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Interview mit Wilfried Dreckmann zum Thema “Sexuelle Grenzüberschreitungen im Spa”

10/03/2015

Interview mit Wilfried DreckmannDa die Resonanz auf den Post über meine erste sexuelle Übergriffigkeit als Gast so überwältigend war, habe ich beschlossen, das Thema auch mal aus der Perspektive des Spa Managers aufzurollen. Denn der befindet sich (meiner Meinung nach) im Fall einer Gastbeschwerde neben dem Opfer in der zweitblödesten Situation.

Ich bin mehr als happy, dass ich Wilfried Dreckmann für ein Interview gewinnen konnte. Ich verneige mich vor Wilfried, weil er zu den Leuten in der Branche gehört, die auch selbst schon im Treatmentraum gearbeitet haben und nicht nur labern. Wilfried hat darüberhinaus auch schon Top Spas gemanaged, er war einer meiner Dozenten beim Wellness- und Spa Management Studium und Consulting macht er auch. Der perfekte Interviewpartner also. Here we go:

In meiner Zeit als Spa Manager und Spa Therapeut ist mir das Thema Sexueller Übergriff aus so ziemlich jeder Perspektive begegnet.

Deswegen muss ich auch etwas widersprechen. Sexuelle Übergriffe passieren. Ja. Die Formulierung „an der Tagesordnung“ ist aus meiner Sicht allerdings nicht richtig. Es ist ja nicht so, dass alle Masseure jederzeit alle Gäste sexuell belästigen oder mißbrauchen. Und auch umgekehrt ist das nicht so. Allerdings gilt es, dem Thema genau die Öffentlichkeit zu geben, die es braucht: Spa Manager/innen und Behandler/innen müssen wissen dass es „no go’s“ gibt, und wie sie – aus ihrer jeweiligen Perspektive – damit umgehen müssen / können.

Wie reagiert man da Deiner Meinung nach am besten drauf?

Ich glaube dass es insgesamt drei wichtige Phasen gibt:

Es mag etwas seltsam klingen, aber hier kommen meine Erfahrungen aus meinen sehr unterschiedlichen Berufen zusammen:

Erstens muss man sich mit seinem eigenen Verhältnis zu Macht und Sexualität auseinandersetzen. Die beiden Begriffe gehören eng zusammen und wer verstanden hat dass sexuelle Beziehungen beziehungsweise sexuelle Handlungen immer auch Machtverhältnisse widerspiegeln, der kann im Zweifelsfall klarer erkennen wer was mit wem warum macht.

Zweitens muss es BEVOR es überhaupt zu Gast-Kontakten kommt, eine klare, schriftlich festgelegte Regelung geben, wie Gäste zu behandeln beziehungsweise nicht zu behandeln sind. Natürlich ist jedem professionellen Masseur klar, dass man den Genitalbereich des Kunden nicht berührt. Und mehr noch: dass man den Intimbereich jederzeit abgedeckt und geschützt läßt. Oder nicht? Trotzdem passieren sexuelle Übergriffe, was nur bedeuten kann dass es dem einen oder anderen vielleicht doch nicht ganz klar war. Das gleiche gilt übrigens für den Umgang mit sexuellen Übergriffen auf Mitarbeiter seitens Gästen. Eine klare Sprache im Handbuch hat zwei Vorteile: Mitarbeiter verstehen was verboten ist und bekommen (möglichst klare) Handlungsanweisungen, wie sie selbst mit sexueller Belästigung umgehen können / dürfen. Ausserdem wird so deutlich, dass das Thema für das Spa Management nicht tabu ist und offen angesprochen werden kann.

Kommt es trotzdem dazu, dass ein Gast sich beschwert, empfehle ich folgendes:

1. Zeit nehmen. Wer sich über sexuelle Belästigung beschwert oder eine zur Anzeige bringen möchte, hat einen schwerwiegenden Eingriff in seine Persönlichkeitsrechte erfahren. Die Gefühle von Ohnmacht, Scham, Verletzung und Ekel sind zum Teil übermächtig. Wer sich trotz alledem an das SPA Management wendet, hat das Recht auf volle Aufmerksamkeit und genügend Zeit um über das Erlebte sprechen zu können. Es müsste schon gleichzeitig ein Brand im Spa ausbrechen, um zu rechtfertigen, dass man dieses Gespräch auf später verschiebt.

2. Aktiv und empathisch zuhören. Das Thema geht nahe. Und wer dabei in eine „Schockstarre“ fällt und nur noch passiv zuhören kann, hilft der oder dem Betroffenen in keiner Form weiter.

3. Ernst nehmen. Über sexuelle Übergriffe beschwert man sich nicht aus Spaß. Vorausgegangen sind in der Regel viele Überlegungen, ob überhaupt und wenn ja, wie man die Situationen schildern soll. Was für den einen eine „unbedachte Äußerung“ gewesen ist, kann für den anderen eine „Anzüglichkeit“ sein. Die Terminologie von sexuellen Erfahrungen ist in unserer Sprache mit vielerlei Tabus belegt. Nichts davon ist lächerlich.

4. Last abnehmen. Nicht der der sagt, „das Nest ist beschmutzt“ ist der Nestbeschmutzer, sondern derjenige trägt die Schuld der das Nest tatsächlich beschmutzt hat. Derjenige, der die sexuelle Belästigung berichtet, gebührt ausdrücklicher Dank! Und eine Bitte um Entschuldigung ist auch angebracht. „Ich bitte um Entschuldigung für dieses unangenehme Erlebnis“ ist ein Satz, den ich jedem Spa Manager ans Herz lege. Genauso wie „Danke, dass Sie damit zu mir gekommen sind.“ Das Versprechen „Ich kümmere mich persönlich darum“, ist für Gäste ein Zeichen dass sie nicht nur ernst genommen wurden, sondern dass auch Konsequenzen folgen.

5. Beide Seiten hören. Auch der betroffene Mitarbeiter hat ein Recht darauf, Stellung zu den Vorwürfen zu nehmen. Und so schwer es möglicherweise fällt: es gibt die Pflicht zur Unvoreingenommenheit. Zumindest wenn es der erste Vorfall dieser Art ist.

Gibt es ein Standard-Szenario? Sowas wie „den Klassiker“?

Ein Standard-Szenario gibt es dazu nicht. Jede Geschichte ist einzigartig. Sowohl der Gast, als auch der Mitarbeiter, das „drumherum“ und die Persönlichkeit des Spa Managers spielen eine Rolle und machen jeden Bericht über einen sexuellen Übergriff zum individuellen Fall.

Ein weiblicher Gast hat mir einmal völlig irritiert darüber berichtet, dass der (aus ihrer Sicht sehr attraktive) Masseur sich bei der Massage das T-Shirt ausgezogen habe und unter anderem gesagt habe: „Massage ist wie Sex, weisst Du.“ Der Mitarbeiter konnte überhaupt nicht verstehen, dass sie sich davon belästigt fühlte. Das T-Shirt zöge er nur aus weil es in den Räumen so warm sei. Mein klar ausgesprochenes Verbot, sich nie wieder bei einer Massage irgendein Kleidungsstück auszuziehen und nie wieder bei einer Massage das Wort „Sex“ in den Mund zu nehmen, hat (soviel ich weiss) dazu geführt dass in diesem Spa von diesem (relativ schlicht strukturierten) Mitarbeiter keinerlei Belästigung mehr ausging.

Mit einem anderen Mitarbeiter (in einem anderen Spa) musste ich mich auf eine lange, fachliche Diskussion einlassen, warum ein bestimmter Handgriff bei weiblichen Gästen nicht angebracht sei, auch nicht bei ausreichender Kommunikation etc. pp. Nach dem zweiten Vorfall habe ich die fristlose Kündigung ausgesprochen.

Gibt es mehr Frauen oder mehr Männer, die Übergriffigkeiten melden?

Ich habe bisher ausschliesslich weibliche Gäste erlebt, die sich über sexuelle Übergriffe beschwerten.

Ich weiss von männlichen Kollegen, dass es ganz selten auch weibliche Gäste gibt, die sexuelle Handlungen im Treatmentraum einfordern und dann eine Übergriffigkeit melden, wenn der Behandler nicht darauf eingeht. Wie soll man das als Spa Manager unterscheiden können? Ist es letztenendes immer eine Frage des Bauchgefühls?

Auch hier gilt, wie weiter oben beschrieben: Eine klare Handlungsanweisung für Mitarbeiter, wie sie in solchen Situationen reagieren können / sollen, hilft allen. Klare, offene Kommunikation ist ein weiteres, wichtiges Werkzeug um solchen Situationen vorzubeugen.

Ansonsten aber hast Du Recht: Da die Tür zum Behandlungsraum geschlossen ist, und es keinerlei Video oder Tonaufzeichnungen gibt, und am Ende wahrscheinlich Aussage gegen Aussage steht, ist Dein Gefühl das einzige, was weiterhilft. Umso wichtiger, ist es, sein Gefühl zu trainieren. Unter anderem, wie anfangs gesagt, indem man sich mit seinem eigenen Verhältnis zu Macht und Sexualität auseinandersetzt.

Herr Pawellek von der Berliner Polizei sagte mir, dass es sich bei den meisten Anzeigen um Selbständige handelt und dass es so gut wie nie Anzeigen aus Kliniken und Hotels gibt. Man könnte also fälschlicherweise annehmen, dass es sexuelle Übergriffigkeiten in Hotel Spas nicht gibt. Da ich selbst seit 8 Jahren in Hotel Spas arbeite, weiss ich, dass das nicht stimmt. Woran mag das wohl liegen, dass es in diesem Bereich keine Anzeigen gibt?

Zunächst glaube ich, wie gesagt, dass sexuelle Übergriffe vor allem in Hotel Spas nicht so häufig vorkommen. Das reduziert an sich schon mal die Anzahl der möglichen Beschwerden. Kommt es zu einem Übergriff, ist der erste Ansprechpartner das Spa Management, nicht die Polizei. Das Spa beziehungsweise Hotel Management hat in der Regel wenig Interesse an einer Strafanzeige oder einer kriminalistischen Verfolgung. Es wird entweder abwiegeln oder den eigenen, disziplinarischen Maßnahmenkatalog durchziehen. Eine Öffentlichmachung, im Sinne einer Anzeige bei der Polizei, wird also in der Regel nicht stattfinden.

Denkst Du, es ist in Bezug auf diese Thematik von Vorteil, wenn der Spa Manager selbst mal in der Kabine gearbeitet hat und dadurch bedingt bereits eigene Erfahrungen mit sexuellen Grenzüberschreitungen im Treatmentraum hat?

Sexuelle Grenzüberschreitungen braucht keiner. Wer aber schon mal solche Erlebnisse hatte, und sich darüber hinaus auch aus Management-Sicht mit dem Thema beschäftigt, hat es vielleicht leichter, mit dem Thema umzugehen.

Denkst Du, dass weibliche und männliche Spa Manager in solchen Situationen unterschiedlich agieren?

Ich denke, es ist weniger eine Frage des Geschlechtes des Spa Managements, als vielmehr eine Frage der Persönlichkeit. Reife, Erfahrung und (wieder) die Fähigkeit, sich mit seinem eigenen Verhältnis zu Macht und Sexualität auseinander zu setzen, bestimmen den Umgang mit dem Thema.

Wenn man am IST Studieninstitut Wellness- und Spa Management studieren will, kommt man an Dir als Dozent ja nicht vorbei. Werden zukünftige Spa Manager auf solche Situationen irgendwie vorbereitet?

Haha, doch man kommt sehr wohl an mir vorbei. Ich bin ja nicht der einzige Dozent! Allerdings ist das Thema sexuelle Übergriffe vermutlich am ehesten im Bereich Personalführung und Management Skills anzusiedeln. Und das gehört zu meinen Lieblings-Seminaren! Bisher habe ich das Thema nur angesprochen, wenn es aus dem Kreis der Teilnehmer aufkam. Zukünftig werde ich es als festen Bestandteil mit aufnehmen. Im neuen Spa Management Modul innerhalb der Bachelorstudiengänge an der IST Hochschule gibt es unter anderem ein neues Lehrheft „Risiko Management im Spa“. Darin gehe ich umfangreich und mit klaren Handlungsanweisungen auf das Thema sexuelle Übergriffe (aus den unterschiedlichen Perspektiven) ein.

Tauend Dank an Wilfried für die ausführlichen Antworten zu diesem brisanten Thema. Mehr von Wilfried gibt’s hier und hier.

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