„Liebe Journalisten, liebe Blogger“

Berufsbezeichnung BloggerDer heutige Post liegt seit einer Ewigkeit in meinen Entwürfen rum. Da sich in den vergangenen Tagen aber mal wieder die ein oder andere hitzige Facebook-Diskussion auf meiner Pinnwand und in meinem Feed ereignete, möchte ich ihn heute einfach mal veröffentlichen.

Wer hier schon länger aufmerksam mitliest, weiss ja, dass ich Physiotherapeutin bin, I LOVE SPA aber mittlerweile hauptberuflich bespiele. Wann immer ich irgendein Formular ausfüllen muss und bei dem Feld „Beruf“ ankomme, bin ich ein bisschen planlos. Nach kurzem Zögern schreibe ich dann „Physiotherapeutin“, denn das steht auf meiner Berufsurkunde und Blogger ist schließlich kein Beruf. Oder doch?

Tag für Tag flattern mir gefühlt unendlich viele Pressemitteilungen in die Inbox. Die beginnen dann mit „Liebe Journalisten, liebe Blogger“ oder „Liebe Journalisten, liebe Beauties“. Bin ich ein „Beauty“? Wohl kaum. Fakt ist: Ich bin keine Journalistin und ich kann durchaus verstehen, warum es ausgebildete Journalisten anpisst, wenn Blogger sich als solche ausgeben oder bezeichnen. (Wer jahrelang als ausgebildete Physiotherapeutin zusammen mit „Körpertherapeuten“ und „Bodyworkern“ in Spas gearbeitet hat, die nach einem Wochenendkurs alles besser wissen, kann sich da sehr gut reinfühlen.) Daher bringe ich in der Tat auch teilweise Verständnis dafür auf, dass Journalisten einen gewissen Groll gegen Blogger hegen.

Dennoch fänd‘ ich es ganz cool, wenn wir die Kirche in Sachen Journalismus mal im Dorf lassen. Ein Freund von mir hat an der Columbia studiert und ist für internationale Medien als Wissenschaftsjournalist tätig. Ich verneige mich vor ihm. Allerdings habe ich in all‘ den Jahren im Treatmentraum selbst viel zu oft „Beauty Redakteurinnen“ behandelt, als dass mir in diesem Zusammenhang das Wort „Journalismus“ über die Lippen käme. Denn viel zu häufig brachte eben diese Person null Expertise mit, liess sich von einem Fruchtcocktail mit Schirmchen einlullen und am Ende erschien dann ein Dreizeiler in einem Hochglanzformat neben einem Pressefoto, das exakt so bereits drölfzigtausendmal zuvor publiziert wurde. Gähn.

Ich wurde schon mehrfach von Journalisten angegriffen. Das sei kein Journalismus, was ich hier mache. Hier nur ein Beispiel, das mich kürzlich erreichte: „Jetzt muss ich doch mal meine Meinung sagen: Der Beitrag ist journalistisch mangelhaft.“ Ich bin in solchen Situationen immer ein bisschen verwundert, denn ich habe noch nie, also wirklich zu keiner Zeit, irgendwo behauptet, dass ich hier journalistisch tätig bin. Man könnte sagen, das exakte Gegenteil ist der Fall. Meine Texte sind zu 100% subjektiv. Sie beinhalten allesamt meine Meinung. Und ich vermute, dass genau das der Grund dafür ist, dass hier mittlerweile 20.000 Menschen im Monat mitlesen.

Ich werde weder auf Messen akkreditiert, noch bekomme ich einen Presseausweis. Wenn es um die Vorzüge der publizierenden Berufssparte geht, bin ich also raus und außen vor. Sobald wir uns aber dem Thema „Kennzeichnung bezahlter Inhalte“ zuwenden, sieht die Sache schon wieder ganz anders aus. Hier bestehen dann plötzlich auch alle ausgebildeten Journalisten darauf, dass Blogger sich gefälligst an Landespresse- und Telemediengesetze zu halten haben und dass der Begriff „Werbung“ benutzt wird. Und zwar ganz oben und prominent. (Ich möchte auf diese Thematik hier und heute nicht weiter eingehen und stattdessen nochmal auf diesen Post hier verweisen.) Man könnte also sagen, es wird mit zweierlei Maß gemessen.

Natürlich gibt es 13-jährige Mädchen, die über Drogeriemascara schreiben und sich als Blogger bezeichnen. Aber es gibt auch Leute, die erwachsen sind, eine Expertise mitbringen und das Medium Blog professionell bespielen. Das ist als würde man vorm Kiosk stehen und die Bild mit der Zeit vergleichen. Wobei dieser Vergleich irgendwie hinkt – ihr wisst schon, worauf ich hinaus will.

„Aber die Berichterstattung von Blogs kann nie unabhängig sein, wenn sie bezahlt wird“ blökt es mir regelmäßig entgegen. Als wäre jeder Blogger per se käuflich. (Ich könnte an dieser Stelle locker 20 Schleichwerbung-Screenshots von Printformaten einbinden, die mittlerweile ja auch allesamt parallel digital unterwegs sind, aber da es die Fronten nur noch weiter verhärten würde, macht das ja irgendwie auch nicht wirklich Sinn.)

Wenn ich ein Spa besuche, dann arbeite ich mit einem Tagessatz. Wenn ein Wellnesshotel mich also 2-3 Tage vor Ort haben will, dann fällt 2-3 Mal mein Tagessatz an. Dieser Tagessatz ist nicht an eine Veröffentlichung gekoppelt. Wenn mein Aufenthalt mich überzeugt, stelle ich euch das Hotel samt Spa auf dem Blog vor. Wenn die Nummer schief geht, bekommt das Hotel stattdessen eine ausführliche Auswertung mit den Gründen. Das heisst also ganz konkret: Jedes Spa oder Hotel bezahlt meine Zeit und niemand kann sich über einen „Sponsored Post“ in den Blog reinkaufen. Wie viel unabhängiger könnte ich bitte arbeiten?

Wir halten also mal eben fest: Ich gehe hauptberuflich einer Tätigkeit nach, für die es noch nicht so viele Regeln gibt und die niemand so recht irgendwo einzusortieren vermag. Daher fühlt es sich bisweilen sowohl für die Blogger selbst, als auch für die Leser an wie ein rechtsfreier Raum, in dem jeder tun und lassen kann, was er will. Aber selbst wenn es irgendwann klare Regeln geben wird: Unter’m Strich entscheiden letztenendes immer die Leser, welche Inhalte sie konsumieren wollen.

Und da unsere Welt ganz von alleine immer digitaler wird, werden höchstwahrscheinlich auch zukünftig immer mehr Menschen Dienste wie Netflix oder YouTube dem klassischen Fernsehprogramm vorziehen und es ist auch nicht von der Hand zu weisen, dass die Möglichkeit besteht, dass klassische Print Magazine auf lange Sicht gegen Blogs und Online Magazine abstinken werden. Dass diese Tatsache sich für Menschen, die beruflich im Fernseh- oder Printbereich zuhause sind, bedrohlich anfühlt, ist verständlich und nachvollziehbar.

Dennoch wäre es vielleicht klüger, sich selbst ein bisschen zu bewegen anstatt diejenigen zu bashen, die schon heute digital unterwegs sind. Und wir Blogger (und da darf ich mich selbst nicht ausnehmen) sollten vielleicht auch endlich aufhören, um den heißen Brei herum zu reden und anfangen, uns selbst als das zu bezeichnen, was wir sind: Blogger. Und nichts anderes.

Jenny