Self Love Sunday #39 – Suzanne

Self Love Sunday SuzanneSeid ihr bereit für den bisher längsten Beitrag zum Self Love Sunday? Heute erzählt Suzanne euch ihre Geschichte in über 10.000 Zeichen und genau wie in der vergangenen Woche, könnte ich es nicht besser auf den Punkt bringen:

„Selflove Sunday! Juhuuuu! Schon seit Monaten lag das Selflove Sunday-PDF ausgedruckt in meiner Schreibtisch-Ablage. Ganz unten, irgendwann. Als dann Jenny vor kurzem einen Aufruf postete, dass sie dringend Teilnehmer*innen suchte, wusste ich: Das ist MEIN Zeichen!

Gesehen, gesagt, getan. Hier bin ich. Über mein Verhältnis zu meinem Körper, das den Großteil meiner fast 35 Lebensjahre über ein eher schwieriges war, könnte ich einen Roman schreiben. Aber ich versuche, mich kurz zu fassen…

Tatsächlich erinnere ich mich dunkel daran, dass ich mich schon in der Grundschule zu dick fühlte, obwohl ich es nicht war. So richtig los ging der Wahn bei mir in der siebten oder achten Klasse. Da lernten wir in der Schule in Bio etwas über den Energieumsatz des Körpers. Wie viele Kalorien man braucht, wie viele Kalorien bestimmte Nahrungsmittel haben und so. (Meiner Meinung nach übrigens nicht unbedingt etwas, das auf den Lehrplan gehört.) Bei mir löste dieses Wissen jedenfalls einen Diätwahn aus, der mich ab 13, 14 Jahren bis ca. Ende 20 begleiten sollte.

Phasenweise notierte ich mir jede verzehrte Kalorie akribisch und wenn es „zu viele“ waren, hatte ich ein extrem schlechtes Gewissen, versuchte, durch Sport „auszugleichen“ oder am nächsten Tag wieder weniger zu essen. Nach meiner Teeniezeit führte ich nicht mehr über Kalorien Buch, aber im Kopf habe ich noch viele Jahre ständig mitgerechnet und mich damit unglaublich unter Druck gesetzt.

Der Körperwahn ging also fröhlich weiter, was sich auch in meinen sportlichen Aktivitäten zeigte. Ich habe „Sport“ lange Zeit nicht aus Freude gemacht, sondern immer entweder, um abzunehmen oder um nicht zuzunehmen. 10 km und mehr joggen, 4 mal die Woche Bahnen ziehen im Schwimmbad, Fitness-Studio, Seilspringen und Crunches zuhause… ich hatte sie alle.

Meine Sportarten wechselten oft und so richtig Spaß hatte ich selten dabei. Daher hatte ich auch immer wieder Phasen, in denen ich einfach gar keinen Sport gemacht habe, mich nicht ausreichend bewegt habe und dann natürlich immer ordentlich an Gewicht zugelegt habe. Das wurde noch dadurch verstärkt, dass ich oft auch gegessen habe, um seelische/psychische Schwierigkeiten zu kompensieren. Das heißt, ich habe oft weit über meinen Hunger hinaus gegessen, um mit dem Essen positive Gefühle hervorzurufen bzw. negative Emotionen zu betäuben. (Das war mir natürlich so damals nicht bewusst.) Leckeres Essen war für mich immer Beruhigung, Geborgenheit, Zuhause. Manchmal habe ich heimlich Massen an belegten Broten oder Nudeln in mich reingestopft.

Durch diese sehr unterschiedlichen Phasen zwischen „Extremsport“ und Frustmampferei schwankte mein Gewicht in meinen Zwanzigern „fröhlich“ (nicht!) zwischen kurz über 60 und kurz vor 90 Kilo. Richtig gut und frei habe ich mich dabei nie gefühlt – egal, wie viel oder wenig ich gerade wog.

Trotzdem war es nicht so, dass mein Leben sich hauptsächlich um diese Zwänge drehte. Meine 20er waren ne super Zeit, mit viel Spaß am Feiern, Studieren und Reisen – aber es war halt immer ein gewisses Unwohlsein, eine Unfreiheit, etwas Zwanghaftes dabei, wenn es um Essen, Bewegung oder meinen Körper ging. Ich fühlte mich meist nicht schlank genug und oft auch „schuldig“ aufgrund meines Essverhaltens oder wegen zu wenig Sport.

Zum ersten Mal hat sich an diesen Denk- und Verhaltensmustern so richtig was verändert, als ich 2011/2012 knapp 5 Monate mit einer Freundin in Indien und Südafrika reisen war. Das war so aufregend, dass ich irgendwie aufgehört habe, mir über das Essen wirklich Gedanken zu machen. Aus purer Lebensfreude nahm ich auf der Reise 10 Kilo ab, ohne dafür gezielt etwas zu tun. (Ok, die typischen indischen Magen- und Darmprobleme trugen auch ihren Teil dazu bei.)

Durch meine eher erfolglosen, aber durchaus leidenschaftlichen Surf-Versuche und allgemein viel Bewegung auf der Reise war mein Körper außerdem für meine Verhältnisse relativ durchtrainiert. So wohl wie am Ende dieser Reise hatte ich mich noch nie zuvor in meinem Körper gefühlt. Das legte zum ersten Mal einen Schalter in meinem Kopf um und sprengte meinen bis dahin regierenden Glaubenssatz, der da lautete: „Sich in seinem Körper wohlfühlen und sich gerne im Spiegel anschauen, bedeutet Entbehrung und Schinderei.“

Als ich wieder in Deutschland war, wurde mein Essverhalten zwar nie wieder so zwanghaft wie vor der Reise, aber so ganz frei und selbstliebend war ich dann doch noch nicht. Denn nun wollte ich meine Figur, die mir so gut gefiel, unbedingt halten und hatte ständig Angst, zuzunehmen. Also wieder Selbsthass-Joggerei. Das ging auch genau so lange „gut“, bis ich Ende 2014 in eine tiefe persönliche Krise stürzte und mich immer weniger bewegte und wohl auch wieder mehr aß. Also ging das Gewicht 2015 wieder rauf und ich sehnte mich von nun an nach meinem Reisekörper zurück. Noch immer hatte ich nicht wirklich kapiert, dass ich gut und liebenswert bin, egal, wie mein Körper aussieht.“

Der Self Love Sunday soll aufzeigen, dass alle Frauen (und auch Männer) schon Erfahrungen mit Bodyshaming gesammelt haben, und zwar ganz losgelöst davon, wie sie aussehen. Er soll uns dahingehend sensibilisieren, wie wir Körper beurteilen, bewerten, mit Labels versehen und in Schubladen packen. Er soll uns aufzeigen, was wir mit diesen Beurteilungen und Bewertungen, sofern wir sie laut aussprechen, bei anderen Menschen auslösen und anrichten können und es wäre ganz cool, wenn wir durch den Self Love Sunday irgendwann kollektiv checken, wie facettenreich Schönheit ist.

„Der tatsächliche, bis heute haltende Wendepunkt kam dann etwa vor zwei Jahren, Anfang 2016. Damals sagte eine Mentorin sinngemäß die folgenden Worte zu mir: „Du darfst Dein Lebensglück nicht davon abhängig machen, wie Dein Körper aussieht oder wie viele Kilos die Waage gerade anzeigt. Du musst lernen, Dich komplett so anzunehmen und zu lieben, wie Du jetzt gerade bist. Alles andere kommt danach.

Das saß. Vielleicht hatte ich das schon zuvor gehört, vielleicht auch nicht. Aber genau zu diesem Zeitpunkt kapierte ich es endlich. Vor zwei Jahren entschied ich mich endlich ganz bewusst dafür, mich und meinen Körper nicht mehr abwertend zu betrachten. Ich entschied mich dafür, dass ich die weit verbreiteten verachtenden Maßstäbe zur Beurteilung von Menschen und ihrer Körper nicht mehr unterstützen würde. Ich entschied mich dafür, mich voll und ganz anzunehmen, so wie ich bin – egal, wer das wie bewertet. Ich nahm mir fest vor, keinen durch Selbsthass/Angst motivierten Sport mehr zu machen.

Klar ging das dann nicht über Nacht. Es war kein einfacher Prozess, denn das strengste Urteil fällen ja meist wir selbst über uns. Aber ich kann wirklich sagen: Diese Entscheidung aus tiefstem Herzen, meinen Körper anzunehmen und zu ehren, war der Wendepunkt in meinem bis dahin schwierigen Verhältnis zu meinem Körper, das heute ein weitestgehend liebevolles ist.

Radikale Selbstakzeptanz ist für mich der Ausgangspunkt für jegliche Veränderung – egal, worum es geht. Selbsthass bringt wirklich gar nichts. Nie. Liebevoll annehmen, was ist und dann weiterschauen, was man in einer liebevollen Haltung vielleicht noch verändern möchte/kann.

In den letzten drei Jahren hat sich in meinem Leben unglaublich viel verändert und ich habe mir meine belastenden Themen ganzheitlich angeschaut. Inzwischen bin ich im Reinen mit meinem Körper. Ich bin so dankbar für dieses Wunderwerk, das mich jeden Tag zuverlässig durch die Welt trägt. Ich bewege mich ausschließlich so, wie es mir Spaß macht – Tanzen, Yoga, Radfahren, Spazierengehen. Ich mache so gut wie nichts in meinem Leben, worauf ich keine Lust habe.

Ich esse immer noch total gerne und gerne auch mal viel, aber inzwischen schaue ich mir meine emotionalen Themen bewusst an, anstatt zu versuchen, sie mit Essen zu verdrängen. Es kommt trotzdem vor, dass ich deutlich gesteigerten Appetit habe, wenn es mir emotional mal nicht so gut geht. Aber ich bin dem heute nicht mehr „hilflos“ ausgeliefert und kann dann meist auch auf andere Art für Entspannung sorgen, als nur durch Essen. Und wenn es doch mal die eine oder andere Portion mehr von irgendwas ist, macht das auch nichts. Zunehmen möchte ich zwar nicht unbedingt, aber ich weiß: Ich kann mich auch lieben, wenn ich mehr wiege. Das nimmt viel Druck raus.

An meinem Körper mag ich heute eigentlich alles. Es gibt nichts, was ich verändern würde, wenn die sprichwörtliche „gute Fee“ mit den drei Wünschen auftauchen würde. Besonders gerne mag ich aber meine Augen, meine Haare, meine Schultern, meine Taille… eigentlich meinen ganzen Oberkörper.

Jetzt, wo ich mit meinem Körper, mit Essen und Bewegung endlich eine liebe- und freudvolle Beziehung führe, ist meine Anti-Bodyshaming und Pro-Selbstliebe-Reise aber lange nicht zu Ende. Ich finde, besonders Frauen werden immer noch in viel zu enge Korsetts gezwängt und nach wie vor übel abwertend beurteilt, auch wenn Body Positivity gaaanz langsam ihren Weg in den Mainstream findet.

Letztes Jahr habe ich sozusagen „aus Protest“ aufgehört, meine Bikinizone zu enthaaren. Ich fand das immer irgendwie lästig und anstrengend und irgendwie hab ich eh immer Haare übersehen und mich dann am Strand/im Freibad doch wieder geschämt. Da dachte ich mir: „Ich kann auch gleich die Haare sprießen lassen, warum soll ich mir den Stress eigentlich geben?“ Ich muss zugeben, dass mich das selbst herausfordert… so sehr wurde die natürliche Körperbehaarung von Frauen über die Zeit abgewertet, dass selbst eine überzeugte Feministin und Selbstliebe-Verfechterin wie ich es bin, damit zu kämpfen hat. Schon krass, oder?

Was ich in dem Zusammenhang auch heftig finde, ist, wie Frauen sich nach wie vor gegenseitig einschränken und beurteilen. Da wird dann immer wieder öffentlich diskutiert, welche Behaarung „eklig“ (ich verdrehe gerade die Augen) ist und welche akzeptabel und, und, und. Ich sage: Jede so, wie es ihr (wirklich!) gefällt, so wie sie Bock hat. (Körper-) Freiheit für alle!

So, das war’s mit meinem Roman. Ist ja jetzt doch ganz schön lang geworden… Ich wünsche Euch allen einen zauberhaften Selflove Sunday und danke Jenny von Herzen für dieses wichtige Format!“

Ich verneige mich vor Suzannes Worten und ihrer Message, aber ihr könnt das auch! Wollt ihr selbst mitmachen beim Self Love Sunday? Dann einmal hier lang.

Let’s spread some Self Love!