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Interview mit Carola Klein von Lara Berlin

14/10/2015

Interview mit Lara BerlinIch habe Carola Klein vom Krisen- und Beratungszentrum Lara Berlin zu einem Interview getroffen und ihr einige Fragen zum Thema „Sexuelle Übergriffigkeiten bei der Massage“ gestellt.

Danke, dass Du dir die Zeit für dieses Interview nimmst! Wenn eine Frau eine sexuelle Belästigung während einer Massage erlebt hat, kann sie ja mit euch in Kontakt treten. Wie würdest Du eure Arbeit in 3 Sätzen beschreiben?

Wir versuchen, dass Frauen, die einen sexuellen Übergriff erlebt haben (egal wann und egal wo), für sich einen Weg finden, wie sie damit fertig werden. Unser Ziel ist es, dass sie Schuld und Scham verlieren, sich stabilisieren und mit dem Erlebten umgehen können. Dazu bieten wir bis zu 10 Sitzungen an. Der Großteil der Frauen redet erst mal nicht darüber. Diese Frauen quälen sich über Jahre und ihr Leben und ihre Sexualität sind davon beeinflusst. Deshalb ist unser Thema nicht eine vorgefertigte Therapie (das machen die niedergelassenen Therapeuten), sondern wir sind erst mal ein Ort, an dem die Frauen – auf Wunsch auch anonym und ohne Krankenkassenkarte – schauen können, wie sie weiter damit umgehen möchten.

Bei meinem Interview mit dem Polizeibeamten ging es immer nur um die Abgrenzung zwischen „Übergriffigkeit“ und „Straftatbestand“. Wie genau definiert sich „sexuell belästigt“? 

Wir nehmen jede Frau ernst, die sich sexuell belästigt fühlt, egal ob es sich um eine Vergewaltigung handelt oder um ein Pin Up Poster über dem Schreibtisch am Arbeitsplatz.

Kommen viele Frauen zu euch, die eine Übergriffigkeit bei einer Massage erlebt haben?

Das passiert immer mal wieder. Es ist nicht unser Alltagsgeschäft, aber wenn sich diese Frauen an uns wenden, wollen sie meistens wissen, was sie offiziell tun können.

Ich stelle immer wieder fest, dass viele Frauen sexuelle Übergriffigkeiten im Treatmentraum runterspielen, es nicht öffentlich machen und sogar rechtfertigen mit Sätzen wie „Naja, vielleicht stelle ich mich ja auch an.“ Deckt sich das mit Deiner Erfahrung? Warum reagieren Frauen so?

Ja, für das psychische Überleben ist es einfacher, selbst schuld zu sein als sich einzugestehen, selbst nicht mehr die Kontrolle gehabt zu haben (aus welchen Gründen auch immer). Sich psychisch selbst damit zu konfrontieren, dass die Kontrolle von jemand anderem übernommen wurde, ist viel schwerer auszuhalten als mit Schuld und Scham zu reagieren. Hinzu kommt der gesellschaftliche Druck von wegen „Da wehrt man sich doch“ usw. Der Fachbegriff für dieses Phänomen heisst Dissoziation.

Im Bereich der Traumatologie stehen uns 3 Reflexe zur Verfügung, mit denen wir im Falle einer Bedrohung reagieren können und Dissoziation ist einer davon. Bei einem Übergriff wird das Alarmsystem aktiviert – genauso wie bei einem Unfall oder einer Naturkatastrophe. Die 3 möglichen Reaktionen in einer solchen Situation sind Fight, Flight oder Freeze.

Und weil Kampf und Flucht in einem solchen Moment eher ausweglos erscheinen, reagiert der Körper reflexartig mit dieser Starre?

Ja, genau. Diese Reflexe werden bereits sehr früh im Gehirn angelegt. Sie sind nicht bewusst wählbar und lassen sich mit dem Verstand auch nicht einfach so verändern. Zu erstarren oder sich tot zu stellen, kann in vielen Situationen lebensrettend sein. Wenn ein Mensch keine andere Möglichkeit sieht, springt dieses Alarmsystem ganz automatisch an. Diese Reflexe sind sehr primitiv und laufen nicht auf einer bewussten oder reflektierbaren Ebene ab.

Das erklärt dann vermutlich auch, warum fast keine betroffene Frau in solch einer Situation zu reagieren imstande ist. Bei allen mir bekannten Geschichten war es immer der anwesende Partner, der etwas unternommen hat – wenn etwas unternommen wurde. Aber mir ist keine einzige Geschichte bekannt, bei der eine Frau alleine in einer solchen Situation war und „Stop“ gesagt hat. Alle berichten von dieser Handlungsunfähigkeit.

Das ist ganz typisch. Hinzu kommt, dass eine Person, die liegt, sich in einer Regression befindet. Dadurch wird das erwachsene, reflektierende Ich ausgehebelt. Die Frau vertraut dem Behandler und setzt ihre Abwehr herab. Sie ist in der Erwartungshaltung, dass sie Entspannung und Wohlbefinden erfährt. Außerdem sind intime körperliche Berührungen und Lustempfindungen häufig so tabubesetzt, dass sie wegdissoziiert werden müssen. Das ist ein kulturelles Phänomen. In einer solchen Situation kommt also ziemlich viel zusammen.

Viele Menschen, die mich kennen, konnten nicht glauben, dass ich nicht in der Lage war, zu interagieren. Vermutlich hauen sich das viele Frauen im Anschluss genauso um die Ohren wie ich. Und wenn das Umfeld einen dann noch zusätzlich verunsichert, macht das die Sache nicht unbedingt erträglicher. Irgendwie beruhigend, zu wissen, dass es sich bei diesem Verhalten um eine unbewusste und reflexartige Reaktion handelt, die sich mit dem Verstand nicht steuern lässt. Das dürfte vielen Betroffenen helfen, die aufgrund ihres Verhaltens in der betreffenden Situation im Nachhinein hart mit sich in’s Gericht gehen.

Absolut. Einige Frauen reagieren sogar mit einer Reinszenierung auf einen solchen Übergriff. Das heisst, sie gehen wieder hin und begeben sich in die gleiche Situation. Das ist ein Versuch der Psyche, diesen Konflikt aufzulösen und die Kontrolle wieder zu gewinnen. Auch dieser Wiederholungszwang ist nicht ungewöhnlich bei traumatisierenden Situationen, die die Frauen nicht verstehen können und auch hier sind Schuld und Scham unendlich groß.

Seit meinem Interview mit der Berliner Polizei weiss ich, dass man sexuelle Grenzüberschreitungen im Treatmentraum nicht zur Anzeige bringen kann, weil es sich nicht um einen Straftatbestand handelt. Warum macht es trotzdem Sinn, betroffene Frauen zu ermutigen, ihre Erfahrung öffentlich zu machen?

Wir finden auch, dass ein solcher Übergriff thematisiert werden muss, auch wenn es auf rechtlicher Ebene wenig Handhabung gibt. Ich finde es gut, den Vorfall auf der Ebene des Spas entsprechend zu kommunizieren.

Was ist konkret zu tun, wenn eine Gewalteinwirkung stattgefunden hat und somit ein Straftatbestand vorliegt? 

Wenn wirklich Gewalt passiert ist, ist es immer am besten, sofort die Polizei einzuschalten. Je früher die Polizei eingeschaltet wird, desto besser. Außerdem ist es sinnvoll, so viele Beweise wie möglich zu sichern und es jemandem zu erzählen, möglichst einer Person des Vertrauens. Diese Person ist dann auch Zeuge/Zeugin. Außerdem würde ich immer auch anwaltliche Unterstützung suchen und sofort ein Gedächtnisprotokoll anfertigen! Vor allem letzteres ist sehr wichtig.

Wie können betroffene Frauen mit euch in Kontakt treten?

Entweder telefonisch unter der 030-2168888 oder per Email an beratung@lara-berlin.de.

Und wie finden Frauen, die nicht in Berlin leben, eine geeignete Anlaufstelle in ihrer Stadt?

Es gibt den Bundesverband Frauen gegen Gewalt. Dort finden betroffene Frauen Listen von Beratungsstellen zu diesen Themen.

Tausend Dank, Carola!

Ihr seid selbst betroffen? Hier findet ihr die Subpage zum Thema.

2 Kommentare

Kommentar von Lisa am 25/10/2015 bei 12:10   

Wirklich ein sehr interessanter Artikel! Danke dafür :)

Kommentar von I LOVE SPA am 25/10/2015 bei 12:13   

Gerne :)

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