Physios im Spa #5 – Jenny from the Blog

Jennifer Ospelt Physiotherapeutin I LOVE SPA1) Wie kam es, dass Du Dich für die Ausbildung zum/zur Physio entschieden hast? Und war es Deine erste Ausbildung oder der zweite Bildungsweg? Was genau hat Dich an diesem Beruf gereizt?

Ich habe früher Basketball gespielt und hatte immer wieder Probleme mit meinen Knien. Angeblich waren meine Kniescheiben zu klein und konnten den Druck nicht ordentlich abpuffern. Ich glaube zwar, dass das eine ziemliche Bullshit-Diagnose war, aber so kam ich bereits in sehr jungen Jahren mit Physiotherapie in Kontakt. Da ich zudem auch sehr überbeweglich war (und es bis heute geblieben bin), wurde zudem in meiner Pubertät physiotherapeutisch stabilisiert, was das Zeug hält.

Mir war sehr früh klar, dass ich auch selbst Physiotherapeutin werden will. Es gab irgendwie zu keiner Zeit einen anderen Berufswunsch. Mein erstes freiwilliges Praktikum machte ich im zarten Alter von 13 in den Sommerferien. Es folgten diverse weitere freiwillige Praktika während meiner Schulzeit. Immer während der Sommerferien, als alle anderen im Schwimmbad oder am See waren. Als ich dann im Alter von 16 die Schule abbrechen wollte, weil man als Physio ja kein Abi braucht, köderten meine Eltern mich mit einem Urlaub, sollte ich mich doch für’s Abitur entscheiden. Und was soll ich sagen – ich war wohl sehr einfach und bin volle Kanne drauf eingestiegen. Mein Engagement während der Oberstufe hielt sich zwar in Grenzen, aber ich hab’s trotzdem durchgezogen – nur, um dann gleich im Anschluss an mein Abi (und nach besagtem Urlaub) mit der Ausbildung zu beginnen.

2) Hast Du nach dem Staatsexamen „klassisch physiotherapeutisch“ gearbeitet? Falls ja: In welcher Richtung? Und war das cool?

Als Physiotherapeutin unmittelbar nach dem Examen hat man ja erstmal gefühlt unendlich viele Möglichkeiten. Ich zog sehr zeitnah nach dem Examen mit meinem damaligen Freund nach Berlin und landete in einer Pädiatrie Praxis. Der Supergau! Das Vojta-Geschrei war kaum auszuhalten. Ich konnte nach kürzester Zeit keinerlei Lärm mehr tolerieren und beendete die Zusammenarbeit nach 6 Monaten. Dann arbeitete ich einige Jahre lang sehr klassisch physiotherpeutisch. Will heissen: HWS-, BWS- und LWS-Syndrome all day long. Dazwischen mal ein Kreuzbandriss oder eine Sprunggelenksluxationsfraktur. Insgesamt waren die Praxen, für die ich damals tätig war, eher sportorthopädisch ausgerichtet, was zur Folge hatte, dass meine Patienten eher jung und dynamisch waren. Die Arbeit hat mir großen Spaß gemacht. Wenn man Sportverletzungen therapiert, sieht man ja ziemlich schnell Erfolge und es gab auch kein Kindergeschrei mehr. Soweit, so cool.

3) Wie kam es, dass Du in der Spa Branche gelandet bist?

Irgendwann jagte dann aber eine Gesundheitsreform die nächste und das Arbeiten wurde immer stressiger. Anfangs hatte ich noch 30 Minuten Zeit pro Patient. Irgendwann waren es nur noch 20. Meine Arbeit glich immer mehr einem Fließbandjob. Drei Patienten pro Stunde plus Rezeptgebühr eintreiben plus Wärme oder Elektrotherapie im Anschluss an jede Behandlung. Hinzu kam, dass es mich zunehmend nervte, dass die Verantwortung für die jeweilige Symptomatik auf mich abgewälzt wurde. Viele Patienten (ich hatte durch diverse McKenzie Fortbildungen irgendwann schwerpunktmäßig mit Wirbelsäulen-Geschichten zu tun) weigerten sich, selbst die Verantwortung für ihre Diagnose zu übernehmen und bürdeten sie stattdessen lieber mir auf und bei 6 Terminen à 15 Minuten Netto-Behandlungszeit verpisst sich da irgendwann der Spaß an der Sache.

Ich war 25 Jahre alt, als mir klar wurde, dass ich so nicht mein Leben lang arbeiten möchte. Das war auch der Zeitpunkt, an dem ich mich für eine Ausbildung zur Ayurveda-Therapeutin anmeldete. Die dauerte ein Jahr und mit 26 war mir dann bereits sehr klar, dass ich da tiefer einsteigen will. Ich lernte Fußreflexzonenmassage, Hot Stone und Lomi Lomi Nui. Meine Kollegen verspotteten mich. Ich war der Freak im Team, der seine Kohle nicht in Manuelle Therapie, Osteo oder den Heilpraktiker investierte, sondern in „Wellnessquatsch“.

Der Wunsch, diesen ganzen „Wellnessquatsch“ dann auch mal praktisch anzuwenden, trieb mich im hohen Alter von 27 auf ein Kreuzfahrtschiff. Bereits nach wenigen Tagen war mir klar, dass ich langfristig mit Spa Treatments zu tun haben will und nicht mehr in den medizinischen Bereich zurückkehren möchte. Zurück in Berlin begann ich daher, mit verschiedenen Hotel Spas auf freiberuflicher Basis zusammenzuarbeiten – und stellte zu meinem Entsetzen fest, dass ich kaum ausgebildete Kollegen hatte. Auf den Tag genau vor 5 Jahren, im Sommer 2012, launchte ich daher diesen Blog, auf dem ihr euch gerade befindet. Ich wollte eigentlich nur eine Übersicht für Berlin erstellen, damit der Endverbraucher sich an irgendwas orientieren kann in diesem qualitätssicherungsfreien Raum und man könnte sagen, das ist dann alles ein bisschen eskaliert.

4) Wie sieht Dein „Daily Business“ nun ganz konkret aus?

Nachdem ich 10 Jahre lang auf freiberuflicher Basis mit verschiedenen Spas der 5 Sterne Hotellerie hier in Berlin kooperiert habe, nahm der Blog immer mehr Raum in meinem Leben ein. Irgendwann wurde ich dem Spagat aus Treatmentraum und Blog nicht mehr gerecht. Daher behandle ich seit 2016 gar nicht mehr selbst. Ich bin nun Full Time Blogger und schreibe über Spas, Wellnesshotels und alles, was mit Entspannung zu tun hat. Obwohl das nie mein Plan war, macht es mich unter’m Strich ziemlich glücklich. Ich sitze locker 10 Stunden täglich am Computer und habe nie zuvor mehr gearbeitet als jetzt, aber das bringt eine publizierende Tätigkeit wohl so mit sich. Ich bin mittlerweile so viel mehr als eine Physiotherapeutin: Ich bin Fotografin, Texterin, Grafikerin, SEO-Nerd, kümmere mich um Marketing und Social Media, bin viel unterwegs und betreue auch fremde Social Media Accounts.

5) Wenn der Endverbraucher wüsste, wie viele Behandler ohne fundierte Ausbildung sich auf dem deutschen Markt tummeln, bekäme er es bei seinem nächsten Spa Besuch höchstwahrscheinlich mit der Angst zu tun. Die Branche beklagt sich über zu wenig ausgebildetes Personal. Wir haben es mit einem Bewerbermarkt zu tun und gleichzeitig gilt die Arbeit in der Spa Branche für die meisten Physios als niedere Tätigkeit. Was denkst Du, warum sich diese Überzeugung so in den Köpfen ausgebildeter Leute manifestiert hat? Und hast Du dem irgendwas entgegenzusetzen?

Da ich ja die Person hinter I LOVE SPA bin, ist diese Themenwoche, die heute zuende geht, mein Versuch, etwas am Image der Arbeit im Spa zu ändern. Ich denke, durch die 5 sehr unterschiedlichen Portraits wird deutlich, welche Möglichkeiten die Spa Branche ausgebildeten Leuten bietet und dass man sein Gehirn nicht im medizinischen Bereich zurücklassen muss. Wer bei der Arbeit im Spa an Nageldesign mit Glitzersteinchen und softes Ölgeglitsche bei Walgesang denkt, der täuscht sich ganz gewaltig und es ist an der Zeit, dass deutsche Physios mal von ihrem hohen Ross steigen und selbst dafür sorgen, dass in der Branche einfach weniger Platz ist für Leute mit Wochenendkurs.

Die Spas schreien nicht „Juchu“, wenn sie diese Leute engagieren. Ich kenne zumindest keinen einzigen Spa Manager, der sich nicht über Bewerbungen von Physios und Masseuren und medizinischen Bademeistern freut. Es liegt einzig und alleine an uns, liebe Kollegen, etwas am Status Quo zu ändern. Lasst uns doch alle zusammen dafür sorgen, dass wir uns den Österreichern qualitativ ein bisschen mehr annähern! Die Spa Branche befindet sich weiterhin im Wachstum und die Gäste wünschen sich mehr handfeste Treatments von ausgebildeten Leuten. It’s your turn!