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Über den Minderwertigkeitskomplex deutscher Physiotherapeuten

21/08/2017

Physiotherapeuten im SpaIhr wisst ja, dass ich so ein Mensch mit Meinung bin und hier gerne auch mal kontroverse Themen streife. Verglichen mit allen bisherigen Posts, dürfte ich mir mit dem heutigen jedoch den Hate einer gesamten Berufsgruppe einhandeln. Das Thema liegt mir allerdings so stark am Herzen, dass ich das notgedrungen in Kauf nehme.

Ich setze mich mit diesem Blog ja seit nunmehr 5 Jahren für mehr Qualitätssicherung in der Spa Branche ein und Fakt ist nach wie vor: Die Behandlerinnen und Behandler in deutschen Spas sind zu großen Teilen nicht ausgebildet. (Ein Wochenendkurs läuft in meiner Welt nicht unter „ausgebildet“).

Hinzu kommt, dass wir es mit einem Bewerbermarkt zu tun haben. Da es an fachlich qualifizierten Spa Therapists mangelt, massieren vielerorts „notgedrungen“ Kosmetikerinnen. (Ich weiss zwar, dass es vereinzelt Kosmetikerinnen gibt, die das gerne und auch richtig gut machen – meiner Erfahrung nach wird der Großteil von ihnen aber dazu verdonnert. Und das merkt man als Gast dann leider auch.) Ich bekomme selbst bei vielen Spa Checks Streichelmassagen und kann nur zu gut verstehen, dass auch immer mehr Gäste unzufrieden sind mit der Qualität der Treatments. Daher überrascht es mich keineswegs, dass der Wunsch nach Physiotherapeuten im Spa immer größer wird, denn sanft einölen kann ich mich auch selbst.

Nun mag sich der Endverbraucher, der in ausländischen Spas von ausgebildeten Leuten angefasst wird, zurecht fragen: Aber warum zur Hölle arbeiten denn so gut wie keine Physiotherapeuten und Masseure & Medizinische Bademeister in deutschen Spas? Und genau diese Frage, liebe Leute, möchte ich euch heute beantworten. Denn ich wurde erleuchtet.

Da ich in den vergangenen Jahren hierzulande auf keine Institution und keinen Verband traf, den dieser Missstand genauso zu stören scheint wie mich, dachte ich mir diesen Sommer „Okay, dann muss ich das jetzt irgendwie selbst in die Hand nehmen.“ Das Ergebnis waren die 5 Job Portraits, die das Image der Arbeit im Spa aufpolieren sollten.

Da ich einfach nicht verstehen kann, warum die Arbeit im Spa hierzulande unter Physiotherapeuten zu den niederen Tätigkeiten gehört, zu denen sich niemand herabzulassen vermag, teilte ich den Link zu den 5 Portraits in der deutschlandweit größten Physio Facebookgruppe und fragte in die Runde aus knapp 25.000 Mitgliedern, warum sie nicht im Spa arbeiten wollen.

Ich war auf das Schlimmste vorbereitet, aber ich hatte keine Vorstellung davon, wie katastrophal die Lage wirklich ist.

Ich muss an dieser Stelle ein bisschen weiter ausholen, denn die Problematik ist sehr komplex: Wir haben es hier mit einem Berufsstand zu tun, der größtenteils für seine Ausbildung selbst bezahlt. In meinem Fall waren das 20.000 Mark. (Vermutlich sind es heute 20.000€.) Da die 3-jährige Ausbildung in einem Staatsexamen mit zahlreichen anspruchsvollen Prüfungen gipfelt, sollte man zudem davon ausgehen dürfen, dass die Absolventen nicht zu den größten Dumpfbacken unter der Sonne zählen.

Nichts desto trotz lassen Physiotherapeuten sich für einen Hungerlohn verheizen. Der Verdienst darf zweifellos als erbärmlich bezeichnet werden und hinzu kommt, dass gleichzeitig erwartet wird, dass jeder Physiotherapeut einen Teil jenes erbärmlichen Verdienstes nochmal in weiterführende Fortbildungen investiert. Klingt extrem reizvoll, oder? #nicht

Bei der Frage „Was ist Spa?“ dachte ich erst an einen Scherz und habe sie daher gar nicht erst beantwortet. Ziemlich schnell erkannte ich dann jedoch, dass die meisten nicht den blassesten Schimmer haben, was in einem Spa wirklich passiert. Viele schienen es mit einer gekachelten Bäderabteilung und Neonlicht gleichzusetzen. Zumindest fielen mehrfach die Begriffe Fango, Moor, Massage und Rotlicht. (Anmerkung: Rotlicht ist eine Wärmeanwendung aus der physikalischen Therapie und wird von Physiotherapeuten und Masseuren & Medizinischen Bademeistern nicht mit Prostitution assoziiert.)

Mir schlug eine Arroganz entgegen, mit der ich nie und nimmer gerechnet hätte. Zum Massieren brauche es keine medizinische Ausbildung. Es fielen die Begriffe „Nageldesign“ oder „passive Bubumaßnahmen“. Ich erinnerte mich an den Zeitpunkt zurück, an dem ich der Sportorthopädie den Rücken kehrte, um auf’s Schiff zu gehen. Damals fragte einer meiner Kollegen mich: „Im Ernst? Du willst als Knetmäuschen arbeiten?? Wozu zur Hölle hast Du Examen gemacht???“

Der Physiotherapeut ist der Mikropenis unter den Heilberufen

Ja, ihr habt richtig gelesen, denn wir haben es hier mit einem kollektiven Minderwertigkeitskomplex zu tun. Und der liegt nicht zuletzt darin begründet, dass deutsche Physiotherapeuten zum medizinischen Hilfspersonal zählen. (In anderen Ländern ist das nicht so.) Das heisst ganz konkret, dass ein deutscher Physiotherapeut nur auf Anweisung des Arztes tätig werden darf. Diese Abhängigkeit führt zu einem Dauerkonkurrieren mit den Ärzten. Und der Großteil der Physios scheint sich einig zu sein: „Wir wissen es einfach besser als die Ärzte.“ Da werden T-Shirts mit dem Aufdruck „Physiotherapeuten wurden erschaffen, weil Ärzte auch Helden brauchen“ in der Facebook Gruppe geteilt, die nicht mehr Likes und Herzchen abstauben könnten und nachdem man seinem Frust kurz Luft gemacht hat, wird das Smartphone zur Seite gelegt, weil die nächste Krankengymnastik für 15€ ansteht.

Dieses interne Gebashe dürfte die Ärzte in etwa so stark tangieren wie der umgefallene Sack Reis in China. Aber hey. Deutsche Physiotherapeuten fühlen sich ungesehen und nicht ausreichend gewertschätzt in ihrer Tätigkeit. Vielleicht fragt ihr euch jetzt, warum sie sich nicht solidarisieren, um etwas an dieser beschissenen Situation zu ändern, richtig? Das habe ich mich all‘ die Jahre auch gefragt.

Ein energetischer Fließbandjob ist nicht zu unterschätzen

Und dabei ist es ganz egal, ob ein Physiotherapeut 8 Stunden lang im 20-Minuten Takt Patienten behandelt oder ob ein Spa Therapist 12 Stunden lang auf einem Kreuzfahrtschiff Treatments gibt. Ich war schon in beiden Situationen und fand sie gleichermaßen scheisse. Denn man hat ja nicht nur mit Menschen zu tun, sondern fasst sie in der Regel auch noch alle an. Das ist rein vom energetischen Gesichtspunkt her eine echte Challenge. Denn ab einem bestimmten Punkt gelingt es einem nicht mehr, sich selbst zu schützen. Als Folge schleppt man sich abends erschöpft und kaputt nachhause. Um am nächsten Tag die Fließbandarbeit wieder aufzunehmen.

Ein solches Arbeiten schlaucht ungemein und hat zur Folge, dass die Lebensfreude und die positiven Vibes sich nach und nach verpissen. Die Grundstimmung in besagter Facebook Gruppe ist düster und negativ. Es wird schwerpunktmäßig gemotzt und sich beklagt. Und in diesem Stadium solidarisiert sich einfach niemand mehr.

Spa Treatments sind symptombezogene, nicht evidente Behandlungen

So der Gruppentenor. Hierbei fand ich besonders auffällig, dass der Großteil der Physios sich augenscheinlich noch nie näher mit alternativen Gesundheitssystemen beschäftigt hat. Da wird der TCM oder dem Ayurveda einfach mal der Stempel „nicht evident“ aufgedrückt, ohne dass man sich bisher auch nur ansatzweise damit beschäftigt hätte. Sonst wüsste man nämlich, dass die Ausbildung eines Ayurveda Therapeuten in Indien oder Sri Lanka länger dauert als die deutscher Physiotherapeuten.

Ich fasse also mal eben zusammen: Das unterbezahlte Ross, auf dem deutsche Physios reiten, ist ganz schön hoch und der Tellerrand augenscheinlich zu weit weg, als dass man mal einen Blick darüber hinweg riskieren könnte. Wundert es wohl noch irgendjemanden, dass es in Deutschland mehr offene Stellen als Physiotherapeuten gibt und dass der Bedarf größer ist als die Zahl derer, die für den Rest ihres Lebens auf dieses hohe Roß aufsatteln wollen, um von dort oben hinter vorgehaltener Hand mit Ärzten zu konkurrieren und sich dauerhaft zu beklagen, wie scheisse alles ist?

Das Gesetz der Anziehung gilt auch für Physiotherapeuten

Finde ich also alles scheisse und kotze unentwegt über die ausweglose Situation ab, wird sie sich auf keinen Fall verbessern. Jede(r) hat es selbst in der Hand. Mir tat der 20 Minuten Takt vor 11 Jahren nicht gut. Daher bin ich einen anderen Weg gegangen. Und dieser Weg steht jedem einzelnen Physio ebenfalls offen.

Ich erwarte gar nicht, dass Physiotherapeuten gänzlich umsatteln, so wie ich es getan habe, und ich kann vollkommen verstehen, wenn jemand nicht aufhören möchte, medizinisch tätig zu sein. Dennoch könnte sich der eine oder die andere sein/ihr erbärmliches Gehalt mit der ein oder anderen Schicht im Spa ordentlich aufpolieren. Denn ich wiederhole das an dieser Stelle auch gerne wieder: Wir haben es in der Spa Branche mit einem Bewerbermarkt zu tun und die Day Spas und Wellnesshotels suchen händeringend ausgebildete Leute wie uns.

Vor uns liegt ein kontinuierlich wachsender Markt, bestehend aus Selbstzahlern, die sich Physiotherapeuten wünschen! Es ist an uns, liebe Kollegen, diesen Bewerbermarkt nach unseren Wünschen zu gestalten und zu formen!

Befasst euch mit Ayurveda, Shiatsu oder Thai Massage, wenn euch der therapeutische Aspekt wichtig ist. Googelt nach „Medical Wellness“ in eurer Stadt! Auch Fußreflexzonenmassage und Lymphdrainage gibt es in vielen Spa Menüs. Man wird euch die Füße küssen für eure Arbeit und ihr werdet nicht selten auch noch mit einem fetten Trinkgeld belohnt. Ihr habt keinen Zeitdruck und arbeitet mit wohlduftenden Produkten in wunderschönen Settings.

Ich bin mir vollkommen darüber im Klaren, dass dieser Post höchstwahrscheinlich dazu führen wird, dass ich mit Fackeln aus der Facebook Gruppe gejagt werde, aber hey. Da ich nach dem Teilen meiner 5 Job Portraits in besagter Gruppe ein paar Nachrichten von Leuten bekam, die sich nicht öffentlich getraut haben, mir zu sagen, dass sie das Thema cool und/oder interessant finden, habe ich eine Facebook Gruppe mit dem Namen Deutsche Physiotherapeuten in der Spa Branche erstellt. Sie richtet sich an alle Physiotherapeuten, die der Arbeit im Spa offen und interessiert gegenüberstehen und ich freue mich dort auf den Austausch mit Menschen, die open minded unterwegs sind.

Viel mehr bleibt mir zum Abschluss dann auch nicht mehr zu sagen. Das war jetzt viel Text, aber da sich alle unentwegt zu fragen scheinen, warum hierzulande ausgebildete Leute nicht in der Spa Branche tätig sein wollen, dachte ich mir, ich präsentiere euch hier mal die Antwort. Einfach mal sacken lassen.

Ich freue mich über Austausch in den Kommentaren!

Jenny

4 Kommentare

Kommentar von Milena Mondtänzerin am 22/08/2017 bei 22:47   

Liebe Jenny, Sehr geiler Artikel! Gefällt mir richtig gut...auch wenn es bei Ergos nichts ganz so schlimm zu geht wie bei Physios, trifft doch vieles von dem was du schreibst, auch auf diesen zweiten "Mirkropenis Heilberuf" zu. Und ich bin ganz deiner Meinung ... jammern hilft nicht viel! Lieber Initiative ergreifen und schöpferisch werden, denn im Grunde genommen sind es ja ganz tolle Berufe, auf denen man wunderbar aufbauen kann. Auch wenn du nun einen ganzen Berufszweig gegen dich haben solltest...einen neuen Fan hast du mit diesem Artikel gewonnen hihihihi Alles Liebe ausm Kiez Milena

Kommentar von I LOVE SPA am 23/08/2017 bei 07:39   

Danke Dir, Milena ?

Kommentar von Mardo am 11/03/2018 bei 14:09   

Hallo Jenny, wenn ich auch erst heute Deinen Artikel lese, stimme ich Dir aus ganzem Herzen zu. Auch ich habe den Weg aus der klassischen Physiotherapie gesucht und gefunden. Zwar nicht in den Spa-Bereich, aber auch bei mir entscheidet der Wohlfühl- und Zeitaspekt. Und ich sehe es genauso wie Du, wenn mich etwas stört, dann habe ich immer die Möglichkeit etwas zu ändern. Und Überheblichkeit war und ist nie der richtige Weg. Nein, eher doch sollten wir alle den Respekt vor allen haben, die ihre Tätigkeit in welchem Bereich auch immer erfüllen und wertschätzen, was jeder einzelne leistet. Das scheint leider in der Physiotherapie nicht jedem gegeben zu sein. Somit Danke für diesen offenen Artikel! Viele Grüße! Mardo

Kommentar von I LOVE SPA am 12/03/2018 bei 02:47   

Lieben Dank für Dein smartes Feedback :)

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