„Die Diät ist nur die kleine Schwester der Ernährungsumstellung“ – Interview mit Moritz Warntjen

Interview mit Moritz WarntjenVor ein paar Wochen habe ich einen Post über „Food ’n‘ Love – Ich ess‘ dann mal normal“ von Moritz Warntjen veröffentlicht. Anschliessend kam ich mit Moritz in Kontakt. Wir tauschten ein paar Emails aus und so entstand die Idee, ihn zu interviewen. So spannend! Aber lest selbst:

Lieber Moritz, erstmal danke, dass Du Dir die Zeit genommen hast, meine Fragen so ausführlich zu beantworten. Ich fand‘ es ganz schön ungewöhnlich, dass ein Mann so ein Buch schreibt. Wie kam es dazu?

Ja, vielen Dank noch einmal für den Artikel über mein Buch. Ich fand es schön, dass – obwohl wir uns vorher nicht kannten – durch deinen so positiven und schönen Artikel eine neue, sehr nette Begegnung entstanden ist. Und natürlich ist es für mich immer toll, wenn ich sehe, dass jemand anderer meine Gedanken gut findet und mir hilft, neue Leserinnen und Leser zu erreichen.

Um auf Deine Frage zurück zu kommen: Bei mir ging alles zunächst relativ unspektakulär los. Ich habe vor ca. 10 Jahren die erste Diät gemacht, weil ich dachte, ich hätte zugenommen. Im Nachhinein habe ich verstanden, dass das als Mann eigentlich ganz normal ist, dass man mit 24 nicht mehr die Figur hat wie mit 16. Ich wurde auch nicht im herkömmlichen Sinne dick, hatte aber an Gewicht zugenommen. Ich habe dann jedenfalls angefangen, auch Sport zu machen und an meiner Ernährung zu basteln, habe verschiedene Sachen ausprobiert und immer weitere, neue Diäten gemacht. Durch den Sport hat sich mein Körper ebenfalls verändert und ich wurde immer „Körper-bewusster“ insoweit als ich mich immer mehr mit meinem Körper und damit einhergehend auch mit meiner Ernährung beschäftigt habe.

Ich glaube, ich habe in den letzten 10 Jahren fast alles ausprobiert, was man so machen kann: Low Carb, Low Fat, Paleo, Vegetarisch, Vegan, Atkins…Was ich feststellen konnte war zum einen, dass ich zunächst stets rapide abgenommen habe, aber sobald ich wieder „normal“ gegessen habe, konstant zugenommen habe. Zum anderen musste ich leider feststellen, dass ich immer frustrierter wurde, obwohl ich eigentlich ein sehr positiver Mensch bin.

Eines meiner größten Aha-Erlebnisse hatte ich, als ich wieder einmal absolut frustriert war und überlegt habe, ob ich die nächste Diät machen soll und dann beschlossen habe, einfach mit allem aufzuhören und anzufangen, wieder normal zu essen. Genau da habe ich festgestellt, dass ich einfach nicht mehr weiß, wie normal essen eigentlich geht. Das war eine sehr aufrüttelnde Erfahrung!

Mein zweites Aha-Erlebnis war, als ich merkte, dass immer mehr junge Männer im Sport und im Bekanntenkreis meinen Diäten gefolgt sind und zwar abgenommen haben, aber immer unsicherer wurden, was sie nun eigentlich essen konnten und mir ständig Nachrichten mit Anfragen geschickt haben. Da habe ich gemerkt, dass es nicht nur mir so geht, sondern auch anderen; und nicht nur Frauen, sondern auch vielen (jungen) Männern.

Zu dem Zeitpunkt, als ich die Aha-Erlebnisse hatte, ging es mir so, dass ich nicht mehr aufhören konnte,mir bei allem, was ich esse Gedanken darüber zu machen, ob das dick macht und ob ich die richtigen „Health Choices“ treffe. „Health Choices“ ist ja zur Zeit das große Modewort. Da ich Biologe bin, habe ich dann begonnen, die wissenschaftliche Literatur zu durchwühlen und habe festgestellt, dass sich die meisten Wissenschaftler ziemlich einig sind darüber, dass Diäten und auch dieses zwanghafte „Gesundessen“ auf Dauer Menschen unglücklich, niedergeschlagen und dick macht. Außerdem verlieren diese Menschen jegliches Gefühl dafür, was ihr Körper ihnen an Signalen sendet: ob er hungrig ist oder nicht, ob er etwas verträgt oder nicht. Man isst eben, was der Ernährungsplan, irgendein Experte oder irgendeine Ernährungsphilosophie vorgibt.

Da war mir klar, dass ich ein Buch schreiben muss, damit die Menschen wieder lernen, normal zu essen, dass sie sehen, dass sie sich mit diesen Ernährungskonzepten nichts Gutes tun. Und so kam es zu dem Buch!

Denkst Du, dass Männer und Frauen sich in ihrem Essverhalten stark unterscheiden? Beziehungsweise: Denkst du, dass Frauen unter größerem Druck stehen, einem bestimmten Ideal entsprechen zu müssen oder können Männer diesen Druck einfach besser verstecken?

Ich denke auf jeden Fall, dass sich Männer und Frauen im Essverhalten unterscheiden, aber auch, dass Frauen unter einem größeren Druck stehen.

Das zeigt sich auch schon in den Zahlen. So haben beispielsweise über 20% der siebenjährigen Mädchen bereits eine Diät gemacht oder ernsthaft darüber nachgedacht eine zu machen. Bei den 14jährigen Mädchen findet sich kaum noch eines, welches noch keine Diät gemacht hat.

Allerdings muss man sagen, dass die Männer dramatisch aufholen. Für immer mehr Jungs ist es normal, schon sehr früh Krafttraining zu betreiben, Proteinshakes zu trinken und irgendwelche „Sporternährungen“ zu verfolgen.

Das ist auch ein wesentlicher Unterschied, den ich zwischen Männern und Frauen beim Essverhalten sehe. Bei Frauen sind es häufig die klassischen Diäten oder Ernährungsumstellungen mit denen sie sich quälen und bei Männern kommt das immer ein wenig technisch daher. Da werden eher Proteinshakes getrunken, Trainingsprogramme gefahren und Sporternährung gemacht. Das Prinzip ist aber immer das Gleiche und zwar:

Die Person denkt, dass sie nicht in Ordnung sei, beginnt eine Diät (oder ein Ernährungsprogramm), nimmt ab und fühlt sich super. Später hört der- oder diejenige wieder auf und es setzt der JoJo-Effekt ein – und der kommt immer, weil das ein Teil von Diäten ist. Jetzt denkt der- oder diejenige aber nicht, was für eine sinnlose Sache so eine Diät ist, sondern er/sie denkt, dass er/sie etwas falsch gemacht hat und keine Disziplin hat, ein fauler Mensch sei etc.

Das bedeutet, man schiebt die Folgen der Diät, nämlich den JoJo-Effekt, auf sich selbst und macht sich deswegen fertig, verliert an Selbstbewusstsein, Körpergefühl und das Gespür für Essen. Und dann folgt die nächste Diät oder Ähnliches. Das Ganze ist eine Abwärtsspirale, die man durchbrechen muss. Und da geht es Männern nicht anders als Frauen. Sie tun nur andere Dinge und sprechen vielleicht seltener über ihre Ängste.

Ich schreibe ja auch über Yoga und stelle immer wieder fest, wie stark verwoben ein Großteil der Yogaszene mit Restriktionen jeglicher Art ist. Wer keine Ahnung hat, könnte das Gefühl bekommen, Hardcore-Veganismus, Crossfit oder HIIT seien fester Bestandteil der Yogaphilosophie. Sieht das in anderen Sportbereichen ähnlich aus?

Ja, diese Entwicklung kann ich auch beobachten. Das ist auch in vielen anderen Sportbereichen so. Ich würde aber soweit gehen und diese Entwicklung nicht einmal an verschiedene Sportbereiche knüpfen. Es handelt sich hierbei um einen generellen Trend. Es ist meiner Meinung nach die Weiterentwicklung des Diätwahns.

Viele haben mittlerweile begriffen, dass Diäten nichts bringen, sei es, weil sie es selbst erlebt haben oder weil sie es bei anderen gesehen oder es gelesen haben. Aber anstatt die einzige richtige Entscheidung zu treffen und diesem ganzen Ärger abzuschwören, machen sie genau das Gegenteil: die große Ernährungsumstellung. Das höre ich auch immer wieder, wenn ich mit Leserinnen und Lesern spreche. Sie sagen dann, dass eine Diät nichts bringe und man eben seine Ernährung dauerhaft umstellen muss. Und ich kann aus eigener Erfahrung nur sagen, die Diät ist nur die kleine Schwester der Ernährungsumstellung.

Konkret heißt das, dass man eine lebenslange Diät macht. Man spricht auch nicht mehr darüber, dass man schlank sein will, sondern es geht um die Gesundheit. Man will gesund sein und die richtigen „Health Choices“ treffen. Dabei ist aber allen Beteiligten völlig klar, dass nur ein schlanker Körper ein gesunder Körper sein kann. Dass das jedoch nicht stimmt, wurde hinlänglich in wissenschaftlichen Studien belegt.

Früher haben sich Frauen gegenseitig fertig gemacht, weil eine zu dick ist, jetzt machen sie sich gegenseitig fertig, weil die eine nicht gesund isst. Und ich habe es schon häufig erlebt, dass sich Menschen nicht mehr selbst fertig machen, weil sie zugenommen haben, sondern weil sie denken, dass sie es nicht schaffen, gesunde Lebensmittel auszuwählen. „Gesund“ ist das neue „schlank“ geworden!

Kurz bevor ich Dein Buch entdeckte, machte ich mir in einem Blogpost über die nicht der Realität entsprechende Darstellung von Mahlzeiten auf Instagram Luft und führte den Hashtag #starteating ein. Obwohl der Post regen Zuspruch fand, nutzt kaum jemand den Hashtag und fotografiert echte Mahlzeiten. Fotos von „unintuitiven“ Mahlzeiten dominieren die Social Media Kanäle. Die Leser orientieren sich lieber an Bloggern, YouTubern oder Instagramern mit restriktiven Ansätzen – egal wie absurd diese Ansätze auch sind. Warum isst jemand lieber 20 Bananen am Tag als dass er/sie sich mal locker macht, in sich reinfühlt und dann einfach das isst, worauf er/sie Lust hat? Sind wirklich so viele Menschen so stark abgekoppelt von ihrer Intuition? Und wie kommen wir da wieder raus?

Ich fand den Hashtag #starteating übrigens großartig und habe mir kurz gedacht „Mist, dass ich da nicht drauf gekommen bin“. (Das ist übrigens meine Art, Komplimente zu vergeben.)

Ich kann mir aber auch vorstellen, warum jemand Probleme hat, diesen zu verwenden. Essen war schon immer ein Statement darüber, wer man ist. Einen Hummer zu essen, ist auch ein ökonomisches Statement: „Ich kann es mir leisten, einen Hummer zu essen!“ Wenn man davon ein Bild macht und es bei Instagram hochlädt, dann zeigt man allen damit, wer man ist.

Wer jetzt seine seltsamen, restriktiven und vermeintlich gesunden Gerichte fotografiert und hochlädt, der möchte sagen „Ich bin ein disziplinierter Mensch, ich habe mich und meinen Körper absolut im Griff“. Und ehrlich gesagt ist es eine beachtliche Leistung an Selbstüberwindung und Selbstkontrolle, 20 Bananen zu essen. Das hat aber wenig mit einem freundschaftlichen und respektvollem Umgang mit dem eigenen Körper zu tun. Gelegentlich postet man dann am Sonntag ein Bild von Waffeln mit Nutella, um zu zeigen, dass man trotz allem ja auch manchmal Spaß hat und auch ein wenig locker ist.

Aber weißt Du, das ist es gerade, was ich an diesem Gesund-Ess-Trend so absurd finde. Gesund bedeutet ja im eigentlichen Sinne, dass ich meinem Körper die Nahrung gebe, die er benötigt, damit er optimal in seiner aktuellen Umwelt leben kann und nach Möglichkeit nicht krank wird. Unsere Körper sind tolle und großartige Organismen, die seit Tausenden von Jahren gelernt haben, in allen möglichen Gegenden der Erde zu überleben.

Dass es nicht die eine gesunde Ernährung gibt, sieht man schon daran, dass die Menschen so unterschiedliche Dinge in den verschiedenen Regionen der Welt essen und dort bis heute überlebt haben. Unser Körper ist ein Meister darin, zu erkennen und zu erspüren, was gut für ihn ist. Und er kann uns das auch sagen! Wenn wir mehr Energie benötigen, dann bekommen wir Hunger. Wenn wir Wasser brauchen, dann bekommen wir Durst. Wenn wir mehr Salz brauchen, dann bekommen wir Appetit auf Salziges und so weiter. Ich habe beispielsweise die Erfahrung gemacht, dass ich abends, wenn ich koche, regelmäßig das Essen versalze, wenn ich tagsüber richtig viel Sport gemacht und viel geschwitzt habe. Mir schmeckt das dann, aber meine Frau kann das dann kaum essen. Der Körper holt sich das, was er braucht. Darüber gibt es übrigens auch tolle Studien, die das sehr deutlich zeigen.

Das Absurde ist jetzt, dass da eine riesige Gruppe unter Gesund-Essern ist, die einen gesunden Körper will oder wie im Fall des Yogas eine Verbindung von Körper und Seele anstrebt, und konsequent die Signale ihres Körpers missachtet, Ernährungsplänen folgt und eben z.B. 20 Bananen isst, weil sie denkt, sie weiß es besser als ihr Körper.

Viele vertragen sogar die vermeintlich gesunde Ernährung nicht. Sie bekommen Bauchschmerzen von Rohkost, Blähungen von Vollkorn und Verstopfung von veganem Essen und sagen sich dann selbst, „mein Körper kann eben noch nicht mit der gesunden Nahrung umgehen, weil die ungesunde Welt ihn schon so verdorben hat“.

Für mich fängt gesunde Ernährung damit an, dass ich meinem Körper genau das gebe, was er will und wann er es will. Das bedeutet, dass ich, wenn ich hungrig bin, das esse, was mir schmeckt. Und genau das kann ich nur jedem empfehlen.

Aktuell sieht man jahreszeitenbedingt ja mehr Menschen in weiten Strickpullis als in Hotpants. Ich blieb kürzlich an der Headline einer Zeitschrift hängen, die sich genau darauf bezog und diese Tatsache als Legitimation zum Essen hernahm. Höchstwahrscheinlich essen die meisten Menschen in der Vorweihnachtszeit und an den Feiertagen auch wirklich mehr als sonst. Sonst würden die unzähligen Diätempfehlungen zum Jahreswechsel ja nicht auf eine so große Resonanz stoßen. Gibt es etwas, was Du all‘ jenen mitgeben möchtest, die als Vorsatz für 2016 wieder mal „Abnehmen“ ganz oben auf ihre To Do Liste gesetzt haben?

Ja, als erstes würde ich ihnen empfehlen mein Buch zu lesen. Aber Spaß und Buchwerbung beiseite…Ich würde dringend davon abraten, eine Diät zu starten. Wie erfolgreich auch immer die Diät im Laufe des Jahres sein wird, ich kann den meisten Menschen garantieren, dass sie Ende 2016 mit ca 3 – 5 Kilo mehr auf der Waage stehen und überlegen werden, ob sie nicht das Jahr 2017 mit einer – Überraschung! – Diät beginnen sollten. Und das ist nachgewiesenermaßen bei 95% der Menschen so. Wenn man wissen will, ob eine Person in 5 Jahren deutlich mehr wiegen wird als jetzt, dann muss man nur fragen, ob diese Person aktuell eine Diät macht oder plant, eine zu machen.

Ich empfehle jedem, sich zum Jahreswechsel in einem ruhigen Moment hinzusetzen und sich zu fragen „Wie würde sich mein Leben verändern, wenn sich mein Körper für den Rest meines Lebens nicht mehr ändern würde?“ Was würde passieren, wenn es unmöglich wäre, abzunehmen oder zuzunehmen (manche Menschen wollen nämlich dringend zunehmen). Was wäre, wenn sich die Form meiner Oberschenkel nicht ändern würde, die Cellulite nie verschwinden würde, ich niemals ein „Thigh Gap“ hätte, ich niemals einen Sixpack hätte etc. Was würde sich in meinem Leben für mich ändern?

Der ganze Diät- und Gesundterror lebt nämlich davon, dass die Menschen denken, alles würde besser werden, wenn sie endlich schlank wären, einen Sixpack hätten etc. Und sie verknüpfen so unrealistische Vorstellungen mit diesen Körperzielen! Viele denken, sie wären dann nicht mehr schüchtern, sie würden endlich den Traumpartner oder Traumjob finden, sie hätten mehr Sex, wären erfolgreicher usw. Sie denken, sie wären endlich glücklich, wenn sie nur dieses eine Ziel erreichen würden.

Und in der Hoffnung, dass das Leben besser wird, wenn sie 5 bis 10 Kilo verlören, nehmen sie die ganze Quälerei auf sich. Man tauscht wertvolle Lebenszeit gegen die Illusion, dass alles besser wird, wenn man doch nur schlank oder was auch immer wäre. Und ehe man es sich versieht, sind die Jahre in’s Land gegangen und man ist nur trauriger, frustrierter und beschämter geworden und hat sein Gespür für seinen Körper, Lebenslust und Essen verloren.

Ich möchte jedem mitgeben, dass das Jahr 2016 so nicht aussehen muss und man aus dieser Spirale ausbrechen kann; dass man seine Zeit, anstatt über Essen nachzudenken, mit seinen Liebsten verbringen kann. Dabei wird man feststellen, dass einen die eigene Familie und Freunde genau dafür mögen, wie wir sind und meist weniger dafür, welche Figur wir haben.

In diesem Sinne: Happy New Year!

PS: Auf meiner Seite kann man sich übrigens auch eine Leseprobe des Buches gratis herunterladen!

Tausend Dank, lieber Moritz! 

Und jetzt noch ein Knaller zum Schluss: Ihr könnt hier und heute nämlich 3 Exemplare von Food’n’Love gewinnen! Was ihr dafür tun müsst? Hinterlasst einfach bis morgen früh um 10Uhr einen Kommentar unter diesem Post.

Teilnahmebedingungen:
Wer mitspielen will, muss volljährig sein. Barauszahlung des Gewinns ist nicht. Teilnahme über den Rechtsweg auch nicht. Eure Daten werden nicht zu Spam- oder Werbezwecken missbraucht oder sonstwie weitergegeben.

Edit: Herzlichen Glückwunsch, liebe Sarah, Katarina und Wibke. You got Mail!

Viel Glück!

Jenny