Body Shaming fängt im Gesicht an.

Bodyshaming fängt im Gesicht anIch werde häufig gefragt, warum ich nicht über dekorative Kosmetik schreibe. Und ich gebe zu: Die Frage ist legitim, schließlich gibt es kaum ein Spa Menü, in dem der Punkt „Tages-Makeup“ nicht auftaucht.

Dass es hier nicht um Makeup geht, ist zum einen der Tatsache geschuldet, dass ich in keinster Weise einen Zugang dazu habe, zum anderen kann ich aber auch gewisse feministische Tendenzen in dieser Angelegenheit nur schwerlich von mir weisen. Dazu aber später mehr.

Ich pubertierte zu einer Zeit, in der Makeup keine sonderlich große Rolle spielte. Niemand lackierte sich die Nägel oder trug Lippenstift. Wir waren maximal geschlechterneutral und äußerst sackig gekleidet, verehrten Kurt Cobain und feierten zu Guns N’Roses. Wir trugen im Winter 501 zu Doc Martens, die im darauffolgenden Sommer auf Kniehöhe abgeschnitten und mit Birkenstock-Latschen kombiniert wurden.

Und auch als meine Pubertät vorbei war, konnte ich mich nicht wirklich für Lippenstifte und Lidschatten erwärmen. Das hat sich by the way bis heute nicht geändert. Ich besitze nichts dergleichen und wenn ich dann und wann mal „fremdgeschminkt“ werde, erschrecke ich mich jedes Mal beim Blick in den Spiegel und finde, dass dieses Spiegelbild mit meiner Person so rein gar nichts zu tun hat.

Man sollte meinen, dass Makeup dann spätestens im Jahr 2009 Einzug in mein Leben gehalten hätte, denn damals sah‘ ich mich erstmalig mit Hyperpigmentierungen in meinem Gesicht konfrontiert. Zugegeben, seit meine Stirn so extrem fleckig ist, nutze ich an manchen Tagen einen Primer, aber an den meisten Tagen tue ich nicht mal das.

Ich bewundere Frauen, die Mascara tragen und nach 2 Stunden nicht aussehen wie ein Panda Bär. Denn an geschminkten Augen darf man ja nicht reiben. Auch nicht, wenn man müde ist, sonst sieht das ganz schön schnell ganz schön scheiße aus.

Wir halten also mal eben fest: Es gibt Frauen, die auf Makeup stehen und auch richtig gut damit umgehen können und es gibt Frauen wie mich. Und auch, wenn ich mich immer wieder frage, ob es nicht irgendwie auch uncool ist, aufgrund von Lippenstift nicht ganz normal essen, aus einem Glas trinken oder knutschen zu können oder ob es nicht auch irgendwie eklig ist, auf einem Kopfkissen voller Makeup aufzuwachen (es gibt ja so viele Frauen, die sich abends nicht abschminken), so denke ich unter’m Strich doch: Jede, wie sie halt will.

Dass nun neuerdings aber prominente Frauen als „besonders mutig“ gefeiert werden, nur weil sie sich ungeschminkt auf Instagram zeigen, gibt mir zu denken. Und hier kommt das Feminismus-Argument in’s Spiel.

Denn zeigt mir nur eine Frau, die in irgendeiner Form öffentlich unterwegs ist und kein Makeup trägt! Jetzt werden viele vehement widersprechen und beteuern, dass es ihnen doch einfach nur Spaß macht, „spielerisch herumzuexperimentieren“. Ich weiss, was ich jetzt sage, ist äußerst provokant und das Eis unter meinen pinken Adiletten ist zum Einbrechen dünn, aber könnte man dann theoretisch nicht genauso gut mit Pinsel und Farben auf Papier herumexperimentieren?

Sollten wir nicht mal ganz ehrlich mit uns selbst sein und uns fragen, warum fast alle Frauen sich täglich die Augen größer und die Lippen voller malen? Warum Fältchen unter dicken Makeup-Schichten verschwinden und Augenbrauen aufgemalt werden, die in der Vergangenheit mit der Pinzette eliminiert wurden? Warum sonst schminken sich Frauen, wenn nicht aus dem Grund, dass sie ihr Gesicht mit Makeup schöner finden als ohne?

Achtung, steile These: Meiner Meinung nach fängt Body Shaming im Gesicht schon an. Denn geht es hier nicht im Grunde ebenso um Selbstakzeptanz wie beim Thema Körper? Sollten wir unsere Hyperpigmentierungen, unsere ausgedünnten Augenbrauen, unsere dünnen Lippen und unsere Augenringe nicht einfach liebevoll umarmen?

Im Bereich des Körperlichen ist diese Haltung mittlerweile ja einigermaßen gesellschaftsfähig. Was das Gesicht angeht, kenne ich allerdings keine einzige Frau, die sich nicht regelmäßig schminkt.

Dieses „Face Shaming“ macht aber auch vor Treatmenträumen nicht Halt. Ihr glaubt mir ja nicht, wie häufig meine Gesichtshaut während eines Facials von meiner Behandlerin bewertet wird. Ich bin 36 Jahre alt und man sollte meinen, es sei den natürlichen Prozessen des Erwachsenenlebens geschuldet, dass eine 36-jährige Haut nun mal nicht mehr aussieht wie eine 20-jährige Haut. Nicht selten sehe ich mich aber mit Aussagen konfrontiert wie „Na, aber das sieht doch noch ganz gut aus“ und während ich höflich lächle, denke ich mir: „Excuse me!? What the fuck?“

Glücklicherweise bin ich mit einem stabilen Selbstbewusstein gesegnet, aber in was für einer Welt leben wir, in der meine Haut nicht älter werden darf? Jedes Mimik-Fältchen hat seine verdammte Daseinsberechtigung und ich möchte es weder wegcremen, noch unterspritzen lassen! Wie heftig ist es bitte, dass Frauen gefeiert werden, nur weil sie sich ungeschminkt zeigen?

Bevor ich jetzt hier aber zum Ende komme, möchte ich abschließend nochmal die Vermutung äußern, dass es sich hierbei (genau wie bei der Bikini-Thematik) um ein reines Frauen-Ding handelt. Mir ist zumindest noch nie ein Mann begegnet, der auf Makeup bestanden hätte. Achtet einfach mal darauf, ob und wie sehr ihr euch mit Bloggerinnen, Instagramerinnen, YouTuberinnen, Models in Magazinen bzw. auf Werbetafeln oder auch einfach bloß mit Frauen in eurem alltäglichen Umfeld vergleicht und wie oft ihr hier wertend unterwegs seid.

Und auch wenn ich prinzipiell der Meinung bin, dass jede Frau so rumlaufen soll, wie sie sich am wohlsten fühlt (egal ob mit unrasierten Achseln, tonnenweise Makeup oder ultrakurzen Hotpants), so wäre es dennoch schön, wenn ungeschminkte Frauengesichter in meinen Social Media Feeds zukünftig eher die Regel als die Ausnahme wären – oder zumindest kein Grund mehr zum Feiern.

Wie seht ihr das?

Jenny