Victim Blaming at its best. Schluss mit dem Übergriffigkeitsthema. Fokus auf den Blog.

Victim Blaming - Sexuelle Belästigung durch MasseurMachen wir uns nichts vor. Als ich letztes Jahr im Februar mit klopfendem Herzen den „Veröffentlichen“ Button gedrückt habe, um meine sexuelle Übergriffigkeit während eines Hamam Treatments mit euch zu teilen, habe ich etwas losgetreten, ohne dass mir damals auch nur ansatzweise klar war, wohin das führen wird.

Mittlerweile weiss ich: Es ist vielen von euch auch passiert. Und ich weiss auch: Trotzdem redet kaum jemand darüber. Nachdem mir damals kurzzeitig die Besucherzahlen um die Ohren geflogen sind und ich wieder die Oberhand über mein Email-Postfach hatte, begann ich, verschiedene Interviews zu diesem Thema zu führen. Mit der Berliner Polizei, einer Frauenberatungsstelle und einem Spa Manager. Die eigens zu diesem Thema angelegte Subpage gehört mittlerweile jeden Monat zu den meistgeklicktesten Seiten des Blogs.

Beim SpaCamp im November 2015 habe ich es geschafft, das Thema erstmalig branchenintern auf den Tisch zu bringen. Und weil ich mir fest vorgenommen hatte, diese gerade mal frisch angeschubste Diskussion nicht abebben zu lassen, habe ich Ende Dezember einen Gastartikel für Edition F geschrieben. Noch bevor dieser Gastartikel veröffentlicht wurde, ereigneten sich die Silvesterübergriffigkeiten in Köln. Plötzlich war das Thema omnipräsent und wurde von jedem ganz individuell für die eigenen Zwecke benutzt.

Dennoch wollte ich weiter offensiv mit der Thematik umgehen. Als ich auf Facebook die Email-Anfrage für eine Penismassage mit euch geteilt habe, die ich im Postfach hatte, wurde mir zum wiederholten Mal eine unentspannte Sexualität unterstellt. Es ist by the way nicht das erste Mal gewesen, dass der Fehler bei mir gesucht wird. „Das ist Dir nicht ohne Grund passiert. Schau‘ mal auf Deine eigene Sexualität.“ Victim Blaming at its best. Auf den Täter schaut interessanterweise nie jemand.

Ich hatte bisher mindestens 100 Treatments, bei denen alles super war. Dann gerate ich einmalig an ein Arschloch, das die Grenze überschreitet und ich soll mir mal anschauen, was mit MIR nicht stimmt? Ich meine…seriously? Diese verschwurbelte Eso-Scheiße wurde im Übrigen ausnahmslos von Frauen an mich herangetragen. Warum auch Frauen sich in solchen Situationen noch auf die Seite der Täter stellen und nicht kollektiv an einem Strang ziehen, ist ein weiteres Phänomen, das ich einfach nicht zu begreifen imstande bin.

Vergangenen Freitag hat die Huffington Post dann meinen Artikel vom letzten Februar zweitveröffentlicht. Ich war am Nachmittag mit einem Freund unterwegs und offline. Als ich am Abend die Kommentare sowohl auf der Facebookpage der Huffington Post Deutschland, als auch unter dem Artikel selbst las, war mir augenblicklich kotzübel. Ich wurde umgehend in diesen tauben Zustand zurückkatapultiert, in dem ich mich unmittelbar nach dem Übergriff befand. Mein Mund war staubtrocken. Mein Herz klopfte bis zum Hals.

Ich habe daraufhin einige der Kommentare gescreenshottet und auf Twitter geteilt. Wenn ihr ein bisschen scrollt, könnt ihr sie überfliegen. Es gibt eine Frage, die mir seit Freitag Abend einfach nicht mehr aus dem Kopf will und diese Frage lautet: WHAT THE FUCK?

Am Samstag Morgen habe ich mich zusammengerissen und wie jeden Samstag den Newsletter in Videoform veröffentlicht. Zu den Kommentaren vom Freitag möchte ich mich an dieser Stelle gar nicht weiter äußern. Dass allerdings niemand auf die Hashtags auf Twitter reagiert hat, macht mich zutiefst betroffen. Plötzlich gehen die Feministinnen in Deckung. Stattdessen erreichten mich auch am vergangenen Wochenende wieder Emails von betroffenen Frauen.

Ich fühlte und fühle mich angeschlagen, alleingelassen und überfordert. Aus diesem Grund habe ich für mich die Entscheidung getroffen, mich nicht länger öffentlich so angreifbar zu machen und die Schusslinie zu verlassen. Das hat zur Folge, dass ich die Übergriffigkeits-Thematik von nun an nicht mehr auf dem Blog behandeln werde. Betroffene Frauen können sich selbstverständlich auch weiterhin jederzeit an mich wenden! Auch die Subpage bleibt bestehen. Öffentlich werde ich mich diesbezüglich jedoch nicht mehr äußern. Ich muss mir an diesem Punkt eingestehen, dass ich es alleine nicht schaffe. Wenn selbst die Hashtag-Feministinnen auf Twitter wegschauen und auch die Branche sich für so eine Sauerei wie am Freitag nicht weiter interessiert, ist es mir als Einzelperson unmöglich, hier auch nur einen Schritt voranzukommen.

Ich denke über eine bloginterne Zertifizierung nach, um eine größere Sicherheit für den Endverbraucher zu gewährleisten. Sowas würde aber (wenn überhaupt) mehr im Hintergrund ablaufen. Für Interviews, Gastartikel oder Vorträge zu diesem Thema stehe ich zukünftig nicht mehr zur Verfügung.

Ich muss zugeben, dass diese verfickte Zweitveröffentlichung mich ausgeknockt hat. Ich fühle mich noch immer taumelig. Es tut mir unendlich leid für alle betroffenen Frauen da draußen, die sich mir anvertraut haben. Ich bin vielleicht ein bisschen zu naiv an die Sache rangegangen. Ich hoffe, ihr versteht, dass ich auf mich aufpassen muss und respektiert aus diesem Grund meine Entscheidung.

Jenny