Physios im Spa #2 – Konrad Langewand

Konrad Langewand Physiotherapeut1) Wie kam es, dass Du Dich für die Ausbildung zum/zur Physio entschieden hast? Und war es Deine erste Ausbildung oder der zweite Bildungsweg? Was genau hat Dich an diesem Beruf gereizt?

Ursprünglich wollte ich eigentlich Musik mit Hauptfach Bratsche studieren und war auch schon auf Tour durch die deutschen Musikhochschulen für die Aufnahmeprüfung. Während der Zeit entwickelte ich einen Hörschaden, der sich so auswirkte, dass ich bestimmte Frequenzen nicht mehr hören konnte und mir andere Töne körperliche Schmerzen bereitet hatten.

Den Frequenzverlust kann man sich so vorstellen, dass ich in einer Orchesterprobe saß und auf den Einsatz von Trompeten und Posaunen gewartet hatte, die kurz vor meinem eigenen Einsatz eine ziemlich laute Fanfare spielen sollten. Als die ausfiel, drehte ich mich um und sah, dass sie spielten, aber ich konnte sie nicht hören. Und wer jemals etwa 5 Meter vor Trompeten saß, weiss, dass das relativ unmöglich ist. Im Endeffekt war es eine Kombination aus Fehlhaltung aufgrund jahrelangen Geigen- und Bratschespielens und Muskelverspannungen, die zu Nervenkomprimierung und Minderdurchblutung geführt haben. Ich wurde dann relativ erfolgreich physiotherapeutisch behandelt und habe daraufhin dann selber den Beruf erlernt.

2) Hast Du nach dem Staatsexamen „klassisch physiotherapeutisch“ gearbeitet? Falls ja: In welcher Richtung? Und war das cool?

Ich war etwa ein halbes Jahr lang noch als Aushilfe in einer Praxis tätig mit einer wilden Mixtur von Fällen. Aber das in Berlin übliche „6 x 20 Minuten inklusive Anziehen, Ausziehen und Termin ausmachen“ war schrecklich. Und der Großteil der Patienten war auch nur am Jammern. „Alles ist schlecht. Alles tut weh. Hund hat Krebs. Kanarienvogel gestorben. Sohn Alkoholiker…“ So ziemlich alle hatten sich über ihre Krankheit definiert und das Leben vergessen. Da hatte ich dann relativ schnell keine Lust mehr.

3) Wie kam es, dass Du in der Spa Branche gelandet bist?

In den Spa kam ich durch Zufall. Nachdem ich festgestellt hatte, dass mir zwar die Arbeit mit Menschen Spass gemacht hatte und es wahnsinnig motivierend ist, Leuten zu helfen, fiel mir wieder ein, wie mein Lehrer für Massage- und Elektrotherapie einmal von Lomi Lomi und Hot Stone erzählt hatte. Mehr, um es ins Lächerliche zu ziehen, aber irgendwie ist es doch hängengeblieben. Ich buchte daraufhin meinen ersten 5-tägigen Lomikurs und von da an war ich fest auf die Arbeit im Spa fokussiert.

4) Wie sieht Dein „Daily Business“ nun ganz konkret aus?

Mein Daily Business hängt mehr davon ab, als was ich arbeite. Als Consultant beschäftige ich mich hauptsächlich mit der Erstellung von Spa Menüs und Anwendungen. Ich probiere dabei sicherzustellen, dass Timings und Standards auch am vollsten Tag durchführbar bleiben. So hatte ich vor Jahren ein Projekt in Zypern, wo es ca. 350m Abstand zwischen den beiden Gebäuden des Spas gab und die Therapeuten auch teilweise abwechselnd in beiden arbeiten sollten. Ohne elektronisches Buchungssystem und ohne Computer. Da ein System auszuarbeiten, dass Therapeuten informiert werden, ihre Anwendungen pünktlich starten konnten und man auch noch durchgeführte Anwendungen und Verkäufe an die Rezeption melden konnte, war echt eine Herausforderung. Nicht zu vergessen der dauerbekiffte indische IT Manager, der das Problem einer fehlenden Spa Booking Software nicht nachvollziehen konnte.

Der andere wichtige Aspekt der Beratung ist es, als Gast durch den Spa zu gehen und alle Angebote selbst auszuprobieren. So habe ich in meinem jetzigen Hotel weitere Brillenhalter im Saunabereich anbringen lassen, da ich als Brillenträger fast verzweifelt bin. Oft sind es diese kleinen Details, die einen Aufenthalt wesentlich angenehmer machen können. Als Spa Manager ist es das Übliche je nach Größe des Spas. Kontrolle von Reinigung, Material, Kosten, Absprache mit anderen Abteilungen – hauptsächlich Reservierung und Marketing. Bei kleineren Häusern auch noch vermehrt die aktive Mitarbeit an Rezeption und Massage. Und die Weiterentwicklung & Optimierung der Abteilung aus finanzieller Sicht und natürlich auch aus Gastsicht.

Als Gasttherapeut ist es komplett anders. Ich mache mich am Anfang des Aufenthalts mit den Personen bekannt, die viel Gastkontakte haben. Also neben dem Spa auch Resort, Front Office und Guest Relations und natürlich mit dem Butlerteam. Wer von denen mag, bekommt kostenlose Anwendungen von mir, damit sie mich nachher den Gästen weiterempfehlen können. Ansonsten trainiere ich meistens vor dem Frühstück im Gäste Gym, wo ich schon Kontakte zu einer wichtigen Klientengruppe knüpfen kann:

Sehr erfolgreicher Manager, 30-48 Jahre, legt viel Wert auf körperliche Fitness und ist es gewohnt, auch für Personal Training zu bezahlen. Danach geht es im Gastrestaurant frühstücken, entweder allein, wobei man am Buffet immer bekannte Gäste trifft und Feedback zu Anwendungen einholen kann, oder mit Gästen, die gleichzeitig auch meine Kunden sind. Dann übernehme ich oft pro Woche 2 oder 3 Kurse aus dem Yoga- und Sportprogramm, was mir mehr Präsenz im Spa gibt und danach geht es in den Spa – entweder, um meine Anwendungen durchzuführen oder mich interessierten Gästen vorzustellen. Irgendwann kommt dann das Abendessen. An freien Tagen oder in der Mittagspause geht es an den Strand, Schwimmen, Fische schauen, tauchen oder was auch immer das Resort anbietet.

5) Wenn der Endverbraucher wüsste, wie viele Behandler ohne fundierte Ausbildung sich auf dem deutschen Markt tummeln, bekäme er es bei seinem nächsten Spa Besuch höchstwahrscheinlich mit der Angst zu tun. Die Branche beklagt sich über zu wenig ausgebildetes Personal. Wir haben es mit einem Bewerbermarkt zu tun und gleichzeitig gilt die Arbeit in der Spa Branche für die meisten Physios als niedere Tätigkeit. Was denkst Du, warum sich diese Überzeugung so in den Köpfen ausgebildeter Leute manifestiert hat? Und hast Du dem irgendwas entgegenzusetzen?

Bei mir in der Schule war allein die Massage schon belächelt worden. Wir lernen ja unglaublich viele „wichtigere“ Behandlungsmethoden. Und ja, auf den ersten (westlich schulmedizinischen) Blick sind chirurgische, orthopädische und neurologische Behandlungen definitiv medizinisch wertvoller als eine Massage. Unter präventiven, allgemein gesundheitlichen Aspekten ist das natürlich Quatsch, da ein gesunder Lebensstil mit einer funktionierenden Dysstress-Kontrolle, körperlichem Training und gesunder Ernährung vielen Zivilisationskrankheiten vorbeugt und allgemein die Lebensqualität erhöht. Das ist jetzt mehr der fernöstliche Medizinansatz, aber ich soll verdammt sein, wenn es nicht der wichtigere Teil der Medizin ist. Und als gewöhnlicher Physiotherapeut hätte ich nie die Karriere gemacht, die sich mir angeboten hat.

Nachdem ich die ersten Jahre in D, AT, CH gelebt hatte, beschloss ich eines Tages, nach Indien an das Ananda Spa Institute und nach Thailand zur Wat Po Medical Massage School zu gehen, um mehr zu lernen und mehr von der Welt zu sehen. Und damit eröffneten sich völlig neue Möglichkeiten und Kontakte. Ich verbrachte ein Jahr in Kuwait als Physio, Masseur und Personal Trainer zwischen Palästen, Villen und Strandanwesen.

Im Anschluss daran kam die Anfrage eines Kontakts aus Indien, ob ich nicht als Gasttherapeut für Six Senses in Thailand arbeiten möchte. Einen Monat. Im Oktober. Leben auf einer kleinen Insel im thailändischen Regenwald, Spa im Dschungel zwischen Palmen versteckt. Daraus wurden dann knapp zwei Jahre, in denen ich alle 4 Wochen zwischen Resorts in Thailand, Vietnam und den Malediven hin- und hergereist bin. In einigen der schönsten Resorts der Welt, mit einem überschaubaren Arbeitsvolumen bei ausgezeichneter Bezahlung und Anerkennung durch die Gäste und Kollegen vor Ort. Auch wenn es heißt, zwei Jahre aus dem Rucksack zu leben in einem Erdteil, in dem ich keine Kleidung von der Stange für mich kaufen kann, da asiatische Größen deutlich kleiner sind als europäische. Dafür teile ich meinen Schneider in Bangkok mit dem maledivischen Außenminister.

Wenn ich nochmal die Wahl hätte zwischen Physio in Berlin und 9 Länder und 3 Kontinente durch meine Arbeit zu bereisen, ich würde die selbe Wahl wieder treffen. Aktuell packe ich gerade meinen Rucksack. Es geht wieder auf die Malediven. 2 Monate. Eventuell im Anschluss daran auf die Philippinen oder nach Sri Lanka.

Ein großes Danke an Konrad!