Lasst uns heute mal über Wellness reden.

Global Wellness Day 2017Vor ziemlich genau einem Jahr, also zum Global Wellness Day 2016, habe ich ein (für meine Verhältnisse) ziemlich aufwendiges Video gedreht. Heute möchte ich hier allerdings nicht meinen pinken Tischtennisschläger schwenken, sondern mal ein paar Gedanken zum Thema „Wellness“ loswerden.

Ich bezeichne mich ja ganz bewusst als Spa Blogger und nicht als Wellness Blogger – einfach, weil ich schwerpunktmäßig über Spas schreibe. Im Idealfall hat ein Spa-Besuch zwar auch was mit Wellness zu tun, aber ich habe auch schon Treatments und Spas erlebt, bei denen das nicht der Fall war.

Vielleicht sollten wir aber erstmal klären, was der Begriff „Wellness“ ganz konkret bedeutet. Ich persönlich übersetze es für mich nämlich einfach 1:1 in’s Deutsche mit „Wohlfühlen“. Unter Wellness verstehe ich Aktivitäten, die mein ganz persönliches Wohlbefinden steigern. Das kann eine Massage sein. Das kann eine Yogaklasse sein. Das kann aber auch ein Date mit meiner Badewanne sein, eine warme Suppe an einem kalten Herbsttag oder einfach mal auszuschlafen, ohne dass der Wecker klingelt. Wenn ich an einem solchen Tag dann auch noch eine koreanische Tiermaske auflege und warme Zimtschnecken im Bett frühstücke, dann ist das der Peak auf meiner ganz persönlichen Wohlfühlskala.

Glaubt man Wikipedia, hat sich Wellness zu einem „Lebensstilkonzept“ entwickelt, das auf Wohlbefinden, Spaß und eine gute körperliche Verfassung abzielt. Da gehe ich sogar noch mit. Spaß ist immer gut. Allerdings wird „eine gute körperliche Verfassung“ meiner Meinung nach heutzutage vielerorts fehlinterpretiert. Ich bin mir sicher, dass ein leicht untersetzter burmesischer Mönch, der den Großteil des Tages sitzend verbringt oder in gemäßigtem Tempo seine Arbeit verrichtet, sich in einer deutlich besseren körperlichen Verfassung befindet als ein trainierter Berliner, der neben seinem 60 Stunden Job am Schreibtisch vier mal die Woche im Fitnessstudio pumpt und darüberhinaus auch noch drei mal joggen geht. Denn irgendwann wurde auch dem Begriff „Wellness“ der Selbstoptimierungs-Stempel aufgedrückt.

Damit hat ihn das gleiche Schicksal ereilt wie Yoga. Ein Blick in das ein oder andere Spa Menü reicht aus, um zu checken, wo das Häschen langhoppelt. Es geht nämlich vielerorts vorrangig um „straffer, jünger und schöner“ statt um „sich rundum wohlfühlen“. Zeigt mir nur ein Spa Menü ohne Anti Aging Facials oder Personal Training!

Ich habe mir in den vergangenen Jahren auf so ziemlich jeder brancheninternen Fachveranstaltung Vorträge zum Thema „Spa Trends“ angehört und der einzige Referent, der für mich in dieser Sache stimmige Entwicklungen prophezeit, ist Franz Linser. Ich bin der festen Überzeugung, dass die Leute die Schnauze voll haben von diesem ständigen Selbstoptimierungs-Wahnsinn und bei einem Spa Besuch einfach nur „sein wollen“. In einem reduzierten Setting. Mit reduzierten Reizen. Einfach mal durchatmen und runterfahren, ohne dass ihnen suggeriert wird: „Na, schon unsere neuesten Anti Aging Produkte gesehen? Ach ja, morgen früh gibt’s eine Fatburning Yoga Class und wir haben nun auch eine hauseigene Psychotherapie, in der man sich mit dem richtig deepen Shit auseinandersetzen kann.“ Seriously?

Wenn wir uns wirklich wieder wohlfühlen wollen, müssen wir erstmal wieder in Kontakt mit unseren Bedürfnissen kommen. Und dazu müssen wir loslassen und aufhören, uns unentwegt zu optimieren und zu kontrollieren. Denn nur wer seine Bedürfnisse kennt, kann auch gut für sich sorgen.

Ist es nun also „mehr“ Wellness, im Fitnessstudio zu pumpen und danach einen Salat mit magerem Putenfleisch zu essen als mit einem guten Buch in einem Schaumbad zu versinken? Meiner Meinung nach nicht. Denn es kommt immer auf die individuellen Bedürfnisse an. Für eine Frau, die vor wenigen Wochen entbunden hat, wirken sich 8 Stunden durchgängiger Schlaf höchstwahrscheinlich sehr viel positiver aus, als wenn sie sich erschöpft in’s Fitnessstudio schleppt und dort für den perfekten Beach Body kämpft. Genauso wie für gestresste Business People kurz vor’m Burnout eine Lomi höchstwahrscheinlich eine sehr viel coolere Idee ist, als für den nächsten Halbmarathon zu trainieren.

Wellness kann also alles und nichts bedeuten, denn (um an dieser Stelle noch ein weiteres Mal Wikipedia zu zitieren): „Wellness ist ein beliebtes Werbewort. Der Begriff ist allerdings rechtlich nicht geschützt. [3] Unterschiedlichsten Produkten, wie Mineralwasser, indischer Lassi, Socken, Tees, Müsli, Konfitüren und Nahrungsergänzungsmitteln wird eine gesundheitsfördernde Wirkung zugeschrieben.“

Da Wellness hierzulande häufig als „Sport+gesunde Ernährung“ interpretiert wird, möchte ich an dieser Stelle eindringlich für mehr Loslassen plädieren. Lasst die Leute doch einfach mal sein, wie sie sind, ohne ihnen zu suggerieren, wer oder was sie werden müssen! Haben wir nicht im Alltag alle schon genug um die Ohren? Müssen wir jetzt wirklich auch noch die „Wohlfühlzeit“ durchoptimieren? Higher Self on? Werde die beste Version von Dir? Fuck it!

Ich weiss, ich gehöre nicht zur „Elite“ der Branche, aber da mir international kein größerer und reichweitenstärkerer Blog zum Thema bekannt ist, möchte ich meine Reichweite mit dem heutigen Post einfach mal dazu nutzen, an der aalglatten Fassade der Branche zu kratzen und ihr den Stock aus dem Arsch ziehen. (Sorry Mama.)

Denn Wellness ist für alle da. Lasst euch von niemandem was anderes erzählen. Ihr braucht dafür weder einen Trainingsplan, noch healthy Superfoods. Alles, was ihr tun müsst, ist in euch reinzufühlen, zu schauen, was euch gut tut und diesem Gefühl zu vertrauen.

In diesem Sinne: Happy Global Wellness Day!

Tanja von Spaness hat sich heute auch ein paar Gedanken zum Thema gemacht. Schaut doch gerne auch mal bei ihr vorbei!

Jenny