Selbstliebe ist die neue Diät.

Du bist schön!Liebe Leute, es gibt da eine Sache, die mich ein bisschen anpisst. Ich bin wahrlich keine „Expertin“ für das Thema Selbstliebe, sondern lediglich von Natur aus mit einem sehr stabilen Selbstbewusstsein ausgestattet.

Dieser Tatsache ist es vermutlich geschuldet, dass ich in meinem bisherigen Leben weder mit Diäten, noch mit Essstörungen zu tun hatte und gerade weil ich in dieser Sache so stabil bin, bereite ich hier auf dem Blog dem Selflove Sunday die Bühne.

Wer hier regelmäßig mitliest, weiss ja, wofür I LOVE SPA steht. Es geht um Entspannung und darum, dass wir uns alle mal locker machen. Ich präsentiere euch hier mehrfach wöchentlich Werkzeuge, die zu diesem Ziel führen: Angefangen von Spa Checks und Treatment-Empfehlungen über Home Spa Tipps und Produkte, die das Leben schöner und entspannter machen bis hin zu Food ’n‘ Love aka einem entspannten Umgang mit Essen und dem Selflove Sunday.

Vielleicht bin ich ja vollkommen durchgeknallt, aber ich träume von einer Welt, in der alle Menschen sie selbst sein dürfen und in der es keinen Selbstoptimierungswahnsinn gibt. Wir sind mittlerweile an einem Punkt angelangt, an dem selbst Sophia Thiel für Körperakzeptanz steht. An einem Punkt, an dem vegane Ernährung, Clean Eating und Sport untrennbar mit Selbstliebe verknüpft scheinen. Und an diesem orthorektischen Konstrukt möchte ich heute mal rütteln, so fest ich kann!

Nennt mir nur ein Gesundheitssystem auf dieser Welt, das nicht auf unterschiedlichen Staturen des menschlichen Körpers aufbaut! Ganz egal, ob ihr es schlacksig, athletisch und rundlich nennt oder Vata, Pitta und Kapha.

Fakt ist, dass es auf dieser Welt Menschen in allen Formen, Größen und Farben gibt und das ist gut und richtig so.

All‘ diese Menschen sind richtig und perfekt und es ist nichts weiter zu tun – womit das Thema Selbstliebe im Prinzip auch schon erschöpfend behandelt wäre. An dieser Stelle könnte man einen Punkt machen, Sonntag für Sonntag hier auf dem Blog vorbeischauen und wieder anfangen, sich an die Darstellung „echter“ Körper zu gewöhnen.

Aber genauso, wie aus dem intuitiven Essen eine Diät gemacht wurde, wird nun auch die arme Selbstliebe dafür benutzt, indem der Akt, sich selbst zu lieben an ganz bestimmte Regeln und Verbote geknüpft wird. Wohin man auch schaut – überall heben selbsternannte Expertinnen und Experten den Zeigefinger, mahnen zur Selbstliebe und betonen gleichzeitig, wie untrennbar ein gesunder Lifestyle mit der Liebe zu sich selbst verbunden ist. Überall selbsternannte Coaches, die uns die vegane Ernährung als den ultimativen Weg zur Selbstannahme anpreisen und keine Gelegenheit auslassen, uns darauf hinzuweisen, wie wichtig Sport ist.

Aber in meiner Welt, liebe Leute, funktioniert das so nicht. Wir können nicht ausbrechen aus einem Konstrukt voller Restriktionen und uns umgehend in das nächste begeben, in dem es vor Regeln und Verboten nur so wimmelt! In der Welt, von der ich träume, sind Menschen connected mit ihrem Bauchgefühl und essen sowohl, wenn sie hungrig sind, als auch, wenn sie Appetit haben. In dieser Welt gibt es weder Verbote, noch Heisshunger oder Cheat Days.

Emotionen sind in dieser Welt genauso untrennbar mit der Nahrungsaufnahme verknüpft wie mit der Sexualität, denn wir sind keine Roboter! Ganz egal, was wir essen – wir werden dabei immer(!) etwas fühlen und es kann verdammte Scheisse doch nicht das Ziel sein, daran etwas zu ändern!?

Ich träume von einer Welt, in der Menschen ihrem ganz natürlichen Bewegungsdrang mit Freude und Spaß nachgehen. (Ich meine, c’mon, ich bin Physiotherapeutin!) Für die einen bedeutet das vielleicht, dass sie ausgedehnte Spaziergänge im Wald machen und für die anderen, regelmäßig in eine Meerjungfrauenflosse zu schlüpfen – so what? Natürliche Bewegung ist nicht zwangsläufig mit dem „Sport“-Stempel gekennzeichnet, denn genauso, wie heutzutage alle existierenden Lebensmittel den konventionellen „gesund“ (=gut) oder „ungesund“ (=böse) Stempel tragen, so sind sich auch alle beim Thema Bewegung einig:

Ein HIIT Workout gilt als Sport, Toben mit den Kindern im Garten nicht.

Wenn wir uns selbst lieben wollen, müssen wir uns gesund ernähren und regelmäßig Sport machen. Und deshalb essen wir dann abends vielleicht nicht das Stück Kuchen, das noch in der Küche rumsteht, obwohl wir große Lust darauf haben, sondern greifen zu einem Apfel. (Stopfen das Stück Kuchen dann 2 Stunden später aber trotzdem im Stehen vor dem Kühlschrank in uns rein, fühlen uns schuldig und reden uns ein, dass wir ab morgen nur noch gesund essen werden.) Wir schleppen uns nach einem anstrengenden Tag abgekämpft in’s Fitnessstudio, denn „gesund“ ist das neue „schlank“ und wer entscheidet sich bitte bewusst für ein „ungesundes“ Leben? Eben.

In der Welt, von der ich träume, darf jeder so sein, wie er ist. Es ist nichts weiter zu tun. Es gilt weder, sich kontinuierlich mit der Optimierung der eigenen Persönlichkeit zu beschäftigen, noch das Ernährungs- und Bewegungsverhalten durchzuoptimieren und von einem selbsternannten YouTube Coach abnicken zu lassen.

Ich selbst lebe seit 25 Jahren vegetarisch und die meisten meiner Mahlzeiten sind zufällig auch vegan. Ich ekle mich seit einem Schüleraustausch in Frankreich und meiner ersten Begegnung mit Pferdesalami davor, Muskeln oder Organe zu essen. Aus diesem Grund hatte ich in den vergangenen 25 Jahren kein einziges Mal das Gefühl, auf irgendetwas zu verzichten. Macht das mich zu einem besseren Menschen als einen Fleischesser? Nein, verdammt! Und ist eine vegane oder vegetarische Ernährung per se „gesünder“ als eine omnivore? Totaler Bullshit.

Wie cool wäre es bitte, wenn Menschen nicht länger von einem glamourösen Leben in der Zukunft träumen, in dem sie in einem perfekten Körper wohnen, sondern jetzt sofort einfach anfangen würden, das Leben zu leben, auf das sie Lust haben? Wenn sie einfach ihre Clean Eating Bücher verbrennen würden, rausgehen würden, neue Leute kennenlernen würden, Arschbomben im Bikini machen würden und mit Freunden Pizza essen? Eine milliardenschwere Diätindustrie würde zusammenbrechen.

Ich habe kürzlich eine 10-tägige Instagram-Pause eingelegt und spiele nach wie vor mit dem Gedanken, mich dort gänzlich zu verabschieden. Selbst MIR ohne Essstörung und Abnehmgedanken geht es ohne Instagram besser als mit. Ist das nicht vollkommen irre?

Ich bin in dieser Sache nach wie vor hin- und hergerissen, denn ich werde in jedem 5. Post mit „Healthy Lifestyle Scheiss“ beworben und das möchte ich nicht. Ich bin hin- und hergerissen zwischen „Es muss ja auch Leute geben, die dagegenhalten“ und „Ich will diesen Wahnsinn durch meine Nutzung nicht unterstützen“. Denn Instagram ist so ziemlich das Gegenteil der Realität. Hier könnt ihr den Reality Check machen! So unterschiedlich, wunderschön und vollkommen sehen menschliche Körper aus.  Und daran werden weder restriktive Ernährungs- und Bewegungsprogramme, noch healthy Insta-It Girls etwas ändern können. Check!

Die Illustration, die ihr oben seht, hat im Übrigen die wunderbare Anja von &Sauce Studio für mich angefertigt. Erkennt ihr meine Füße? Ich werde Aufkleber mit dieser Illustration anfertigen lassen und vielleicht sollte ich mich ja wirklich von Instagram abmelden und lieber „DU BIST SCHÖN“-Aufkleber an fremde Menschen auf der Straße verteilen, anstatt meine Zeit damit zu verschleudern, unentwegt Werbeanzeigen zu melden, die mir suggerieren, dass ich zu fett, zu faul und zu ungesund bin.

Was meint ihr?

Jenny