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Sexuelle Grenzüberschreitungen öffentlich machen – der aktuelle Fall in Bremen

21/03/2018

Sexuelle Belästigung Masseur BremenDer Artikel über meine erste Erfahrung mit sexueller Belästigung durch einen männlichen Masseur liegt mittlerweile ziemlich genau 3 Jahre zurück. Seitdem erreichen mich wöchentlich Emails von betroffenen Frauen. Nachdem die Huffington Post besagten Artikel zweitveröffentlicht hatte, war ich astreinem Victim Blaming ausgesetzt – auch und vor allem durch Frauen. Das war der Zeitpunkt, an dem ich beschlossen hatte, das Thema nicht weiter öffentlich zu behandeln.

Ich erstellte jedoch eine Subpage, auf der Betroffene landen, wenn sie nach sexueller Belästigung bei der Massage googeln – in der Hoffnung, diese Frauen ein Stück weit aufzufangen. Diese Subpage habe ich ganz bewusst nicht auf der Hauptseite platziert. Dennoch wurde der Artikel, in dem ich meine eigene Erfahrung schildere, mittlerweile mehr als 60.000(!) mal gelesen.

In Anbetracht dieser Zahl möchte ich kotzen, wenn sich Spa Manager oder Day Spa Betreiber mir gegenüber dahingehend äußern, als dass sowas bei ihnen auf keinen Fall passiert. Der Interaktion mit betroffenen Frauen nach zu urteilen, sind sexuelle Grenzüberschreitungen im Treatmentraum an der Tagesordnung und der heutige Artikel soll allen Betroffenen Mut machen, das Erlebte nicht länger für sich zu behalten.

Vorletzte Woche erreichte mich die Email einer jungen Frau aus Bremen, die den Link zu einem offenen Brief an einen Masseur enthielt. Besagter offener Brief hatte zur Folge, dass sowohl die taz Nord, als auch buten un binnen einen Artikel zu dem Fall veröffentlichte. Da es sich in beiden Fällen aber eher um regionale Berichterstattung handelt, möchte ich das Thema hier und heute auch nochmal aufgreifen, denn der aktuelle Fall in Bremen zeigt, dass ein Arschloch, das Grenzen überschreitet, aus dem Verkehr gezogen werden kann, sobald nur eine Frau ihr Schweigen bricht.

Die junge Frau, mit der ich nach wie vor in Kontakt stehe, schilderte mir, dass der beschuldigte „Masseur“ und Saunabetreiber in der Vergangenheit über sein privates Facebook Profil scheinbar planlos Freundschaftsanfragen an Frauen verschickt hat und erklärte mir, dass sein privates Profil dem seiner Sauna Facebook Fanpage zum Verwechseln ähnlich sah. Da sie ihn nicht kannte, löschte sie die Anfrage, hatte aber irgendwann einen Post der Sauna Fanpage in ihrem Newsfeed, in dem es um eine Neujahrsmeditation ging.

Da sie sich für Meditation interessierte, fragte sie über die Facebook Fanpage an, ob sie ohne Termin an der Meditation teilnehmen könne – und erhielt prompt erneut eine private Freundschaftsanfrage des „Masseurs“. Er schrieb ihr, dass sie herzlich eingeladen sei und bot ihr ein Package aus Meditation, Sauna und einer ayurvedischen Massage an. Da die junge Frau ein anstrengendes Jahr hinter sich hatte, beschloss sie, sich etwas Gutes zu tun und entschied sich für das Package.

Während der Massage bezog der „Masseur“ dann sehr schnell Körperpartien mit ein, die nichts mit einer ayurvedischen Massage zu tun haben und dann passierte, was in solchen Situationen fast immer passiert: Die junge Frau „fror ein“  und war handlungsunfähig. (Was es mit diesem Verhalten ganz konkret auf sich hat, könnt ihr hier nachlesen.) Ich möchte an dieser Stelle nicht beschreiben, wie die Grenzüberschreitung ganz konkret aussah, denn meine Intention des heutigen Artikels ist keine Nacherzählung eines Straftatbestandes. Was das Ausmaß aber vielleicht ganz gut auf den Punkt bringt: Mittlerweile haben mehr als 25 betroffene Frauen ihr Schweigen gebrochen. Einige von ihnen wurden vergewaltigt. Es liegen bereits 11 Strafanzeigen vor und die Staatsanwaltschaft hat die Ermittlungen aufgenommen.

Im Anschluss an die Massage erhielt die junge Frau Direktnachrichten über Facebook. In diesen Nachrichten teilte der „Masseur“ ihr mit, wie schön es für ihn war und dass sie eine tolle Energie habe. Er bot ihr Gratismassagen außerhalb der Öffnungszeiten an und schrieb, er sei vergeben. Sie müsse sich keine Sorgen machen. Die junge Frau entfreundete den „Masseur“, googelte angewidert die Sauna und stieß auf Erfahrungsberichte, die ihrem eigenen sehr ähnlich waren.

Das Erlebte holte sie in den darauf folgenden Tagen immer wieder ein. Also vertraute sie sich Freundinnen an und erfuhr so, dass es noch sehr viel mehr Betroffene gibt. Sie verschickten eine Rund-SMS, um andere Frauen zu warnen und so kam der Stein in’s Rollen.

Ich möchte mich vor dem Mut und der Kraft dieser jungen Frau verneigen, denn ich weiss aus eigener Erfahrung, mit wie viel Anstrengung es verbunden ist, eine sexuelle Grenzüberschreitung öffentlich zu machen. Aber ihr Mut wurde belohnt! Die Facebook Fanpage der Sauna ist mittlerweile offline und auch das Massageangebot auf der Website ist gänzlich verschwunden.

Mich erreichten in der vergangenen Woche zahlreiche Interviewanfragen zum Thema „Sexuelle Grenzüberschreitungen bei der Massage“. Ich habe nicht darauf reagiert, möchte den aktuellen Fall in Bremen aber zum Anlass nehmen, allen betroffenen Frauen Mut zu machen, ihr Schweigen zu brechen. Denn ich weiss, dass es auch in Dortmund, Hannover und Nürnberg (will heissen: überall) betroffene Frauen gibt. Ganz egal, wie lange eure eigene Erfahrung zurückliegt – im Fall Bremen liegt die älteste derzeit bekannte Straftat in dieser Sache bereits 4 Jahre zurück: Vielleicht vertraut ihr euch im ersten Schritt Freundinnen an oder sucht eine Beratungsstelle auf. Denn euch trifft keinerlei Schuld. In den meisten Fällen wird ein Behandler nicht nur einmalig übergriffig. Ihr seid also nicht alleine!

Nachdem die junge Frau sich ihren Freundinnen anvertraut hatte, wandte sie sich an das deutschlandweite Hilfetelefon für Gewalt gegen Frauen. Dort wurden ihr 3 Adressen in Bremen genannt, an die sich sich wenden konnte. Sie entschied sich für Notruf Bremen und erzählte mir, dass man ihr dort die Angst genommen und ihr Mut zugesprochen hat, was in dieser Situation sehr gut tat. Und auch bei der Polizeibeamtin, mit der sie im nächsten Schritt zu tun hatte, hat sie sich sehr gut aufgehoben gefühlt. Falls ihr selbst betroffen seid und nicht wisst, an wen ihr euch wenden sollt, ist das Hilfetelefon für Gewalt gegen Frauen sicherlich eine gute, erste Anlaufstelle.

Ich wünsche allen Betroffenen viel Mut und Kraft und ich wünsche mir mindestens genauso sehr, dass Behandler, die Grenzen überschreiten, sich zukünftig nicht länger darauf ausruhen können, dass die Opfer aufgrund von Schuldgefühlen das Erlebte für sich behalten.

Jenny

4 Kommentare

Kommentar von Olivia am 21/03/2018 bei 08:37   

Jenny du bist großartig!

Kommentar von I LOVE SPA am 21/03/2018 bei 10:04   

Oh wow, danke Dir!

Kommentar von Ute am 27/03/2018 bei 00:00   

Hallo Jenny, Es ist unfassbar, aber wahr. Ich fühle mich sehr schlecht, denn ich hätte die Möglichkeit gehabt ihn 1996 anzuzeigen. Habe es aber nicht getan weil ich die falschen Berater hatte, auch eine Anwältin (belgisches Recht). Leider kann ich heute damit nicht zur Polizei weil ich nicht selbst betroffen war. Die Person hat es mir ausdrücklich untersagt. Ich hoffe sehr dass viele Frauen den Mut fassen und den Missbrauch zur Anzeige bringen. Ich bin über mich selbst verzweifelt, ich hätte mich durchsetzen müssen. Angeblich hat er damals eine Therapie gemacht und ich hätte nicht im Leben daran gedacht dass sich das ganze über Jahre/ Jahrzehnte hinwegsetzt. Es tut mir sehr leid für alle Betroffenen. Wenn Du meine Mail sehen kannst, bin ich bereit einen privaten Kontakt fortzusetzen, ich kann leider nicht anders.

Kommentar von I LOVE SPA am 27/03/2018 bei 01:18   

Lieben Dank für Deine Nachricht. Ich schreibe Dir gleich eine Email und wenn du magst, vernetze ich dich mit den Betroffenen <3

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