Self Love Sunday #43 – Stephan

Self Love Sunday StephanIch freue mich über(!) alle(!) Maßen(!), dass heute zum vierten Mal ein Mann das Self Love Sunday Schild beziehungsweise Tablet hochhält. Sehr schön. Think before printing und so. Vorhang auf für Stephan:

„Hallo zusammen, mein Name ist Stephan und es ist zwar schon eine Weile her, aber es gab eine Zeit, da habe ich noch fleißig als Feierabendyogi gebloggt.

Den Self Love Sunday habe ich ab der ersten Folge aus dem Augenwinkel mitbekommen, aber nie so richtig beachtet. Das Thema Body Positivity ist für mich so selbstverständlich, dass ich da eigentlich im Detail nicht drüber nachdenke. Oder?

Wenn ich die anderen Teilnehmer dieser Reihe betrachte, dann sehe ich eine Menge unglaublich toller Persönlichkeiten, die jeweils ganz schön mit inneren (und teilweise äußeren) Dämonen zu kämpfen hatten. In meiner Vergangenheit habe ich mich nie übermäßig viel mit meinem eigenen Körperbild auseinandergesetzt. Als Kind war ich ein deutlich übergewichtiges Pummelchen und habe dann in der Pubertät fast den ganzen Bauch verloren – ein Rest in Form eines Waschbärenbauchs blieb bis heute. Sport hat mich in meiner Jugend weniger interessiert, neben etwas halbherzig gespieltem Volleyball galt mein Interesse vielmehr der Musik.

Alles in allem war meine Figur immer im Rahmen und auch heute behauptet zwar die BMI-Skala ich wäre übergewichtig, aber so wirklich stört mich das nicht. Zumindest nicht genug, um über Diäten oder eine Änderung meiner Lebensgewohnheiten nachzudenken.

Es gibt jedoch eine Sache, die hat mich unglaublich lange begleitet. Seit meiner Kindheit bis ich schon längst meinen 30. Geburtstag gefeiert hatte, habe ich immer wieder meine Nägel gekaut. Aus Nervosität. Aus Langeweile. Einfach nur so, weil sie zu lang waren. So genau habe ich die Gründe nie verstanden. Es war fast wie eine Obsession. Dabei hat es mir kaum etwas ausgemacht, dass dies unglaublich schmerzhaft war. Viel schlimmer war die Scham, dass meine Finger so schrecklich anzusehen waren, dass ich quasi immer wieder darauf angesprochen wurde.

Als Folge nahm ich mir vor, niemals meine Finger zu zeigen. Wie selbstverständlich hielt ich meine Finger immer gekrümmt, jedes Mal die Spitzen verborgen vor zufälligen Blicken. Doch natürlich war es unvermeidlich, dass immer mal wieder jemand einen Blick erhaschte. In der Regel war der Ablauf immer gleich. Ein kurzer entsetzter Aufschrei und sorgenvolle Kommentare wie „oh Gott, dass muss ja weh tun“, oder, wenn es gut für mich lief etwas neutraler: „was ist denn mit deinen Fingern los?“

Irgendwann schaffte ich es, mit mir selbst einen Pakt zu machen. Statt zehn Fingern einigte ich mich mit mir selbst, nur noch die kleinen Fingernägel „bearbeiten“ zu dürfen. Diese würden sich viel leichter verstecken lassen und weniger häufige schamvolle Diskussionen hervorrufen. Zum Glück habe ich es mit diesem Trick dann irgendwann geschafft, auch wenn ich bis heute nicht gerne meine Finger zeige. Beim Yoga die Hände auf den Boden beim herabschauenden Hund zu pressen so dass jemand anders sie sehen kann, ist für mich immer noch keine Selbstverständlichkeit.“

Der Self Love Sunday soll aufzeigen, dass alle Frauen (und auch Männer) schon Erfahrungen mit Bodyshaming gesammelt haben, und zwar ganz losgelöst davon, wie sie aussehen. Er soll uns dahingehend sensibilisieren, wie wir Körper beurteilen, bewerten, mit Labels versehen und in Schubladen packen. Er soll uns aufzeigen, was wir mit diesen Beurteilungen und Bewertungen, sofern wir sie laut aussprechen, bei anderen Menschen auslösen und anrichten können und es wäre ganz cool, wenn wir durch den Self Love Sunday irgendwann kollektiv checken, wie facettenreich Schönheit ist.

„Zwei Fähigkeiten sind es, die mich schließlich zu dem gemacht haben, was ich heute bin. Die erste Fähigkeit kam aus dem Yoga. Und aus dem Brasilianischen Jiu-Jitsu. Egal wie unangenehm die Situation ist, ich habe gelernt, mich zu entspannen. Die Situation anzunehmen, mich nicht dagegen zu wehren und nachzuspüren. In der tiefen Vorbeuge ebenso wie wenn mein Gegner mich im Kampf flach auf den Boden drückt und sein Schweiß langsam von seinem auf mein Gesicht tropft. Manche Dinge sind eben unangenehm. Das bedeutet aber noch lange nicht, dass man sie um jeden Preis vermeiden sollte, denn sowohl die Vorbeuge als auch die Position unter meinem Gegner sind grundsätzlich nicht schlimm. Im Gegenteil, sie können Gutes bewirken.

Die zweite – und aus meiner Sicht mit Abstand wichtigste – Fähigkeit ist nicht etwa ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Lange Jahre dachte ich, dass ich nur genug Selbstbewusstsein haben müsste, dann würde alles gut. Im Rahmen einer schmerzvollen Trennung ist mir bewusst geworden, dass es nicht mein Selbstbewusstsein war, dass mir wieder auf die Beine helfen konnte. Ich musste lernen, mir selbst zu verzeihen.

Aus meiner Sicht ist dies die wichtigste Fähigkeit, um sich selbst wirklich zu lieben. Egal ob man fünf Kilo zu viel auf den Hüften hat, seine Fingernägel kaut, die Muskeln zu klein und die Hüften zu groß findet. Wir sind nie fertig mit uns selbst und denken wir, dass wir nun endlich fit genug sind, kommt irgendwer durch die Sauna-Tür und lässt uns aussehen wie Homer Simpson nach drei Wochen All-Inclusive Urlaub. Wirklich mit sich selbst im Reinen kann man nur sein, wenn man sich selbst zugesteht, Fehler zu machen und nicht perfekt zu sein. Was immer das auch heißen mag.

Sicherlich bin ich weit weg davon, beide Fähigkeiten immer nutzen zu können. Es gibt diverse Situationen, in denen mein Fluchtreflex einsetzt und ich meine Finger nicht zu zeigen wage oder wo ich mich dann doch noch abends ins Fitness-Studio schleppe, weil ich gerne ansatzweise so aussehen möchte, wie die Mittzwanziger in meiner Instagram-Timeline. Das ist aber ok für mich, denn niemand ist perfekt und zufrieden sein ist kein Zeitpunkt. Es ist eine Einstellung.

Zum Abschluss die drei Dinge, die ich an mir schön finde:

1. Meine Haare – alle meine männlichen Verwandten haben ihr Haupthaar schon früh verabschieden müssen, daher bin ich mehr als glücklich, dass ich die Wahl habe ob kurz oder lang.
2. Mein Hintern – der ist vergleichsweise straff.
3. Mein Rücken – einigermaßen breit und ebenso recht kräftig und dankenswerterweise deutlich weniger behaart als mein Kopf.“

Ich verneige mich vor Stephan und bin aktuell wieder auf weitere Freiwillige angewiesen, damit das Projekt weitergehen kann! Wollt ihr selbst mitmachen beim Self Love Sunday? Dann einmal hier lang.

Let’s spread some Self Love!