lockt. Lange wird es vermutlich nicht mehr dauern.

Daher: Lasst uns alle zusammen mit dem Self Love Sunday dagegenhalten! Wollt ihr selbst mitmachen beim Self Love Sunday? Dann einmal hier lang!

Und hier findet ihr die Facebook Gruppe zum Projekt.

Let’s spread some Self Love!