Bloggen & Ortsunabhängiges Arbeiten

ortsunabhängig arbeitenLiebe Leute, ich bin mir nicht sicher, ob man es als „Bewegung“ bezeichnen kann oder ob es an der Berliner Blase liegt, in der ich nunmal lebe – aber seit ein paar Jahren wird insbesondere Menschen, die „geregelten“ Angestelltenverhältnissen nachgehen, immer stärker suggeriert, dass sie unfrei sind.

„Mach Dein eigenes Ding“ ist dabei der Grundtenor. „Auch du kannst es schaffen und ortsunabhängig arbeiten“ oder „Rock‘ Dein Leben“ liest und hört man gefühlt unentwegt auf allen Kanälen. Und wie „geil“ das doch ist.

Nun bin ich selbst ein Mensch, der sich nicht so gut unterordnen kann und aus diesem Grund für Angestelltenverhältnisse eher ungeeignet ist. Daher kam für mich eigentlich seit meinem Staatsexamen nie irgendwas anderes als Selbständigkeit in Frage. Auch mein Umfeld besteht so gut wie ausschliesslich aus Freelancern und Selbständigen. Aber trotzdem stellt sich mir die Frage: Ist es nicht ganz schön anmaßend, allen Angestellten per se Unfreiheit und ein unglückliches Leben in Gefangenschaft zu unterstellen?

Kürzlich erschien eine brand eins Kolumne mit dem Namen „Die Gaukler“. Sie wurde ziemlich zerrissen, weil sie das Propagieren des digitalen Nomadentums in Frage stellte, aber ich bin mir nicht so sicher, ob das nicht einfach nur daran lag, dass der Großteil der publizierenden „Online Entrepreneure“ untereinander vernetzt und befreundet ist. Da prangert jemand an, dass es vielleicht nicht ganz so cool ist, Online Kurse an verzweifelte Menschen zu verkaufen mit dem Versprechen „Auch Du kannst es schaffen“ und niemand stimmt ihr zu? Ich möchte das hiermit ändern.

Ganz losgelöst davon, dass ich es für ziemlichen Bullshit halte, zu behaupten, dass jeder einen Blog hochziehen und davon leben kann, möchte ich heute einfach mal aus einer Situation heraus berichten, die es mir mittlerweile ermöglicht, ortsunabhängig zu arbeiten. Denn seit einigen Monaten bespiele ich I LOVE SPA nun hauptberuflich.

Die Sache mit den Existenzängsten ist mir nicht fremd, denn auch in den vergangenen 10 Jahren, in denen ich meinen Lebensunterhalt als freiberuflicher Spa Therapist bestritten habe, war ich dank Statusprüfung durch die Deutsche Rentenversicherung, die 7 Jahre stumpfes Rumprozessieren und damit verbundene Auftraggeberverluste nach sich zog, vor ihnen nicht sicher. (Dafür weiss ich jetzt, wie das Sozialgericht von innen aussieht.)

Über so eine Scheiße, die einem als Selbständiger eben auch passieren kann, berichtet irgendwie nie jemand, wenn es darum geht, „das Ding zu rocken“. Und eine Woche lang nur Nudeln mit Tomatensoße zu essen, weil die Auftraggeber die Rechnungen nicht bezahlen, ist auch nur bedingt „geil“. Auf den Social Media Kanälen jedoch wird ein fancy Lifestyle propagiert. Hippes Café am Beach, Macbook auf dem Schoß. Ihr wisst schon.

Auch als ich noch ortsabhängig selbständig unterwegs war, bin ich viel gereist. Ich habe die November in Asien verbracht und konnte das so richtig genießen. Denn ich hatte „Urlaub“. Mein Computer war zuhause. In den vergangenen beiden Wochen in Portugal war das zum ersten Mal anders. Ich hatte in den Tagen vor dem Abflug noch so viele Spa Checks und Termine, dass ich es nicht hinbekam, Content vorzuproduzieren. Während in Portugal draussen die Sonne schien, habe ich das drinnen nachgeholt. Denn liebe Leute, lasst euch nicht verarschen von diesen Bildern mit Macbook am Strand – man erkennt halt einfach mal gar nichts. Es ist viel zu hell.

Nach ein paar Tagen wies meine Reisebegleitung mich vorsichtig darauf hin, dass ich ziemlich connected mit meinem Handy bin und fragte mich, ob das nun, wo der Blog mein Full Time Job ist, wohl für immer und jeden Urlaub so bleiben wird. Ich dachte über diese Frage 2 Tage lang nach und kam zu dem Ergebnis, dass Verreisen sich wohl nie wieder so anfühlen wird wie früher. Als man tagelang einfach offline und voll und ganz im Urlaub war.

Denn ich regelte von Portugal aus die letzten, noch ausstehenden Sachen für Wien kommende Woche, reichte meinen Themenvorschlag für’s SpaCamp 2016 ein und schaufelte mich terminlich frei für die spontane Einladung zur Spa Life International Konferenz Ende Mai. Alle anderen Emails ignorierte ich. Auto Responder sei dank. Aber „geil“, das lasst euch gesagt sein – geil war das jetzt nicht unbedingt. Geil wäre es gewesen, mit einem portugiesischen Bier in der Sonne abzuhängen und sich keine weiteren Gedanken zu machen. So wie früher halt.

Bitte versteht mich nicht falsch. Ich möchte mich keineswegs beklagen. Ich liebe diesen Blog hier und alles, was da mit dranhängt. Nach 2 Wochen Urlaub, in denen es mir letztenendes dann doch noch gelungen ist, mir Offline-Phasen zu schaffen, muss ich mir aber selbst eingestehen, dass ich berufsbedingt viel stärker mit meinem Handy und meinem Computer connected bin, als es mir bewusst war. Es fiel mir alles andere als leicht, plötzlich nicht mehr zu snappen und die Social Media Apps nicht mehr regelmäßig zu öffnen, um adäquat und zeitnah auf alles zu reagieren.

Was ich mit diesem Post einfach sagen will: Als Mensch, der ortsunabhängig arbeiten kann, ist man nicht unbedingt freier. Ich fühlte mich früher im Urlaub und auf Reisen ohne Macbook auf jeden Fall sehr viel freier als in den vergangenen beiden Wochen. Und das sollte vielleicht auch einfach mal gesagt werden.

Es wäre darüberhinaus auch ganz cool, diesen Post hier nicht als Gebashe gegen diese Menschen zu werten, die die „Rock‘ Dein Leben“-Message propagieren. Denn es ist lediglich meine persönliche Meinung. Ich bin mir by the way ziemlich sicher, dass viele Leute da draussen in „9 to 5-Jobs“ unterwegs sind und vom „Mindset“ her sehr viel freier und weniger lost als all‘ die „digitalen Zen Nomaden“, die uns unentwegt über ihre Social Media Kanäle von ihrem geilen Lifestyle zu überzeugen versuchen.

Beides hat Vor- und Nachteile. Ich liebe diesen Blog und ich liebe meine Arbeit als Blogger. Dennoch beneide ich ein bisschen alle Angestellten, die einfach verreisen können und ihre Arbeit zuhause lassen.

Jenny