Arbeiten als Freelancer im Spa – Was ihr wissen müsst & was es zu beachten gilt!

Arbeiten als Freelancer im SpaEine der Fragen, die mich am häufigsten per Email erreicht, ist die, was es zu beachten gilt, wenn man als Freelancer im Spa arbeiten möchte. Da dachte ich mir, ich teile meine Meinung dazu einfach einmal öffentlich, damit ich in Zukunft nur noch zu dem betreffenden Post verlinken muss.

Da ich selbst in den vergangenen 10 Jahren mit einigen Spas auf freiberuflicher Basis kooperiert habe, bin ich höchstwahrscheinlich ein einigermaßen kompetenter Ansprechpartner in dieser Sache.

Darüberhinaus habe ich 7 Jahre Lebenszeit mit einem Verfahren verschleudert, in dem die Deutsche Rentenversicherung mir Scheinselbständigkeit unterstellt hat. Ich habe gewonnen und wie ihr euch vielleicht vorstellen könnt, bin ich bedingt durch diese Nummer sehr tief drin in der Thematik und weiss sehr genau, was geht und was nicht geht.

Alles, was ihr braucht, ist ein Handy.

Und bereits an dieser Stelle kann ich ein zynisches Zucken meiner Augenbraue nicht mehr unterdrücken, denn so sieht es in Deutschland leider aus. Gerade in City Spas bringen die wenigsten Behandler eine fundierte Grundausbildung mit. Euch ist auf eurem Selbstfindungstrip in Indien oder beim Vipassana auf Bali ein Einhorn erschienen, das euch geflüstert hat, in Deutschland als „Bodyworker“ zu arbeiten? Kein Ding! Belegt nach eurer Rückkehr einfach irgendwo einen dubiosen Wochenendkurs und die Türen zu den deutschen Spas stehen euch offen.

Ihr lest vielleicht zwischen den Zeilen, dass ich das nicht so cool finde.

Richtig. Meiner persönlichen Meinung nach versauen gerade diese „Bodyworker“ die Konditionen für ausgebildete Leute, denn nicht selten arbeiten genau diese „Bodyworker“ für 30€ die Stunde oder weniger. Bei Buchung und brutto. Ich hab‘ 2013 schon mal einen Artikel für den SpaCamp Blog zum Thema „Lohndumping in der Spa Branche – Einsparpotential Freelancer“ geschrieben und würde auch heute, also 3 Jahre später, noch jeden einzelnen Satz genau so unterschreiben.

Aber wie läuft sowas in der Praxis ganz konkret ab?

Bei einer professionellen Kooperation auf Augenhöhe arbeitet ihr in Großstädten mit Rufbereitschaften. In der Regel habt ihr eine Stunde Vorlauf. In ländlicheren Gegenden hingegen, sprich Wellnesshotels, ist dieses Procedere aufgrund zu langer Anfahrtswege meistens nicht durchführbar. Hier wird ein Freelancer oft für eine bereits volle Schicht gebucht. Schreibt euch aber eines dick und fett hinter die Ohren: KEIN Auftraggeber darf euch zwingen, unbezahlt vor Ort zu sein und Zeit abzusitzen!

Generell kann euch niemand(!) zu irgendetwas(!) zwingen.

Will heissen: Ihr seid im Gegensatz zu Angestellten nicht weisungsgebunden. „Spül‘ das hier mal bitte ab!“ Ähm, nope!? Ich habe mit Hotel Spas kooperiert, bei denen es einfach nur mündliche Absprachen gab und ich hatte Kooperationen, bei denen ich eine Vereinbarung unterschrieben habe. Beides ist nicht ungewöhnlich.

In der Regel müsst ihr aber eine Verschwiegenheitsklausel unterzeichnen.

Wenn Angelina Jolie zur Hot Stone Massage bei euch eingebucht wird, müsst ihr das für euch behalten und dürft es im Anschluss nicht twittern. Solche Klauseln sind nicht unüblich und kein Grund, zusammenzuzucken. Von solch‘ einem Paragraphen abgesehen, unterscheiden sich schriftliche Kooperationsvereinbarungen zum Teil aber sehr stark voneinander. Unter’m Strich versucht ein Spa immer, sich mit so einer schriftlichen Vereinbarung dahingehend abzusichern, als dass ihr nicht scheinselbständig unterwegs seid, also auch noch anderswo Geld verdient.

Denn ihr braucht mehrere Auftraggeber!

Ein Spa reicht nicht aus. Wenn ihr nur für ein Haus arbeitet, bekommt ihr im Falle einer Statusfeststellung ernsthafte Probleme bezüglich des Scheinselbständigkeit-Themas. Aber auch mit mehreren Auftraggebern seid ihr vor einer Statusfeststellung und dem daran gekoppelten Drama nicht sicher. Ich hatte immer mindestens 3 und bisweilen sogar 5 Auftraggeber parallel, aber das hat die Deutsche Rentenversicherung nicht abgeschreckt. Mir wurden in dem oben erwähnten Verfahren 3 parallel laufende, abhängige Beschäftigungsverhältnisse unterstellt. (Hier gibt’s by the way ein gutes und kostenloses E-Book zum Thema Scheinselbständigkeit.)

Ihr müsst euch selbst sozialversichern.

Und so eine Krankenversicherung alleine zu stemmen, ist kein Spaß. Im Gegensatz zu Freelancern im kreativen Bereich gibt es für Freelancer im Spa kein Pendant zur Künstlersozialkasse. Das heisst, ihr könnt euch entweder privat krankenversichern (da werdet ihr mit einem günstigen Einstiegstarif geködert, der dann Jahr für Jahr weiter in schwindelerregende Höhen klettert und vielen Freelancern nach einigen Jahren finanziell immer stärker den Hals zuschnürt) oder ihr versichert euch freiwillig gesetzlich und dürft Arbeitgeber- und Arbeitnehmeranteil stemmen. Auch diese Option ist finanziell alles andere als der Hit. Für Kranken- und Pflegeversicherung solltet ihr mehrere hundert Euro monatlich einplanen.

Eine Rentenversicherungspflicht besteht zum aktuellen Zeitpunkt (noch) nicht.

Dass man diese Berufsgruppe aber in die Rentenversicherungspflicht zwingen will, belegen meiner Meinung nach Verfahren, wie ich es führen musste. Daher ist fraglich, wie lange das noch so bleibt. Fakt ist aber auch: Hätte ich zusätzlich zu meinen horrenden Kranken- und Pflegeversicherungskosten nochmal mehrere hundert Euro monatlich an Rentenversicherung abdrücken müssen, hätte ich diesen Job keine 10 Jahre machen können und ich wage zu behaupten, dass es in diesem Fall auch kaum noch rechtmäßig versicherte Freelancer gäbe. Ich bin immer wieder auf Kollegen getroffen, die nicht mal krankenversichert waren, weil sie sich den Beitrag nicht leisten konnten. Und ja, ich weiss, dass wir in einem Land mit Krankenversicherungspflicht leben.

Keine Rentenversicherungspflicht heisst aber auch: Wer nichts einzahlt, wird später nichts ausgezahlt bekommen. Ganz losgelöst von irgendwelchen Diskussionen, ob man später überhaupt etwas ausbezahlt bekommt oder ob das System nicht komplett überholt ist, führt an einer privaten Altersvorsorge also kein Weg vorbei. In meinem persönlichen Fall ist das ein Rentenfonds, in den ich monatlich knapp 200€ einzahle.

Bevor es losgeht, müsst ihr euch eine Steuernummer besorgen.

Die bekommt ihr bei eurem zuständigen Finanzamt. Kosmetiker(-innen) müssen darüberhinaus auch noch ein Gewerbe anmelden. (Masseure bzw. Masseurinnen nicht.) Da es sich bei Spa Treatments um Dienstleistungen handelt, inkludieren die Treatmentpreise immer auch 19% Umsatzsteuer. (Das ist bei medizinischen Behandlungen nicht der Fall.) Ihr könnt bis zu 17.500€ im Jahr als freiberuflicher Spa Therapist erwirtschaften, ohne dass ihr Umsatzsteuer abführen müsst (Stand: August 2016). Der ganze Spaß nennt sich „Kleinunternehmerregelung“ und auf euren Rechnungen muss in diesem Fall auch mit draufstehen, dass ihr als Kleinunternehmer unterwegs seid.

Wenn ihr den ganzen Spaß hauptberuflich macht, werdet ihr aber nicht lange Kleinunternehmer bleiben.

Denn mit +/- 1.450€ brutto monatlich überlebt es sich nicht so easy. Wenn ihr der Auftraggeber seid und euer Freelancer über Jahre hinweg einen auf Kleinunternehmer macht, obwohl er zu 100% von dieser Art der Tätigkeit lebt, würde ich persönlich mal genauer hinschauen und ggf. nachhaken. Denn wenn ein Freelancer die Umsatzsteuer nicht abführt und das Finanzamt das irgendwann mitbekommt, seid ihr mit dran.

Abgerechnet wird in der Regel am Monatsende. Das heisst, ihr schreibt euch auf, wie viele und welche Treatments ihr im Lauf des Monats für Spa X bzw. Spa Y gemacht habt und stellt sie am Ende des Monats in Rechnung.

Ihr müsst aber nicht nur Umsatzsteuer abführen, sondern auch Einkommensteuer zahlen.

Was den Angestellten die Lohnsteuer, ist den Selbständigen und Freelancern die Einkommensteuer. Die Einkommensteuer ist zum einen abhängig von der Höhe des zu versteuernden Einkommens (also Einnahmen minus Ausgaben), zum anderen aber auch davon, ob ihr ledig oder verheiratet seid. Wenn ihr 2.000€ brutto im Monat erwirtschaftet, macht es Sinn, ungefähr 200€ davon zur Seite zu legen.

Besorgt euch eine Berufshaftpflichtversicherung!

Ganz egal, ob ihr wisst, aus wie vielen Wirbelkörpern die Wirbelsäule besteht oder nicht – theoretisch kann euch ein Gast jederzeit für einen potentiellen Bandscheibenvorfall oder ähnliches verantwortlich machen. Und für diesen worst case braucht ihr unbedingt eine Berufshaftpflichtversicherung! Da gibt es manchmal ganz okaye Kombitarife, die an eine Privathaftpflicht-Versicherung gekoppelt sind. In meinem persönlichen Fall sind das einmalig knapp 200€ im Jahr.

Lasst euch nicht erpressen!

Ich habe es schon mehrfach persönlich erlebt und noch häufiger von außen beobachtet, dass Freelancer ganz offen erpresst werden. Zum Beispiel so: „Wenn Du nicht unbezahlt vor Ort bist, dann buchen wir Dich nicht mehr.“ Lasst euch gesagt sein, dass diese Vorgehensweise nicht unüblich ist und dass ich bisher keine Kooperation mit irgendeinem Haus hatte, in dem mir dieses Gebahren nicht persönlich begegnet wäre.

In solchen Situationen solltet ihr versuchen, die Existentangst wegzuatmen und eurem Auftraggeber mit geradem Rücken gegenüberzutreten und klare Ansagen zu machen. Zum Beispiel: „Ich bin nicht weisungsgebunden und aus diesem Grund werde ich hier nicht unbezahlt vor Ort meine Zeit absitzen.“ Die Chancen, dass man euch weiterhin bucht, liegen bei 50%. In meinem persönlichen Fall ging es einmal schief. Damals wurde eine Behandlerin, die aus einem anderen Land kam und mit den deutschen Abläufen nicht vertraut war, einfach zusätzlich zu mir in meine Schicht mit eingebucht. Sie erklärte sich bereit, für weniger Geld im Falle einer Buchung die Nachmittage unbezahlt und wartend in einem fensterlosen Treatmentraum zu verbringen. Ich wurde von diesem Tag an nicht mehr gebucht. In solch‘ einem Fall, solltet ihr euch erhobenen Hauptes verabschieden. Die Menschen, die euch buchen, sitzen letztenendes immer am längeren Hebel.

Es geht nicht um Qualität.

Ich weiss, das ist hart, aber lasst euch gesagt sein, dass es unter’m Strich immer um Wirtschaftlichkeit geht. Der Freelancer, der zu den miesesten Konditionen arbeitet, wird am Ende immer die meisten Buchungen abbekommen. Und zwar einzig und alleine aus dem Grund, weil in diesem Fall am meisten beim Hotel bzw. dem Spa hängen bleibt.

Ihr seid austauschbar.

Auch das klingt hart, sollte euch aber von Anfang an klar sein. Die Hotellerie ist ein Haifischbecken. Persönliche Befindlichkeiten sind hier nicht von gesteigertem Interesse.

Euch sollte auch immer klar sein, dass ihr mehr Geld erwirtschaften müsst, als ihr zum Überleben braucht, weil ihr keine Einnahmen haben werdet, wenn ihr mal krank seid oder ein paar Tage Urlaub machen wollt. Desweiteren sollte euch auch klar sein, dass die meisten Spas an 365 Tagen im Jahr geöffnet haben und manchmal erst um Mitternacht schliessen. Das heisst, ihr werdet nicht umhin kommen, auch am Wochenende oder am späten Abend zu arbeiten. Gerade als Freelancer wird man euch nicht selten auch nachts anfragen. Klar, ob ihr einen Rockstar nach seinem Konzert um Mitternacht auf dem Zimmer massieren möchtet oder nicht, entscheidet ihr letztenendes selbst, aber wer nur bereit ist, von Montag bis Freitag zwischen 8 und 16 Uhr zu massieren, wird relativ schnell kapitulieren.

Und wieviel verdient man jetzt als Freelancer?

Generell gilt: Ihr bekommt entweder einen festen Stundensatz oder ihr seid prozentual am Treatmentpreis beteiligt. Beides greift natürlich nur im Falle einer Buchung. Prozentuale Beteiligungen sind immer cooler, weil ihr bei langjährigen Kooperationen auch von den steigenden Treatmentpreisen profitiert. Ein fester Stundensatz wird sich niemals erhöhen. Macht euch das klar. Die Tendenz geht eher dahin, dass die Preise weiter gedrückt werden.

Ich habe, als ich vor 10 Jahren angefangen habe, noch über 50€/Stunde bekommen. Sowas werdet ihr heute nicht mehr finden. Gerade in Berlin sorgen viele Behandler aus anderen Ländern, in denen ein deutlich niedrigeres Lohnniveau vorherrscht, dafür, dass sich die Konditionen auch weiterhin in einer Abwärtsspirale nach unten bewegen und die Schmerzgrenze schon längst überschritten haben. Würde ich zu den heutigen Konditionen wieder einsteigen, wüsste ich nicht, wie ich überleben soll. Und damit bin ich vermutlich nicht alleine.

Wenn euch jemand das Märchen vom reichen Freelancer erzählt, dürft ihr ihn also gerne auslachen.

Denn wie oft gibt es Tage, an denen ihr buchbar seid und keine Behandlungen reinkommen oder Tage, an denen die Gäste einfach nicht zum vereinbarten Termin erscheinen. Nicht selten verdient ihr mehrere Tage hintereinander weg keinen einzigen Cent. Ich kann mir ehrlich nicht erklären, wie der Großteil der in Berlin tätigen freien Spa Therapists es schafft, mit einem Stundensatz von +/- 20€ brutto bei Buchung zu überleben.

Dennoch würde ich persönlich immer wieder die freiberufliche Option wählen und mich gegen eine Festanstellung entscheiden. Einfach, weil ich selbst bestimmen möchte, wie mein Arbeitspensum aussieht und weil ich denke, dass sich diese Tätigkeit nicht im Fließbandmodus verrichten lässt. In dem Post „Perfektes Spa oder Top Behandler? Warum ihr euch meistens für eins von beidem entscheiden müsst…“ gehe ich auf diese Thematik auch nochmal näher ein.

Also: Unter’m Strich ist es eine Typsache. Es gibt Menschen, die gerne selbstbestimmt arbeiten, ihre Grenzen ungern von anderen Menschen abstecken lassen und sich nicht so gut unterordnen können. In diesem Fall würde ich immer zur freiberuflichen Tätigkeit raten. Stellt euch aber darauf ein, dass ihr mit dieser Arbeit zu den aktuellen Konditionen am Markt nicht reich werdet, dass ihr euch immer wieder für den Wert eurer Arbeit rechtfertigen müsst und dass euch dann und wann mal die Existenzangst besucht.

Trotzdem lohnt es sich, wenn man liebt, was man tut.

Jenny