Self Love Sunday #32 – Noemi

Self Love Sunday NoemiIch muss zu meiner Schande gestehen, dass ich erst kürzlich durch einen Post in der Food ’n‘ Love Facebook Gruppe auf Noemi und ihren Blog She Is All Smiles aufmerksam wurde.

Ihre Initiative #ichunvorteilhaft ist absolut grandios und es lohnt sich ganz unbedingt, bei ihr mal ein bisschen quer zu lesen. Check! Ich freue mich also wie ein Sojaschnitzel, dass ich Noemi für den Self Love Sunday dingfest machen konnte!

„Ich verfolge den Selflove Sunday schon seit Beginn, hab‘ mir aber immer gedacht „Ach, soweit bist du noch nicht!“. Als Jenny schließlich bei mir anfragte und meinte, sie sei immer wieder auf der Suche nach Leuten, die mitmachen, nahm ich das als Zeichen, mich doch zu trauen. Ich bin grade nicht besonders fit, nicht braun gebrannt und wiege wieder etwas mehr, glaube ich – aber was soll’s, jetzt erst recht!

Dieses Denken, dass ich etwas erst machen kann, wenn ich xy Kilo abgenommen habe oder so und so aussehe, hat mich jahrelang begleitet. Es fing mit etwa 11 Jahren an, dass ich mich zu dick fand. Damals notierte ich in meinem Tagebuch, dass ich abnehmen und mich selbst „verbessern“ will. Im Rückblick kann ich sagen, dass ich nicht dick war, sondern normal, aber eben auch nicht total dünn. Leider reichte das für viele KlassenkameradInnen, um auf mir rumzuhacken und mich auszuschließen. Ich werde nie vergessen, wie mir mit 14 ein Junge sagte, dass ich ja „ganz schön dicke Beine hätte für so kleine Füße.“ Na danke auch!

Ich begann damals, mit Abführmitteln und Almased abzunehmen. Ich zwang mich, ekelhaft schmeckendes Glaubersalz in Wasser, dieses nach nichts schmeckende Pulver und ungewürzte Gemüsebrühe zu mir zu nehmen. Aber wie das mit solchen Extremdiäten so ist: Die ersten Erfolge hielten nur kurz an und ich nahm alles wieder zu und noch mehr obendrauf.

Ab da lebte ich einerseits in dem ständigen Tagtraum, wieder abzunehmen und endlich „schön“ zu sein, andererseits begann ich, mich in weiten Klamotten zu verstecken, um den anderen keine Angriffsfläche zu bieten. Die Zeit, die andere als „Sweet Sixteen“ beschreiben, war mein Tiefpunkt. Ich nahm immer weiter zu und entwickelte eine Binge-Eating-Essstörung, ging kaum noch raus.

Mein Geld gab ich für Süßigkeiten aus, die ich heimlich in meinem Zimmer aß, um meiner Mutter keine Sorgen zu bereiten. Ich aß und aß und aß, nur Erbrechen klappte (Gott sei Dank) nicht, deshalb ging mein Gewicht immer weiter nach oben und ich wurde zusehends unglücklicher. Lediglich meine Freunde aus dem Jugendzentrum hielten mich davon ab, mich komplett einzuigeln. Ich flüchtete mich in die Geborgenheit meiner Subkultur und wurde Punk. Damit musste ich auch nicht mehr „schön aussehen“, denn das ist in der Szene eh verpönt.

Irgendwann stieg ich morgens auf die Waage und sie zeigte ein Gewicht an, bei dem ich wirklich schockiert war. Ich möchte keinesfalls sagen, dass jemand nicht mit diesem Gewicht zufrieden sein kann. Aber für mich war es die Konsequenz großen Unglücks und Kummer, den ich mit mir hatte. Ich sah mich im Spiegel an und stellte fest, dass die Dehnungsstreifen, die bereits meinen Unterbauch, meine Oberschenkel und Arme bedeckten, sich auch auf den Oberbauch ausbreiteten.

Ich war dabei, buchstäblich aus meiner Haut herauszuwachsen. Da beschloss ich, dass es genug sei und begann, weniger zu essen. Ich glaube heute, mein Körper war erleichtert. Das war nicht das Gewicht, das meinem Körper gut tat. Die nächsten drei Jahren nahm ich 30 Kilo ab, indem ich hier und da verzichtete und weniger aß. Langsam, aber stetig.

Mit der Abnahme stieg mein Selbstbewusstsein endlich wieder. Ich fand mich zum ersten Mal schön und sexy! Da war ich 20. Ich fing an, alles nachzuholen, was ich mir die Jahre zuvor verwehrt hatte. Ich ging in die Disco, ich hatte Sex und ich genoss unbeschwert meine Jugend. Trotzdem war mit meinem Körpergefühl immer noch nicht alles okay. Ich hatte weiterhin sporadische Fressanfälle. Es sollte weitere Jahre dauern, bis ich Sport als Selbstzweck in mein Leben integrierte und noch einige Jahre mehr, bis ich tatsächlich aufhörte, Kalorien zu zählen und mich so zu akzeptieren wie ich bin. In Babysteps ließ ich alles hinter mir: Meine Kalorien-Apps. Meine Waage. Meine Pulsuhr mit Kalorientracker.

Am meisten hat mir dabei geholfen, dass ich irgendwann den Mut hatte, mit dem Intuitiven Essen anzufangen. Intuitiv Essen heißt, dem Körper zu vertrauen und zu essen, was und wann man möchte. Das mag für Außenstehende unverständlich und total normal sein, aber: Für Menschen, die jahrelang Diät halten, kann das total schwer sein. Ich kannte das Konzept jahrelang, bevor ich tatsächlich bereit war, es zu versuchen und die Kontrolle abzugeben.

Zu diesem Zeitpunkt hatte ich wieder erfolglos versucht, mit Kalorien zählen abzunehmen und war über jeden Tag unglücklich, an dem ich mich nicht „unter Kontrolle hatte“. Eines Tages war ich einfach müde. Ich wollte dieses ständige Auf und Ab nicht mehr. Ich gab auf und dem Intuitiven Essen eine Chance.

Das Intuitive Essen und Yoga haben mich und mein Körperbild schließlich gerettet. Ich lernte, mir wieder zu vertrauen und mich zu bewegen ohne Beurteilung, ja, sogar mit Stolz auf das, was ich kann und wie ich dabei aussehe. Ich liebe es inzwischen, mich im Spiegel zu sehen, wenn ich Yoga mache und einfach zu genießen, wie ich dabei aussehe und was mein Körper mir ermöglicht. Dabei bin ich nicht besonders dehnbar, falls ihr das nun denkt, aber Yoga hat mir geholfen, mich ohne Anspruch zu betrachten und einfach anzunehmen und wertzuschätzen, was da ist, sogar meinen kaputten Bauch und meine dicken Arme. Denn das sollten wir: Unseren Körper dafür ehren, dass er jeden Tag für uns arbeitet, repariert, was kaputt geht, für uns atmet, unser Herz schlagen lässt.

Um diese Wertschätzung und ein besseres Körperbild zu vermitteln, mache ich inzwischen eine Ausbildung als Yogalehrerin und ab Mai eine zum Life Coach. Ich, das ehemalige dicke Kind mit der 5 in Sport! Ich plane, mein Wissen über Intuitives Essen und Selbstakzeptanz in Workshops an andere Menschen weiterzugeben, am liebsten kombiniert mit Yoga.

Außerdem will ich auf die unrealistischen Schönheitsbilder aufmerksam machen, die vor allem uns Frauen unter Druck setzen, sexy und fuckable zu sein. Ich träume davon, dass sich alle mehr selbst lieben und akzeptieren können. Ich träume von einer Welt, in der es die Worte „Makel“ und „Schönheitsfehler“ nicht mehr gibt. In der wir einfach SEIN dürfen, wertvoll sind, egal wie wir aussehen. Den LeserInnen hier beim Selflove Sunday mit meiner Geschichte Mut zu machen, ist ein weiterer Schritt zu diesem Traum. Danke für diese Chance, Jenny!“

Von Herzen Danke an DICH, liebe Noemi! Für die Teilnahme hier beim Self Love Sunday, aber auch für Dein Engagement in Sachen Selbstliebe, Selbstannahme und „Normal“ Essen! Es braucht noch viel mehr umwerfende Frauen wie Noemi, damit wir alle zusammen mit dieser noch eher zaghaften Bewegung immer mehr Menschen erreichen. Ihr findet Noemi auch auf Facebook und bei Instagram.

Wollt ihr selbst mitmachen beim Self Love Sunday? Dann einmal hier lang.

Let’s spread some Self Love!