Zu fett, zu faul und zu undiszipliniert? Wir müssen mal über Körperakzeptanz reden.

Bodyshaming und KörperakzeptanzIch werfe heute aus gegebenem Anlass mal eben den Redaktionsplan über den Haufen, denn wie ihr wisst, liegt diese Thematik mir sehr am Herzen.

Körperakzeptanz ist die deutsche Übersetzung von „Body Positivity“ und zugegebenermaßen eine sehr radikale Angelegenheit, denn wie der Begriff ja schon vermuten lässt, geht es darum, alle Körper zu akzeptieren.

Zum Einstieg möchte ich ein Bild benutzen. Stellt euch einfach mal einen Wald vor. Schließt gerne für einen Moment eure Augen und achtet darauf, was ihr dann seht. Für gewöhnlich werden es große Bäume sein und kleine Bäume. Sehr stabile Bäume und mickrige. Es gibt Bäume mit einem richtig fetten Stamm und solche, die sich im Wind biegen, weil sie eher zart sind.

Ihr könnt euch ebenso gut eine Blumenwiese anschauen oder schnorcheln gehen. Was ihr sehen werdet, ist immer, und zwar ausnahmslos: Fülle! Googelt mal ein Bild vom Sonnensystem und schaut euch die Planeten an. Wäre es nicht vollkommen absurd, wenn wir Merkur oder Mars attraktiver finden als Jupiter, weil Jupiter fetter ist?

Dummerweise leben wir in einer Welt, in der diese Fülle, bezogen auf uns Menschen, inakzeptabel ist. Dabei verhält es sich mit uns genau wie mit allem anderen. Es gibt große Menschen und kleine Menschen. Dicke Menschen und dünne Menschen. Schlacksige Menschen und athletische Menschen. Im Prinzip ist es wie mit den Bäumen, den Blumen, der Unterwasserwelt oder den Planeten. Was uns von alledem unterscheidet ist eine milliardenschwere Diätindustrie, die uns einen genormten Körper als Schönheitsideal verkauft: Und dieses Schönheitsideal ist im Jahr 2018 ein dünner und trainierter Körper. Das spielt allen Menschen, die mit einem athletischen Körperbau unterwegs sind, in die Karten und verleitet alle anderen dazu, sich in Richtung dieses Ideals zu optimieren.

Aber, liebe Leute: Ganz egal, wie hart ein schlacksiger Mensch trainiert oder wie wenig ein dicker Mensch isst und sich bewegt: Wer dünn und athletisch aussehen will, muss Tag für Tag etwas dafür tun, bestimmte Regeln befolgen, sich Verboten unterordnen und ganz wichtig: sich dauerhaft kontrollieren. Sobald diese Kontrolle nachlässt (wir sind alle keine Maschinen, daher lässt sie irgendwann immer nach), und der Körper sich wieder in seinen natürlichen Zustand „zurückentwickelt“, gilt das gesellschaftlich als disziplinlos und faul. Hinzu kommt, dass nicht selten die Gesundheitskeule geschwungen wird. Dass dicke Menschen per se ungesund und dünne Menschen gesund sind, ist widerlegter Bullshit, in den Köpfen und den Social Media Feeds aber ein immer wieder gerne gewähltes Totschlagargument.

Nun ist es so, dass sich immer mehr Menschen gegen dieses kranke System auflehnen, sich und ihre vom „Ideal“ abweichenden Körper zeigen und die radikale Akzeptanz aller Körperformen und Staturen einfordern.

Da ich mich vor wenigen Tagen selbst mit dem Vorwurf konfrontiert sah, nicht „mein volles Potential auszuschöpfen“ und mir als gut gemeinter Ratschlag empfohlen wurde, mich nicht länger auf dem Begriff der Selbstliebe auszuruhen und mich gehen zu lassen, sondern mich stattdessen gesund zu ernähren und Sport zu treiben, möchte ich die Gelegenheit nutzen und meinen Standpunkt in dieser Sache nochmal klar machen:

Zum einen kommuniziere ich nicht nach außen, wie ich mich ganz konkret ernähre. Es gibt keine „What I eat in a week“- Videos von mir. Ich kommuniziere lediglich, dass ich vegetarisch unterwegs bin und nichts von Verboten halte. Ebenso wenig kommuniziere ich mein Sport- oder Bewegungspensum. (Abgesehen von gelegentlichen Yogastudio Reviews.) Mir zu unterstellen, ich würde mich schlecht ernähren und mich nicht bewegen, halte ich für gewagt.

Ich sehe meinen Körper nicht als Trophäe oder Schmuckstück. Ich benutze ihn auch nicht, um auf Social Media Kanälen Klicks und Herzchen zu generieren. In den vergangenen 38 Jahren hat er mich zuverlässig durch’s Leben getragen. Während meiner Schiffszeit, als ich nur fettiges Crew Essen zu mir nehmen konnte, war er ein paar Kilo schwerer und während einer Wohnungssanierung mit definitiv zu harter körperlicher Arbeit ein paar Kilo leichter. Er ist in der Lage, sich perfekt auf äußere Umstände einzustellen und weil ich das sehr zu schätzen weiss, haben wir ein ziemlich okayes Verhältnis. Dennoch würde ich lügen, wenn ich behaupten würde, dass ein solcher Kommentar mich nicht verletzt. Nicht auszudenken, was solch‘ ein „gut gemeinter“ Ratschlag mit essgestörten Menschen anrichtet. Oder Menschen, die weniger stabil sind als ich.

Gerade, weil ich im Großen und Ganzen fein bin mit dem Körper, der mich so zuverlässig durch’s Leben trägt, würde mir nie in den Sinn kommen, andere Menschen aufgrund von Äußerlichkeiten in irgendeiner Form zu bewerten. Falls ihr selbst zu diesen Menschen gehört, die Gehässigkeiten verteilen, solltet ihr euch mal Gedanken darüber machen, dass sowas schwerwiegende Folgen haben kann – je nachdem, auf wen sie treffen. Und falls euch selbst mal jemand so einen gut gemeinten Rat mit auf den Weg gibt, ruft euch bitte unbedingt den folgenden Satz in’s Gedächtnis: Was Peter über Paul sagt, sagt mehr über Peter als über Paul.

Das Verhalten eines Menschen mir gegenüber sagt also immer etwas über ihn aus. Und nie über mich. Wie ich jedoch darauf reagiere, sprich welche Gefühle es in mir auslöst und welches Verhalten diese Gefühle zur Folge hat, hat immer etwas mit mir zu tun und nie mit dem anderen.

Ich finde mich sehr okay. Und weil ich mir wünsche, dass noch viel mehr Menschen da draußen sich sehr okay finden, vertrete ich hier auf I LOVE SPA diese radikale Haltung der Körperakzeptanz. Wie facettenreich Schönheit ist, könnt ihr euch mit dem Self Love Sunday vor Augen führen.

Bodyshaming ist allgegenwärtig. Falls ihr selbst betroffen seid, vergesst bitte nie: Ihr seid scheissegroßartig, und zwar ganz egal, wie ihr ausseht. Euer Wert lässt sich weder anhand eines Thigh Gap ermitteln, noch anhand von Instagram Likes.

Lasst euch von niemandem irgendwas anderes erzählen.

Jenny