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„Touch To Go“ von Anne Papendieck

22/04/2016

Touch to go BuchHeute gibt’s mal wieder einen Lesetipp, denn Touch To Go: Vom Wert der professionellen Distanz in körpertherapeutischen Behandlungen von Anne Papendieck kann ab sofort offiziell bei Amazon in’s Warenkörbchen gelegt werden!

Der heutige Post ist jedoch keine klassische Buchrezension, ich möchte die Erscheinung von Anne’s Buch vielmehr als Aufhänger nehmen, bestimmte Statements und Thesen aus dem Buch nochmal ganz bewusst hier öffentlich zu thematisieren, da ich weiss, dass viele brancheninterne Leute es lesen werden, die nach wie vor stur behaupten, dass es bei ihnen noch nie Grenzüberschreitungen gegeben hat und sich demzufolge nach wie vor weigern, dieses ungemütliche Thema offen und klar zu kommunizieren.

„Touch to go“ ist aus Sicht einer weiblichen Behandlerin beschrieben, wobei männliche Behandler von Grenzüberschreitungen, wenn unter’m Strich auch seltener, natürlich gleichermaßen betroffen sind. Ich denke, dass Behandler(-innen) von dem Buch am stärksten profitieren können, was nicht bedeutet, dass es auch für Endverbraucher informativ ist. Ich kann mich sehr gut identifizieren mit Anne und den Situationen, die sie in ihrem Buch schildert. Auch ich bin eine Frau, auch ich arbeite seit vielen Jahren in Spas der gehobenen Hotellerie und die Situationen, die sie nacherzählt, habe ich zum Großteil auch alle selbst schon erlebt. (Heiratsanträge, Einladungen in High Society Badeorte oder Angebote, dauerhaft mit reichen, männlichen Gästen auf Reisen zu gehen und ihnen dabei stets als private Behandlerin zu dienen).

Anne’s Buch erzählt Geschichten, die sie selbst erlebt hat und behandelt die unsichtbaren und gleichsam sensiblen Grenzen im Treatmentraum. Es geht darum, wie man eben diese Grenzen als Behandler(-in) erkennt und damit dealt. Wie man in solchen Situationen klar kommuniziert und die Führungsrolle beibehält. Ich möchte in dem heutigen Post nicht das komplette Buch nacherzählen (schließlich sollt ihr es kaufen und selbst lesen), aber dennoch ein paar – mir sehr wichtige Punkte – aufgreifen.

1. Fehlende Kommunikation

Massagepersonal in Spas wird durch nichts und niemanden auf Grenzüberschreitungen vorbereitet! Auch ich war maßlos überfordert, als es mir zum ersten Mal passierte. Totale emotionale Achterbahnfahrt! Dabei müsste es keineswegs soweit kommen. Würde man bereits in der Ausbildung und auch in Spas offen über diese Situationen reden, hätten es alle Behandler sehr viel leichter, wenn sie in grenzüberschreitende Situationen geraten.

Würden sich Spas diesbezüglich ganz klar positionieren und wäre jeder Mitarbeiter dahingehend gebrieft, dass er wortlos den Raum verlassen darf, sobald eine Grenze überschritten wird (und dass die anschließende Abwicklung von einer anderen Person im Spa übernommen wird), würde aufgrund der Zahl an Behandlungsabbrüchen erst deutlich, wie häufig es wirklich zu Grenzüberschreitungen kommt. Da es aber in der Regel nicht der Fall ist, dass Behandlerinnen und Behandler (egal ob angestellt oder freiberuflich) sich auf uneingeschränkte Rückendeckung seitens des Arbeitgebers oder Auftraggebers verlassen können, steht das Bedürfnis, auf sich selbst gut aufzupassen in starker Diskrepanz zur Loyalität gegenüber des Arbeit- oder Auftraggebers. Das bringt Anne in ihrem Buch auch sehr gut auf den Punkt.

9 von 10 brancheninternen Führungskräften oder Hotelliers versuchen mir glaubhaft zu versichern, dass es bei ihnen noch nie zu Grenzüberschreitungen im Treatmentraum gekommen ist. Das ist selbstredend totaler Bullshit und macht mich ernsthaft sauer. Ich kann nicht oft genug betonen, wie wichtig es ist, dass die Branche endlich beginnt, sich offen mit dieser Problematik auseinanderzusetzen!

2. Sinnlichkeit

Anne schreibt, dass Spa Treatments sinnlich sind. Wenn wir uns auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes berufen, lässt sich das auch sicherlich nicht bestreiten. Dennoch würde ich selbst immer darauf bestehen, dass meine Behandlungen nicht als sinnlich bezeichnet oder verkauft werden. Warum? Weil dieses Wort Assoziationen weckt, die in einem Treatmentraum nichts zu suchen haben. Die Google Bildersuche liefert diesbezüglich auch sehr eindeutige Ergebnisse.

Googelt man nicht nur das Wort „sinnlich“, sondern „sinnliche Massage“, werden ausschliesslich Tantra- und Erotikmassagen gelistet. Klar kann man sich jederzeit auf die ursprüngliche Bedeutung des Wortes berufen. Man kann aber genauso gut versuchen, alle doppeldeutigen Vokabeln, die bereits im Vorfeld sexuelle Erwartungen wecken, auszuschließen. Ich weiß, dass es in Bezug auf diese Begrifflichkeit sehr unterschiedliche Auffassungen gibt, aber solange sich jedes zweite Bordell als Wellnessoase bezeichnet, sollten professionelle Spa Betreiber meiner persönlichen Meinung nach einfach jede Möglichkeit nutzen, sich begrifflich klar und sauber abzugrenzen und zu positionieren.

3. Victim Blaming

Ein Punkt, in dem ich Anne widersprechen möchte ist der, dass sie schreibt: „…wir erleben aus meiner Sicht wirklich nur das, was etwas mit uns selbst zu tun hat“ bzw. „wir kreieren uns in der Regel genau das, was wir insgeheim erwarten“. Da ich keine(n) einzige(n) Behandler(-in) kenne, der/die noch nie eine Grenzüberschreitung erlebt hat, scheint mir das, bezogen auf diese Thematik, doch eine eher gewagte These. Es geht mir schon zu sehr in Richtung Victim Blaming von wegen „Schau‘ mal auf Dich selbst und frag‘ dich, warum Dir das passiert“. Fakt ist meiner Meinung nach: Ein Gast, der eine Grenze überschreiten will, wird immer versuchen, sie zu überschreiten. So banal es auch klingen mag: Es geht dabei in der Regel um Macht. Somit ist meiner Meinung nach kein(e) Behandler(-in) vor einer solchen Erfahrung sicher. Umso wichtiger ist es, Behandlerinnen und Behandlern einen ganz klaren Leitfaden an die Hand zu geben, wie sie sich aus einer solchen Situation ohne große Diskussionen verabschieden können.

4. Reinigung und Klärung

Besonders begeistert hat mich das Kapitel bzgl. Reinigung und Klärung des feinstofflichen Energiekörpers. Jeder, der selbst behandelt, kennt das. Je nachdem, welche Menschen man im Tagesverlauf so angefasst hat, fühlt man sich nach Feierabend besser oder schlechter. Mir persönlich hilft Ausschütteln (so ganz osho-like) und das passende Räucherwerk ganz gut, damit ich mich nach der Arbeit wieder nach mir selbst anfühle. Anne führt aber auch noch einige andere Möglichkeiten auf. Auch dieses Thema wird leider weder im Spa, noch während der Ausbildung thematisiert. Ziemlich dumm, Leute energetische Arbeit erlernen bzw. verrichten zu lassen, ohne ihnen zu erklären, wie sie sich im Anschluss „reinigen“, oder?

5. Erschöpfung durch energetische Fließbandarbeit

Ich finde es super, dass Anne auch auf die Belastungsgrenze eingeht. Ich zitiere: „Wer nicht als Masseur arbeitet, wird normalerweise nicht einschätzen können, was es bedeutet, zahllose Termine hintereinanderweg zu massieren. Tag für Tag, Woche für Woche.“ Fakt ist, dass dieser Tätigkeit allgemeinhin nur wenig Wertschätzung entgegengebracht wird. Das spiegelt sich auch in der Entlohnung wieder. Anne fordert Behandlerinnen und Behandler in „Touch to Go“ auf, das Erreichen dieser Belastungsgrenze gegenüber des Arbeitgebers oder Auftraggebers möglichst schnell zu kommunizieren. Wie realistisch es ist, dass Arbeit- bzw. Auftraggeber darauf wirklich eingehen und etwas an den Arbeitsbedingungen ändern, ist meiner Meinung nach aber fraglich.

Mir selbst wurde in solchen Situationen immer wieder mit Unverständnis begegnet. Dabei ist es mehr als legitim, offen zu kommunizieren, dass ich keine vier 90-minütigen Deep Tissue Massagen hintereinanderweg geben kann. Ich beobachte allerdings genau wie Anne, dass die meisten Behandler andere Wege suchen, um mit dieser Erschöpfung zu dealen. Extra lange Fußbäder zu Beginn oder lange Nachruhezeiten im Anschluss an die Behandlung verkürzen oft die Behandlungsdauer. Blöd für den Gast, aber wenn man sich so manchen straff getakteten Dienstplan anschaut, aus Sicht des Behandlers auch absolut nachvollziehbar.

Mit den folgenden 3 Sätzen, die ich abschliessend zitieren möchte, bringt Anne den Status Quo ganz gut auf den Punkt: „Wer sich als MasseurIn in einem Spa anstellen lassen will, wird immer noch vielerorts zur „Fließband-Massage“ eingestellt. Um rentabel zu sein, ist das weit verbreitete Konzept, bei möglichst niedriger Bezahlung einen Mitarbeiter möglichst viele Behandlungen durchführen zu lassen. Das folgt vor allem der Logik sowie der Notwendigkeit zur Wirtschaftlichkeit eines Unternehmens, wobei sich eine auf Regeneration und Well Being ausgerichtete Spa Philosophie an einem Wirtschaftsgedanken nur reiben kann in der Hoffnung, dass sie ihn behutsam durchweicht, um ihn Spa Welten anzupassen.“

Mich hat „Touch to Go“ zum einen in meiner eigenen Wahrnehmung bestärkt (weil es augenscheinlich die immer gleichen Muster sind, die weiblichen Behandlerinnen begegnen). Zum anderen hat es mir aber auch nochmal verdeutlicht, wie gering die Wertschätzung für den Beruf „Spa Therapist“ ist und wie konsequent Arbeitgeber und Auftraggeber sowohl körperliche, als auch seelische Überbelastung ignorieren.

Daher möchte ich dieses Buch allen Behandlerinnen und Behandlern da draussen unbedingt an’s Herz legen.

Fettes Danke an Anne!

Jenny

P.S.: Ich lebe mit der größten Schneckenphobie unter der Sonne, daher war bei der Bebilderung meine Kreativität gefragt. Ich hoffe, ihr seht mir nach, dass ich das Original Cover nicht mit eingebunden habe.

Das Buch wurde mir kostenfrei zur Verfügung gestellt. Diese Tatsache hat jedoch keinerlei Einfluss auf meine Empfehlung. Ich schreibe nur über Dinge, die mich überzeugt haben – ganz unabhängig davon, ob ich sie selbst gekauft habe oder ob sie mir kostenfrei zur Verfügung gestellt wurden. Was mich nicht überzeugt, taucht nirgendwo auf.

3 Kommentare

Kommentar von Sandra am 22/04/2016 bei 08:34   

Hallo Jenny. Danke für diesen Buchtipp. Ganz wichtiges Buch. Ich denke, das Thema geht sogar weit über reine SpaBehandlungen hinaus. Viele Physiotherapeuten, Osteopathen, Heilpraktiker - kennen diese Grenzüberschreitungen. Minderwertige Entlohnung und Arbeit im Akkord, das Feilschen um den besseren Preis oder die Erschleichung von Leistungen rauben wirklich Kraft - darüber wurde ich mir erst nach Jahren bewußt. Ich sehe es genauso wie Du - der Selbstwert der Behandler(innen) sollte bereits ab Tag 1 der Ausbildung gestärkt werden. Lg Sandra

Kommentar von I LOVE SPA am 22/04/2016 bei 08:40   

Absolut!

Kommentar von Anne Papendieck am 22/04/2016 bei 12:16   

Danke ❤ Jenny Ospelt für die Besprechung! Das das Thema Berührung (in Massagen) und damit verbundene Missverständnisse (GrenzüberSchrei-tungen) ganz Unterschiedliches auslöst, liegt in der Natur des Themas. Wichtig ist, das Thema öffentlich zugänglich zu machen. Es ist an der Zeit!!! Es gibt eine Facebookseite, auf der ich mich riesig über jede Art von Austausch, Fragen, Anregungen, Diskussionen...wie albern, einfach, komplex oder wie-auch-immer sie erscheinen...freue. Der geteilte Input drückt die Leidenschaft und das Interesse aus und macht eine Gemeinschaft - hier auf Facebook oder im Leben - erst lebendig.

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